Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1842-11-29 · 49 (29.11.1842) · p. Spalte 775-776

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1842
Issue
49 (29.11.1842)
Date
1842-11-29
Page
Spalte 775-776 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/8555529-9894039-9894116--2394-3529872
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

775 Jüdische Philosophie. Mendelssohn und seine Schule. Von Dr. Steinheim. 778 die wahre innere Ehre des Menschen retten; er wollte nicht, daß seine Brüder Concessionen aus zeitlichen Rücksichten machten^. „Sein Motto war: Lieber in Ehren Thor, als in Schanden Professor! Ehre seinem Andenken". Die Folgen, die sich aber daraus ergaben, waren unvermeidlich. „Wer konnte jenem unvollkommenen Vernunftwesen die Inkonsequenz Zutrauen, mit der wunderlichen Etiquette eines Häufleins räudiger Schaafe, die der Egypter-König ihres Aussatzes halber aus dem Lande gejagt swas der Verfasser zweimal ohne kritische Würdigung dem Tacitus nachsprichtj, es so hoch, so pünktlich zu nehmen, wie ein menschlicher König etwa mit der Uniformirung und der Wachparade seiner Garde?" „Haben wir den Gott durch unser Nachforschen erfunden, so soll uns auch die allerbeste unverschnörkelte Weise, ihm zu dienen, nicht entgehen. Etwa so war das natürliche Raisonnement der nachfolgenden Schüler des Philosophen beschaffen". „Und die Zeit ist der beste Consequenzenmacher". Der große Schritt zwischen dem nicht offenbarten Gotte und seiner geoffenbarten Legislatur ist vollbracht, und die neue Zeit ist auf beiden Seiten von dem alten Testamente, seinen Lehren und Verheißungen losgetrennt." „Der Gott des Himmels ist ein jenseitiger, ein Gott jener finstern Zeiten in der Wüste, der für die weisen, gepuderten und bezopften Juden Berlins doch gar zu abgeschmackt war" (p. 28). Und so leugnete die postmendetssohnsche Zeit alle und jede Offenbarung, „die ganze Epoche und M. an der Spitze war eine negirende und destructwe. Mendelssohn hat durch sein Unternehmen, das Dasein Gottes bis zur Evidenz zu beweisen, sich ganz von der geoffenbarten Lehre von Gott losgesagt, und er hatte, indem er ihr das Mark herausgebohrt, die Palme zerstört.' Aber ohne diese Axt an der Wurzel wäre höchstwahrscheinlich noch lange nicht das dichte Gestrüppe um sie her zu vertilgen gewesen". Durch ihn und seine Schule ^zerstob das Aeußerliche und Unwesentliche und es drängte sich und begann der Wettgeist seine Arbeit". Wir haben nun alle zwar die Höhe erreicht, allein von dem wahren Ziele ist man noch fern. Wohl gebricht es der Gegenwart an Männern, wie M., die die fortschreitende Bewegung mit solcher Riesenkraft hervorriefen, dafür „hat Israel aber eine ewige Alpenkette, die Lehre seines ersten Moses , das Wort der Offenbarung". Man beginnt bereits, und zwar durch die Arbeit des Herrn Verfassers, die er natürlich mit Bescheidenheit verschweigt, den richtigen Begriff der Offenbarung und der wahren Theokratie einzusehen, und geht sicher einem ewigen Frieden und einer ewigen Versöhnung entgegen. „Sollten wir diese Epoche symbolisirend darstellen, so würden wir sie biblisch darstellen als die Versöhnung Abel's und Kain's, des Hirten mit dem Ackerer, des Monotheisten und Polytheisten, des Eintritts des Gottesstaates an die Stelle des Gesetzes, der Nomokratie, der Offenbarungslehre an die Stelle des Heidenthums." Man könne an diesem Siege eben so wenig verzweifeln als an dem Siege der Menschheit. Der Weg, den man nun 'zu gehen habe, ist zu prüfen und zu wägen das klare und unverfälschte Wort der Offenbarung ohne allen Commerttar, ohne Zuthat und ohne Abnahme. Man gehe den Weg des ernsten Zweifels, von ihm geht die echte Wahrheit aus, aber schätze auch nach Werth , was geboten wurde; denn der Mensch kann die Wahrheit nicht immer selbst erfinden. Die gefundene aber weiß er zu würdigen. Das bietet die richtige Stellung, die wahre Bedeutung des Lebens, den Werth der wahren Erkenntniß. Nach dem Standpunkt, den einmal der Verfasser einnimmt, müssen wir gestehen , daß die Behandlung und Würdigung Mendelssohns eine gediegene, leidenschaftslose, mäßige und gründliche sei; doch können wir sie nicht eine lichtvolle nennen. Der Verfasser bezeichnet nicht mit klaren einfachen Worten seine Meinung, sondern meist, wie dies aus den wörtlich angeführten Stellen zur Genüge hervorgehet, mit periphrastischer Schreibung. Seine Rede trifft mehr die Form als die Sache. Auch können wir nicht die Combination rühmen, da sie durch eine mehr gerundete Einheit des ganzen Planes im Buche, glücklicher Hatto sein können. Bewundernswerth aber bleibt die Entschiedenheit seiner Ansicht, gegründet auf seine ausgebreitete, gründliche und umfassende Gelehrsamkeit und das innere Selbstbewußtsein, welche beide gepaart mit seiner großen Bescheidenheit ihn zum wahrhaft „großen Mann" machen. Hhd. Homiletische Literatur. Predigten< v on Dr. Naphth ali Frankfurter. 1. Abtheilung. Festpredigte n. Gehalten im neuen israelitischen Tempel zu Hamburg. Hamburg, B. S. Bereudsohn. 1842. XIV. und 94 S. 8. Es liegt im Wesen des Iudenthums, daß es die Scheidung, die bei allen übrigen Confessionen mehr oder minder scharf zwischen Geistlichen und Laien sich geltend macht, unter uns nicht aufkommen kann. Nur die fanatischen Iudenhasser im Mittelalter mögen ihre furchtbaren Leidenschaften hauptsächlich an den Geistlichen gesättigt haben, weil sie diese als die Träger der jüdischen Ideen, als die Förderer des vermeintlich durch dieselben genährten Christenhaffes, gewissermaßen als Faktionshäupter betrachteten und durch ihre Märtyrerfestigkeit den größten und beharrlichsten Widerstand erfuhren. Unsere Zeit, welche der Glaubenswut!) blutige Opfer zu bringen aufgehört hat, ist indessen gleichfalls weit davon entfernt, den jüdischen Geistlichen irgend einen Vorzug vor der übrigen Gemeinde einzuräumen. Der Staat und die Gesetzgebung lassen jene unter demselben Drucke schmachten, wie die Juden überhaupt; sie machen in der Regel keinen Unterschied in der Behandlung des Hirten und seiner Heerde; wenige Länder ausgenommen, verfährt man gleich stiefmütterlich gegen beide. Außerdem wird aber die Stellung des Geistlichen in der Gemeinde selbst jetzt dadnrch noch ungemein erschwert, daß ihm

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.