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Der Orient · 1842-11-29 · 49 (29.11.1842) · p. Spalte 773-774

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Journal
Der Orient
Volume
1842
Issue
49 (29.11.1842)
Date
1842-11-29
Page
Spalte 773-774 (sequence 3)
Language
German
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773 Jüd. Philosophie. Mendelssohn und seine Schule. Bon Dr. Steinheim. 774 früher» Erkenntnißgrad gegenüberstellt, ihn selbst abwägt und schätzt, , der wird, insofern er in ihm das Bessere und das Wahre erkennt, denselben als den Akt einer planvollen und überdachten freien Vorsehung ansehen, die sich eben so gut anders oder gar nicht offenbaren konnte, darum aber dieses, offenbarte, weil es gut und wahr ist. Denn dadurch, daß die Möglichkeit eines Anders- oder Nichtsein zugestanden wird, wird sogleich angenommen, daß die gewordene Evolution keine absolut nothwendige sei. Es stellt sich beiläufig diese Differenz der Auffassung auch durch das Substrat heraus, dem man bei dem Offenbarungsakt die Hauptrolle beilegt und zuertheilt. Wer nur den menschlichen Geist und seine mannigfache Evolution im Auge hat, der mißt auch bei der Offenbarung die Hauptrolle dem Volke bei, und muß also nothwendig dem Volke die Befähigung beilegen, die es für die höhere Stufe empfänglich macht» Er nimmt somit eine stetige Entwickelung des Volkes an. Wer dagegen nur Gott, als den Schöpfer und Begründer des Offenbarungsaktes im Auge hat, der ewig unveränderlich und ewig derselbe ist, muß, wenn er die geschehene Offenbarung motiviren will, ihn als einen Akt der Vorsehung, eines freien Willens , dem in Freiheit beliebte zu dieser Seit zu handeln, betrachten» Der Verfasser, der nur eine einseitige, entschiedene Auffassung der einzelnen in das Gebiet der Gottesgelahrtheit fallenden Begriffe hat, findet nun so Vieles in den Ansichten Anderer zu tadeln, und hat durchweg das Streben, nachzuweisen, wie der Offenbarungsbegriff so mannigfach mißverstanden, der Offenbarungsglaube so wenig Extensität wie Intensität habe» Und er weist nun an dem Offenbarungsinhalt, wie er ihn construirt, die Erhabenheit und Einseitigkeit des Mendelssohnschen Standpunktes und seines Strebens nach, je nachdem er von seiner (des Verfassers) Ansicht, oder was ihm (dem Vers») identisch ist, von der Wahrheit abweicht oder sich ihr nähert. Sur genauer» Bestimmung referirt der Vers, über die M. M. vorangegangene Zeit, damit der Standpunkt und das Streben Mendelssohns weder überschätzt noch verkannt werde. Er entwirft ein Bild der antemendelssohnschen Seit mit vieler Anmuth und vielem Witz, das in den pikanten und grotesken Figuren uns eine sehr getreue Darstellung des Geistes jener Seit vorführt. Er flicht dabei Anekdoten aus dem eigenen Privatleben mit ein, und steigt von dem Speciellen zum Allgemeinen empor. So getreu aber auch die äußere Abkonterfeiung ist, so wenig mochten wir übereinstimmen mit den inner« Motiven, die der Vers» zu Grunde legt; er sagt S. 13^ „diese zahllosen sogenannten Gelehrten waren die, die, ihren großen Vorfahren und Mustern unähnlich, die Worte her heiligen Schrift, die sie interpretirten, auch zu ihrem Nutzen auszubeuten verstanden» Diese Menschenklasse lieferte uns Deutschen das volkreiche Polen, wo es von Gelehrten solcher Art wimmelte, die für die Weisheit, die sie uns brachten, mit Bereitwilligkeit unsre vergänglichen Güter eintauschten". Wahrlich, nur Unkunde oder Gehässigkeit kann ein solches Urtheil abgeben. Die einwandernden polnischen Juden, die der Roth ihrer Verhältnisse folgten und in den deutschen jüdischen Familien Aufnahme fanden, mögen wohl beigetragen haben zur Verfinsterung der Lebensansichten, weil diese in der Regel der Hefe ihres Volkes angehörten und ein Auswurf ihrer Gemeinde, anderwärts Achtung und Brod suchten, die sie zu Hause verloren, also selbst gerade nicht die hellsten und klarsten Ansichten vom Leben hatten; aber nie und nimmer war es eine absichtliche. Täuschung ihrerseits, am allerwenigsten geschah es um „unsere vergänglichen Güter" zu erringen. Sie, die da fasteten und beteten den ganzen Lag und ihre Geistesanlagen an den übermenschlich scharfsinnigen Verwebungen der möglich gesetzlichen Fälle verwendeten, standen ebenso, wie ihre deutschen reichen Brüder unter der Macht des Zeitgeistes; diese wollten.sich in ihrer Richtung bestärken und vorwärts bringen lassen, und da sie. dazu weder Geist noch Zeit hatten, mietheten sie sich, die armen aber geistvollen und müssigen Polen, und diese mußten, oder besser, sie thaten es vielmehr aus Liebe, denn als Kinder derselben Zeit hatten sie denselben Geschmack und dieselbe Religionsansicht, daß sie den frommen Willen ihres Brodherrn ausführen. Würden sie es gewagt haben, andere Ansichten, zu lehren, als solche, die dem Geschmack der deutschen Brüder zusagten, so würde man ihnen nicht nur ihr Brod entzogen, sondern sogar ihnen auch den Laufpaß bis zur Grenze aufgedrungen haben. So haben unseres Bedünkens die polnischen Juden wie ihre deutschen Brüder gleichen Antheil an dem damaligen Sustande. Doch wir wollen darum nicht rechten, gleichviel wer sie herbeigerufen; wir betrachten diese Richtung dazumal als ein Factum, das uns vorliegt. Dieser Richtung trat nun M. bei und dadurch entgegen; er „hielt den rationellen Monotheismus mit dem der heiligen Urkunde für identisch", und meint „Gebote, die sich von selbst verstehen, und aus der Beschaffenheit des menschlichen Gemüthes abgeleitet werden konnten, brauchten nicht erst offenbart zu werden; und wenn auch nicht ausdrücklich, so zeugt doch seine Unternehmung in jener Schrift Morgenstunden^ eben so sicher, daß der Grundsatz des Wolfenbüttler Fragmentisten „„daß die Bücher des alten Testaments nicht geschrieben worden, eine Religion zu offenbaren"" auch der seinige gewesen, sei" (p. 10). Dagegen Über lehrte er: daß „religiöse Vorschriften und Ceremonieen könnten allein für unbegreifliche Offenbarungen, und müßten deshalb für unverbrüchliche Gesetze, und zwar so lange gelten, bis es dem Gesetzgeber gefiele, diese Verordnungen, mit eben der Feierlichkeit zurückzunehmen, wie er sie am Sinai promulgirt habe." Durch diese Ansicht wurde die Vollendung der antemendelssohnschen Zeit ausgedrückt; auch in dieser ward der Monotheismus als die dem natürlichen Gefühle am meisten zusagende Ansicht vorausgesetzt, über Gott selbst wenig nachgedacht, dagegen galten die Ceremonieen und Gesetze als der Inbegriff der Offenbarung und bildeten die Beschäftigung des ganzen Lebens. „Der Halt der Religion war ihnen das Eeremoniel" (p. 32.) „Er", M. „wollte offenbar nichts Anderes als 49*

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