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Der Orient · 1842-11-15 · Heft 47 (15.11.1842) · p. Seite 371

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Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 47 (15.11.1842)
Date
1842-11-15
Page
Seite 371 (sequence 5)
Language
German
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371 theilt hat, zu halten habe. -: Mag jedoch der Würfel fallen, wie er wolle: die Frage ist. einmal angeregt und wird erst in dem Triumphe des Prmcips ihren vollen Abschluß erlangen. In den scandinavischen Königreichen ist die Zahl der Juden eine sehr geringe und überall, wo sie sich bis jetzt niederlassen dursten, ihre Lage eine nicht ungünstige. Nehme die Ertheilung bürgerlicher Rechte mit der Seelenzahl in gleicher Progression zu, so wäre das Loos der Juden in Rußland, Oesterreich und Preußen beneidenswert!). Daß dies sich leider ganz anders verhält, wird uns eine genauere Betrachtung ihrer Verhältnisse in diesen drei Staaten lehren. Reden wir zuerst von ff. Rußland und Polen. Das verflossene Iabr wird, wenn sich anders die von Nicolaus I. jüngst ungeordneten Maaßregeln zur geistigen Veredelung seiner jüdischen Unterthanen ohne Zwang und doch mit glänzendem Erfolge durchführen lassen, in den Annalen der Juden wie in denen des kolossalen russischen Reiches als ein segensreiches bezeichnet werden können. Daß hier etwas Durchgreifendes geschehen müsse, darüber sind Politik, Humanität und Streben nach Erhaltung der Religion durchaus Im Einklänge; aber die Art und Weise, wie man am besten und schnellsten zum Ziele gelangen könne, bietet freilich eine der schwierigsten Ausgaben dar, die jemals von dem Genius der Menschheit den Staatsmännern, Erziehern und Menschenfreunden vorgelegt wurden. Der Druck, der dort mehr oder minder fühlbar auf der Gesammtheit der Bevölkerung lastet, wird bei den Juden durch die Macht des Adels, dessen einzelne Mitglieder sie sich indessen häufig tributair zu machen wissen, durch den Haß des Bauern, wie von ihrer Seite selbst durch innern Zwiespalt und Sektenwesen (ich erinnere hier nur an die Chafidim und an die Karäer), durch das rigorose Festhalten an ihrer Kracht, Sitte, Sprache und Beschäftigung, durch ihre Scheu vor dem allerdings in sehr barbarischen Disciplinarsormen verharrenden, langjährigen Kriegsdienste, sowie durch ihre freiwillige Entfremdung von den Christen und durch die, einen anständigen Unterhalt sehr erschwerende Zusammendrä'ngung in einzelnen Kreisen, Städten, Flecken, Dörfern und Quartieren noch ungleich vermehrt und verstärkt. Dieser Druck hat aber bereits auf ihre Geistes- und Seelenrichrung einen sehr unglückseligen Einfluß geäußert; er hat sie stumpf, für Intellienz, höhere Sittlichkeit, Selbstachtung und äußere Ehre fast unempfänglich gemacht. — In diese Wälder Licht, in diesen stagnirenden Sumpf Bewegung, in diese Einförmigkeit einen mehr als mechanischen Fortschritt zu bringen, ist wahrlich ein Riesenwerk, dem wir unsere besten Wünsche weihen, dessen Ausführung aber von zu Vielem und zn Mannigfaltigem, Großem und Geringfügigem, sowohl Hohen als Niedrigen, abhängig ist, als daß die gegenwärtige Generation noch reife Früchte der jetzigen Bemühungen erwarten könnte. Doch der Anfang ist gemacht und auch die bisherige Wirksamkeit des Herrn von Uwarow, Ministers der Volksaufklärung, und des Dr. Lilienthal in Riga in dieser Angelegenheit dankbarer Anerkennung werth. Noch weit verwickelter sind die gegenwärtigen Verhältnisse der Juden im 8. Kaiferthrnil Oesterreich. Ein Kotalbild der gegenwärtigen Zustände der österreischen Juden zu entwerfen, dünkt uns rein unmöglich. In den verschiedenen Provinzen wird der Jude auf verschiedene Weift gedrückt und hintangesetzt; nur außerordentlicher Reichthum weiß auch diese Unbill von sich abzuwälzen; die Entziehung der den Juden gebührenden Rechte ist nur graduell, oft auch nur formell abweichend. Daß die große, an einzelnen Orten angehäufre Anzahl auch hier bald mildernd, bald den Stachel schärfend einwirkt, bedarf kaum der Erwähnung. Die verhältnißmäßig glücklichste Lage genießen noch die ungarischen Juden. Sie verwandeln sich insbesondere durch sorgfältige Erlernung der Landessprache, je länger je mehr m Magyaren und Staatsbürger. Dieses rühmliche Jeugniß von ihrem Streben nach Aufgebung des Trennenden und allmäliger Einverleibung in den bürgerlichen Nexus ist ihnen wiederholt im Gegensätze zu den Staven und selbst zu den - Deutschen in Ungarn gegeben worden. Es ist zu hoffen, daß der nächste Reichstag (1843) das edle Werk vollende, welchs der vorige so glänzend begonnen hat und das nur theilweise durch die Magnatentafel, mehr noch durch die Regierung gehemmt und seinem völligen Abschlüsse nach vereitelt wurde. Ueber die böhmischen Juden haben wir in öffentlichen Blättern und in Büchern traurige Details erhalten. Barbarische Steuern, wie in Gallizien, Ehehindernisse, wie früher in Frankfurt a.M., Vorenthaltung des Anspruchs auf Grundbesitz, wie in manchen freien Städten und in mehreren andern Staaten, Entziehung bereits anerkannter Rechte durch die Willkür einzelner Magistrate, Beschränkung auf wenige Nahrungszweige und eine durch alle diese mit unserer Zeit, unseren Sitten und dem immer allgemeiner sich kund gebenden Rechtsgefühl kontrastirenden Zwangsmaaßregeln hervorgerufene Zunahme der Unsittlichkeit und nothlügnerischersinderifther List und Betrügerei — dieses ganze System der Reaktion von oben und von unten ist in Böhmen zu einer bedenklichen Höhe gediehen und hat bereits einen gefährlichen, bösartigen Charakter angenommen. Auch in Mähren und Oesterreichisch - Schlesien, wie in Gallizien ist es im Allgemeinen mit den Juden nicht besser bestellt. Hier kann nur eine Radikalkur helfen, die freilich im Eigennutze, in der Herrschsucht und im Fanatismus mächtige Gegner hat. In einer Stadt des österreichischen Italiens, in Mantua, hat sich der gegenseitige Haß sogar in Thätlichkeiten Lust gemacht. Es ist der Regierung durch strenge und geeignete Maßregeln gelungen, der Wuth des Pöbels Schranken M 47*

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