Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1842-11-15 · Beilage zu Nr. 47 (15.11.1842) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Beilage zu Nr. 47 (15.11.1842)
Date
1842-11-15
Page
Seite 3 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360201-9894112--2734-3529831
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

nnmg hindernd in den Weg getreten werden kann. Wir fühlen uns daher verpflichtet, diesem Gerüchte seinen gehässigen Charakter zu benehmen, und den wahren Hergang der Sache in diesem für alles jüdische Interesse empfänglichen Organ niederzulegen. Das Gerücht verdankt nämlich seine Entstehung einigen fremden, bei hiesigen Gewerbtreibenden im Dienste stehenden Menschen, die, die wiederholten Verweise des Synagogen-Vorstehers nicht berücksichtigend, ihr ungebührliches Betragen auf dem ihnen angewiesenen 2. Chor fortsetzten, worauf sie auf eine kurze Zeit gewaltsam aus der Synagoge gewiesen wurden. Daß dieser Akt nicht ganz ruhig geschehen konnte, versteht sich von selbst, soviel aber kann versichert werden, daß außer den dabei betheiligten Per-, sonen Niemand sich in diese Sache eingemischt hat, um wieviel weniger von einer gegen den Choralgesang feindlich gesinnten Partei die Rede sein kann. Bei dieser Gelegenheit halten wir es für cathsam, einen kurzen Bericht über den hiesigen Gottesdienst mitzutheilen, um die zwar genugsam besprochene, aber bis jetzt noch selten nachgeahmte Synagogenordnung in Anregung zu bringen. Denn Jedermann kennt wohl das Banner, um das sich in der neuern Zeit das religiöse Leben in Israel zu schaaren und zu regeneriren anfangt; eS ist die Synagoge mit ihrer Predigt, die einerseits dem im Judenthum fühlbar gewordenen Jndifferentismus, andererseits der Verknöcherung und Verstümmelung des Gedankens, in eine Blasphemie ausartend, zu steuern, und die am Herzen des Judenthums liegende Eisrinde durch die Strahlen des gemüthlich-geistigen Ausdrucks hinwegzuschmelzen, und es für das geistige Leben zu erwärmen beginnt. Es ist daher ein freudiges Gefühl, von einer nicht unbedeutenden Gemeinde wie die hiesige berichten zu können, wie sie, dem geistigen Fortschritte lauschend, mit der Bewahrung und Pflegung alles dessen. was dem religiösen Leben förderlich sein kann, mit unermüdetem Eifer sich beschäftigt, und wir müssen es dankend anerkennen, daß kein einziges Mitglied sich mit der neu eingefühcren Synagogenordnung unzufrieden zeigt. Ref., dem es nach mehreren Jahren gegönnt ist, hier wieder einige Zeit zu verleben, wird nie den tiefen Eindruck vergessen, den er beim Eintritt in das neuerbaute, prächtige Gotteshaus empfing, als eine feierliche Versammlung, angeführt von einem aus 40 Knaben bestehenden Chor, in heiliger Andacht das Gebet verrichtete, das sich nach einer vom hiesigen Rabbiner (H. Joel) .ui rein deutscher Sprache gehaltenen Predigt nur desto feierlicher gestaltete. Welches heilige Gefühl bemächtigte sich der andächtig Betenden! Gewiß, unsere Voreltern, erstünden sie aus ihren Gräbern, und wohnten diesem Gottesdienste bei, sie könnten nur Freude darüber äußern. Ein Beispiel des geistigen Einflusses, welchen diese schöne Ordnung auf die Gemüther ausübt, kann wohl das Fest der Gesetzesfreude abgeben, an dem doch in frühem Jahren nichts weniger als gebetet wurde, und wahrlich, an dem Wersöhnungstage bedarf es keiner großem Andacht als der, mir welcher hier am Tage der Gesetzeßfreude der Gottesdienst abgehalten wurde» Ein Choralgesang, aufgeführt von etwa 80 Choristen, die schon vorher besonders zu diesem Akt eingeübt wurden, weihte ihn durch die herzergreifendsten Gesänge ein, und allen Anwesenden theilte sich ein so heiliges Gefühl, eine so wahrhafte Begeisterung mit, daß fast in jedem . Auge Thränen der Rührung standen. Daß ein solcher verbesserter Kultus seinen Zweck nicht verfehlt und den Sinn selbst für das ceremonielle Judenthum nicht erkalten laßt, beweist hinlänglich der glühende Eifer, der in Allen ohne Ausnahme für das religiöse Interesse pulst rt, und so geschah es, als am Sonnabend zwischen dem Neujahrs- und Versöhnungstage der hiesige Rabbiner eine Ermahnung, unter andern auch über die Vernachlässigung des Quell- oder Reinigungsbades hielt, Sonntags darauf die Herren Verwaltungsbeamten und Repräsentanten eine Sitzung anberaumcen, zufolge welcher 1500 Thlr. zum Bau einer neuen, an der Warthe gelegenen Mikwe bewilligt wurden. Am meisten beseelt ein solcher frommer Sinn und thätiger Eifer für alles wahrhaft Gute und Schöne unsere Herren Vorsteher, an deren Spitze Herr Hirsch Liepmann Krakau steht, unter deren Leitung die hiesige Gemeinde sich hoffentlich noch vieles Segenreiche zu erfreuen haben wird. Mögen unsere Worte, im Gefühle unserer Religion gesprochen, bei unfern Mitbrüdern Anklang finden, und mögen andere Gemeinden eine ähnliche Cultus- Verbesserung ins Dasein rufen, damit das religiöse Leben und der Sinn für die geistige Regsamkeit immer mehr an Umfang gewinne und in allen Gemüthern Wurzel fasse. I. H. H. S ch w e i z. Genf, 20. Septbr. Erst nach dem letzten Pariser Frieden sind zur katholischen und protestantischen Bevölkerung unseres Kantons auch Juden gekommen, und obgleich mancher Schweizer, in seiner Abneigung gegen die Bekenner des Judenthums, lieber die französische Landschaft Gex aufgegeben, als die jüdische Mitgabe angenommen, so mußte sich doch der Kanton die Anwesenheit der Juden gefallen lassen, was um so leichter war, als sie, ohnehin nur 60—70 Seelen ausmachend, die Hauptstadt mieden, oder besser von derselben fern gehalten wurden. Die Zeit, die jo oft besser als die vernünftigsten Beweisgründe die finstere Macht der Unduldsamkeit besiegt, hat auch hier allmälig in .soweit das Voructher'l beseitigt, daß allmalig sich so mancher Jude hier niederließ und seinen Geschäften nachging, was um so leichter geschehen mußte, als der französische Jude von einer solchen Beschränkung nichts wußte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.