Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 47 (15.11.1842)
- Date
- 1842-11-15
- Page
- Seite 372 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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372 setzen, ein Verfahren, das jener nicht blos Ehre macht, sondern ihr auch von der Staatsklugheit diktirt ist. Die österreichische Regierung ist viel zu vorsichtig und bedächtig, um einer Gährung, die sich möglicher Weise nach ganz andern Dichtungen hin verbreiten könnte, freien Lauf zu lassen. — Auch der Privathaß der in einem einzelnen Falle (von Rosas gegen die jüd. Aerzte) sich gegen die Juden kehrte, hat sein Ziel verfehlt, und ist (durch die jüdischen Aerzte Wiens) in seine Schranken zurückgewiesen worden. — Der Rabbiner von Nikolsburg in Mähren ist gestorben. — Das jüd. Schulwesen in Böhmen. und Ungarn scheint sich steigend zu verbessern. Kein Staat zog indessen ununterbrochener und in höherem Grade unsere Aufmerksamkeit auf sich als 9. Das Königreich Preußen. Zu der Rolle, den Panegyriker der preußischen Juden zu spielen, würde ich gewiß schlecht paffen. Einmal nämlich erscheint mir jedes Lob einer Gesammtheit nicht weniger ungerecht und schief als jeder auf eine Corporation, Glaubensgenossenschaft u. dgl. sich erstreckende Tadel, dann aber würde mir jeder Pmis dieser Art zugleich als Eigenlob gedeutet werden können. Ueberdies haben die preußischen Juden neben den Lichtseiten auch viele der Schattenseiten sich angeeignet, die dem preuß. Staate und seinen Institutionen oder dem preuß. Volke und seinem Naturell angehören. Wiederum ein Beweis, daß es eben so unmöglich wäre, eine Corporation und Nation aus, ihnen herauszudrechseln oder in sie hineinzuescamotiren, als einen Strom von seiner Mündung zur Quelle zurückzuleiten. — Man vergleiche nur, natürlich alle eitle Ueberhebung, die den Unterdrückten am wenigsten ziemt, bei Seite gelassen, die preußischen Juden mit den österreichischen, beide in ihrer Ducchschnittsbildung betrachtet, und man wird sonder Zweifel den in Preußen wohnenden Juden die Gerechkeit widerfahren lassen müssen, daß man ihre Intelligenz für eine im Verhältnisse zu der ihrer österreichischen Glaubensgenossen ungemein fortgeschrittene erklärt. Für die Zurückgebliebenen hieraus einen Vorwurf zu machen und einen Stachel zu ziehen, nicht mm ihn zu entfernen, sondern um ihn noch tiefer in die Seele der Verwundeten hineinzudrücken, wäre absurd, grausam, gewissenlos. Die Oesterreicher sind einmal keine Preußen geworden - und doch gehören beide Volksstämme der deutschen Nation an. Freilich, wer die gegenseitige religiöse, sociale und politische Stimmung in den untern und Mittlern Schichten des Volkes kennen lernt, könnte leicht in die Gefahr gerathen, das^Gemeinsame zu übersehen und nur die Differenzpunkte zu unterscheiden. Diese Lust, einander gegenseitig zu verspotten und mit selbstgefälliger Miene auf die fremde, wirkliche oder vermeinte Thorheit und Excentricitat mit Fingern zu weisen, hat sich auch den Juden beider Staaten mitgetheilt. Analoge Fälle bieten sich der Betrachtung dar, wenn man die Antipathie zwischen Nord-- unh Süddeutschland, Deutschland und Polen, oder Deutschland und Frankreich in*S Auge saßt. Macht sich nicht der norddeutsche Jude über den „oberdeutschen" Jargon seines süddeutschen Glaubensgenossen lustig, vernimmt man nicht täglich Glossen aus dem Munde deutscher Juden über polnische und umgekehrt, stimmen unsere Sänger nicht in das Rheinlied ein, wenn sie auch das Loos der französischen Juden noch so sehr beneiden? Wahrlich, wenn dies keine Beweise dafür sind, daß wir uns mit dem Volke, mit dem wir leben, amalgamirt und untrennbar verschmolzen haben, daß wir sogar seine Schwächen (heilen, alle seine Modethorheiten mitmachen und von seinen Sympathien und Anthipathien wie von einem in der gesellschaftlichen Atmosphäre befindlichen Miasma angesteckt werden, so ist überhaupt jeder Beleg unmöglich. Aber dann fallt auch jeder Gegenbeweis über den Haufen. Um kurz zu resumiren: so lange man nicht darthut, daß ein Individuum hinreicht, um ein besonderes Volk darzustellen — woraus dann von selbst folgen würde, daß nicht die Einheit, sondern die Mannigfaltigkeit diese Qualität verleihe, — so lange erlauben wir uns bescheidene, aus dem gesunden Menschenverstände entlehte und darum mächtige und unüberwindliche Zweifel an der Richtigkeit der Annahme einer besondern jüdischen Nationalität. (Fortsetzung folgt.) Großbritannien. Londonim Novbr. So eben starb hierher Rabbiner Salomon Herschel in einem Alter von 82 Jahren. Dieser Tod, so unbedeutend er an und für sich ist, bildet einen Wendepunkt in dem religiösen Leben der Juden Englands, da der Verblichene nicht durch seine Wirksamkeit, sondern durch sein Dasein, jede Fortentwickelung des Judenthums hier gehemmt, so wie überhaupt von Aeitfragen bei seinem Leben nicht die Rede sein konnte. Doch äe mortuis nil nisi 3)ene. (Aus einem Briefe). (Red. Als Nachfolger kommen, wie man vernimmt, nur zwei Kandidaten in Betracht, nämlich Herr Dr. Hirsch, Rabbiner in Emden, und Dr. Loewe in London; beide werden von der Parthei der Frommen geliebt und geschätzt, und bei Letzterem kommt noch der Umstand dazu, daß ec ganz zum Engländer geworden). Deutschland. 26. Ott. Wenn Nef. der am 18. October stattgehabten Feier der->Grundsteinlegung zu dem neuen Tempelgebaude persönlich hatte beiwohnen können, so würde er gewiß nicht verabsäumt haben, jener Feier einen Platz in seinem „Wochenberichte" einzuraumen. Denn dieselbe nimmc jedenfalls ein höheres Interesse bei der jüdischen Gesammtheit in Anspruch, als der Bau oder die Einwei-