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Der Orient · 1842-11-01 · Heft 45 (1.11.1842) · p. Seite 354

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Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 45 (1.11.1842)
Date
1842-11-01
Page
Seite 354 (sequence 3)
Language
German
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354 behörde auf eine, keiner der beiden Parteien ganz zusagende- Weise äußerlich vermittelt und in letzter Instanz (was allerdings nur durch wissenschaftliche Erörterung gelingen kann) -trotz lebhafter, oft Ln tumuttuarisches Loben ausgearteter Discussion nicht ganz geschlichtet, sondern nur vertagt und durch das andere zu welthistorischer Bedeutung gelangte Ereigniß m den Hintergrund gedrängt wurde, — die Entstehung und der bisherige Verlauf dieses Streites sind zu bekannt, um ein nochmaliges Referat zu erheischen, und dem gegenwärtigen Augenblicke noch zu nahe, um einer unparteiischen Kritik unterworfen werden zu können. Eine besondere Episode gestaltete sich in diesem Streite dadurch, daß eine Anzahl von Gemeindemitgliedern eine theilweise Reform der Synagoge dringend forderte, während zahlreiche Stimmen die bisherige Einrichtung als das Non plus ultra des Nothwendkgen und Ersprießlichen schilderten und der geistliche Beamte, ähnlich wie es später der Senat in seinem Conclusum auf die Reformpetition der patriotischen Gesellschaft gethan, jede Reform wegen der in den Gemüthern herrschenden Unruhe ablehnte. Und doch liegt es auf der flachen Hand, daß die Rückkehr zum indifferenten Zustande, zur Gleichgültigkeit am wenigsten der Hoffnung auf eine wirkliche Verbesserung Raum läßt. Ob eine solche in unfern bürgerlichen Verhältnissen in der nächsten Folgezeit stattfinden wird, ist jedenfalls noch sehr zweifelhaft. Bis jetzt sind nur die durch die Feuersbrunst in den Vordergrund getretenen materiellen Fragen, und auch diese nur theilweise und keineswegs zu allseitiger Zufriedenheit, gelöst worden; an die Juden haben.nur einzelne Schriftsteller und einige Zeitungsartikel gedacht. Dennoch darf man behaupten, daß die Stimmung der Bürger seit den Maitagen eine den Juden im Ganzen günstigere geworden ist. Hauptsächlich haben wohl die menschenfreundlichen Anstrengungen vieler Juden, die in die Hülfsvereine eintraten (schon während des Brandes wurden u. A. viele christliche Wöchnerinnen in das jüd. Hospital ausgenommen), die den Hilfsbedürftigen von dieser Seite her zugeflossenen öffentlichen und Privatunterstützungen, der Einfluß, den einige mit Glücksgütern gesegnete jüdische Ehrenmänner auf die Erhaltung des in den ersten Lagen ernstlich bedrohten Kredits übten, endlich auch die vielgelesenen Predigten der Tempelpredkger und die Bestimmung ihres sehr reichlich ausgefallenen Ertrages für mildthätige Zwecke — alles dieses vereinigt hat wohl zu einer theilweisen Sinnesänderung mitgewirkt. Wenigstens hat sich seitdem bei keiner Gelegenheit ein Symptom der Fortdauer des alten Haffes gezeigt. Hoffen wir, daß diese Umwandlung eine aufrichtige, eine dauernde, fruchttragende, segensreiche werde,, dann ist der reine Gewinn, den wir nach Abzug des Verlustes zweier eingeäscher- Len Synagogen, einer hochdeutschen und einer portugiesischen, und des dem Wohlstände Einzelner durch die Feuersbrunst zugefügten Schadens behalten, noch immer ein beträchtlicher zu nennen. Einstweilen aber wird wohl die zu hoffende Erlaubniß zur Ansiedelung in der neu zu erbauenden Altstadt und zum Häuserbesitze unter eigenem Namen das nächste und vorerst einzige Resultat des verhängnißvollen Ereignisses für Hamburgs Juden bleiben. — Schon vor der Feuersbrunst hatten solche einzelne Juden, seitdem mehrere in der Vorstadt St. Pauli sich niedergelassen. — Die Oberarztstelle am allgemeinen (christlichen) Krankenhause und ein Viceconsulat in einer schottischen Stadt sind — ein erfreuliches Zeichen der fortgeschrittenen Toleranz— zwei allgemein geachteten Hamb. Juden übertragen worden. Ä. Die beiden andern freien und Hansestädte. Von Bremen ist in Bezug auf die Juden nichts zu melden. So lange dort der Pietismus fortwuchert, ist an Achtung der Gewiffeusfreiheit nicht zu denken. Die Rationalisten sind übrigens dort, wo möglich, noch intoleranter als die Pietisten. Diese wollen die Juden bekehren, jene möchten sie ganz aus dem Landejagen, wiesle diese nach dem Kriege aus den Mauern ihrer Stadt ausgeschlossen haben. Die treffliche Vertheidigung des Judcnthums, die der jetzige Rabbiner in Emden (damals in Oldenburg) gegen einen geifervollen Rationalisten richtete, der im Vorbeigehen den Juden einen Streich zu versetzen versuchte, gehört noch dem vorhergehenden Jahre an. ■— In Lübeck ist dagegen seit einem Jahre die unglückliche Lage der im Gebiete des Freistaates (namentlich in Moisling) wohnenden Juden der Gegenstand näherer Beleuchtung geworden. Ihre Leser kennen bereits die gehässigen Anschuldigungen, die der Advokat Dr. Ave Lallemant gegen die „Judennatur", beiläufig gegen die jüdischen Aerzte richtete; in seinen Argumenten schlummert embryonisch die Idee vom „christlichen Staate", dem neuesten Hirngespinnste der sogenannten historischen Rechtsschule , dem Steckenpferde neuer Missionäre. Die Abfertigung Riessers hob den Angreifer völlig aus dem Sattel und viele christliche Mitbürger desselben frohlockten über die Niederlage, die er sich durch eigene Schuld zugezogen hatte. Der naive Christianus, der zwischen jüdischen und heidnischen Juden unterschieden wissen wollte, erlebte die Schmach, gar keiner Antwort gewürdigt zu werden. Seitdem ist eine Commission ernannt worden, um über die Mittel zur Verbesserung der Lage der Moislinger Juden zu berathen. Ehe noch diese mit reifen Resultaten hervortreten wird, wird wohl bereits, 'wenn das Schulwesen wie bisher in Moisling fortschreitet, viel alter Wust dort von selbst verschwinden. Den Zutritt zu Gewerben werden die Juden Moisling's dem Anscheine nach früher oder später erlangen. •— Die N. L. Blätter haben unter ihrer jetzigen und vorjährigen Redaktion ihren Aufschwung unterstützt und ihre Schule wird meist durch christliche Beisteuern erhalten. Trotz der Armuth der Moislinger Gemeinde hat sie 100 Thlr. an den Lübecker Hilfsverein für die Hamburger- Abgebrannten eingesandt. (Fortsetzung folgt.)

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