Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 49 (29.11.1842)
- Date
- 1842-11-29
- Page
- Seite 386 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 386 — jetzt auf dieselbeWeise und durch dasselbe Mittel sehr bequem zu bewerkstelligende Acquisition einer dortigen privilegirten Zeitung sei und wie sie nicht blos für ihre Glaubensgenossen in der Nähe, sondern wohl bis in die weiteste Ferne hinwirken könne/ da mit Ausnahme dogmatischer Streitigkeiten die Censur der freien und würdigen Besprechung der jüdischen Angelegenheiten daselbst wohl kaum mr bedeutendes Hinderniß in den Weg legen würde. — Aber man vergesse nicht folgende Vorsichtsmaßregeln: Man behandle jene Angelegenheiten nicht zu breit, geschwätzig, persönlich und isolirt, man wolle sie nicht immer zur Hauptsache erhoben wissen, man fülle die Spalten eines Blattes, das der Reihe nach alle Interessen des Staates und der Menschheit zu beleuchten hat, nicht mit den Herzensergießungen einer Religionspartei, es dränge sich nicht immer eine und dieselbe Person vor, zumal wenn sie nur dieses eine Thema behandeln will oder kann und sich mit den meisten übrigen Zeitfragen und den andern Tendenzen jenes Blattes in keine nähere Berührung'stellt: man treibe mit einem Worte keinen Mißbrauch, mit der Güte und Zuvorkommenheit einer Redaktion und verderbe ihr beim größeren Publikum den Credit nicht. Nächstdem wäre zu beherzigen, daß sobald die Verhältnisse der Judenzur Sprache kommen, das Urtheil eines vorurtheilsfreien und unabhängigen Christen zehnmal schwerer in die Waagschale fällt als ein auch von dem gebildtesten Juden gefälltest- Dies scheint mir auch eines der Hauptargumente zu sein, weshalb jeder für den Sieg des Rechtes wahrhaft begeisterte Jude der Einführung der jüdischen Literatur in allgemeine öffentliche Lesezirkel nicht Vorschub leisten soll. ' Auf die Mißgriffe, die Unannehmlichkeiten, ja die wirklich nachtheiligen Folgen, die sich an eine solche Verbreitung des nur konfessionell Wichtigen u> Bedeutsamen reihen können und —- ich spreche es mit schmerzlichem Vorgefühl aus — reihen werden, komme ich bei einer andern Gelegenheit ausführlicher zurück. Versuchen wir nach dieser Digression den kürzesten Rückweg zu unserm Thema: Welches Interesse kann der christliliche Leser der Berichte über den Breslauer Gemeindezwist an den dortigen Vorgängen nehmen? Muß ihn nicht das Detail/ das wir in den jüdischen Zeitschriften darüber finden, langweilen oder aneckeln, betrüben oder mit Indignation erfüllen? — Ich habe dieses Beispiel gewählt, weil es leider' neben dem Emancipationskampf unter allen Ereignissen, welche im vorigen Jahre die preußischen Juden betrafen, am weitesten in den Vordergrund getreten ist. Sprechen wir noch einmal unser innigstes Bedauern darüber aus, daß in einer so großen Gemeinde und in einem solchen Zeitpunkte ein so unseliger Conflikt zwischen den Vorstehern nebst dem von ihnen erwählten Geistlichen auf der einen und orthodoxen Majorität der Gemeinde in Gemeinschaft mit dem älteren geistlichen Beamten auf der andern Seite sich erzeugen, allmälig verbittern, immer schlimmer verwickeln und endlich zu einer Gereiztheit führen konnte, die sich in den ärgsten Invektiven und den krassesten Denunciationen aussprlcht. Ein bis jetzt noch, erfreulichere Seiten darbietendes Ereigniß ist die Berliner Rabbinerwahl, die aber am Schlüsse des Jahres 5602 noch nicht zum erwünschten Ziele gediehen war, da, allem Anschein nach, der zuerst gewählte Herr Dr. Frankel zu Dresden den Ruf in die Hauptstadt des preußischen Staates abgelehnt hat. So erfreulich die Einigkeit zwischen den verschiedenen religiösen Parteien in der Auffassung des Streites über, die Erlangung bürgerlicher Gleichstellung hervortrat, so traurig offenbarte sich dagegen der Zwiespalt in der Ansicht über die Reform des Cultus. Auch mehrere preußische Gemeinden und namentlich die Repräsentanten derselben lieferten dafür klare Belege. So nahmen mehrere preußische Rabbiner und Prediger für das Hamburger Tempelgebetbuch, andere, zumal in Oberschlesien und im Großherzogthume Posen für Hrn. S. Tiktin Partei. Unter den Personalveränderungen im geistlichen Stande sind nur wenige zu erwähnen: der Rabbinatskandidat Gebhard, gegen dessen Anstellung mannigfache Jntriguen stattgefunden zu haben scheinen, wurde von der Regierung als Rabbiner zu Wreschen im Großherzogthum Posen bestätigt, scheint aber nachträglich auf die nachgesuchte Stelle wieder verzichtet zu haben. Der Lehrer Hr. Klein aus Baiern der sein pädagogisches und kanzetrednerisches Talent und seine Tüchtigkeit als Beamter während seiner Amtsführung an der Schule zu Altstrelitz (in Meklenburg) und als R.rbbinatsaffessor bei der dortigen Gemeinde bewährt hatte, folgte einem Rufe als Rabbiner und Prediger nach Stolp in Pommern. Der Candidat Meisel, früher in Hamburg, später in Schlesien, nahm das Rabbinat zu Stettin ein. (Fortsetzung folgt.) Deutschland. Hamburg, 8. November. (Wochenbericht über jüdische Verhältnisse. 8 —15. November.) So oft sich der Nebel ein wenig zu zerstreuen beginnt, hoffen ,wir, daß der Glanz der Sonne bald zum Durchbruche kommen und sie selbst mitten in einem reinen, ungetrübten Aether hellstrahlend erscheinen werde. Oft umzieht sich wieder der Himmel; neue Wolken sammeln sich am Horizont; immer trüber gestaltet sich das Bild des Firmaments; aber die Hoffnung zerstreut das finstere, unheimliche Gewölk. So geht es uns Juden zumal; wir glauben, der Anfang des Endes sei gekommen, das 3iei sei nahe, so oft wir das Recht über die Gewohnheit, die Vernunft über den Fanatismus, das natürliche, echt menschliche Billigkeitsgefühl über das krasse, entadelnde und entsittlichende Vorurtheil siegen sehen.