Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 44 (25.10.1842)
- Date
- 1842-10-25
- Page
- Seite 346 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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346 selben Weise, wie von Christen betrieben werden dürfen. Das „Hängen an der Scholle" giebt sich also auch hier, unter den ungünstigsten Verhältnissen von der Welt, in einer Stadt kund, wo der Jude nur in einem der beiden Stadttheile, außerdem nur mit besonderer Vergünstigung in den Vorstädten wohnen, wo er daselbst nicht einmal unter seinem eigenen Namen ein Haus besitzen darf. Und nun spricht man noch — o des Unsinnes oder der Böswilligkeit — von einer besoudern Nationalität der Juden! — Fürwahr, die Hamburger Juden haben, obwohl sie Alles entbehren, was den Namen „Freiheit" verdient, — die hamburgischen Christen haben wenigstens die Freiheit sich frei zu d ü nk en — eine wunderbar-langmüthige Anhänglichkeit an den Hamb. Staat gezeigt. Es muß doch die, freilich undesinirbare, persönliche Freiheit, deren man sich in Hamburg erfreut, dieser scheinbare Mangel an polizeilicher Beaufsichtigung, wenigstens so weit es die mündliche politische Meinungsäußerung betrifft, sein, was den Fremden, der hierher gewandert, so unauflöslich an Hamburg kettet. Raifonniren wenigstens darf Jeder, so weit er dabei nicht mit der Censur in Berührung zu kommen braucht, so viel er will, und es gewährt schon eine große Erleichterung, wenn man seine Beschwerde laut, mit ErNst oder Witz, äußern darf. Die Unzufriedenheit kann wenigstens bei dem großen Haufen, schon dadurch und nur auf diese Weise außerordentlich beschwichtigt werden. Am so unglücklicher fühlt sich aber freilich der HLhergebildete, der sich nicht mit dem vergeblichen Reden, das im Winde verhallt, begnügen will und begnügen kann, sondern die Sehnsucht seines Herzens durch den Sieg des Rechtes und der-Freiheit befriedigt zu sehen wünscht. Er greift zur Feder und über den engen Raum der kleinen Republik und des monotonen Geschäftslebens in größere und freiere Regionen hinüberblikkend, gesellt er sich den Streitern für die Emancipation seiner sämmtlichen Glaubensgenossen, zunächst der deutschen, oder denen bei, die in der innern Entwickelung des Juoenthums das wahre Heil, in dem Glauben die Erlösung, in der Forschung die Beruhigung, in der Wissenschaft eine Leuchte, oder in der religiösen Reform den mächtigsten Hebel zum Emportauchen aus dem Sumpfe der Indifferenz, oder aus dem Pfuhle der Sünde, aus dem tiefen Schlamme der Gemeinheit, oder aus der Nacht des Aberglaubens und der bewußtlosen, fantastischen, vom Leben und seinen letzten Zwecken abgewandten Bigotterie für den Juden erblicken. Wohl dem, den ein sinniger Glaube den Bewegungen, der Zeit nicht entfremdet, wohl auch dem, welchen diese des sittlichen Schwer- und Stützpunktes nicht beraubt haben! Hamburg und seine Nachbarstadt Altona zählen eine ganze Reihe von Namen, auf welche die. Juden unseres Zeitalters stolz zu sein Ursache haben. Ich nenne diese Namen nicht, ich begnüge mich, daran zu erinnern, welch' tüchtige Nepräsentanren der Kamps um die. bürgerliche Gleichstellung, die Kanzelberedsamkeit, die hebräische Poesie, der Offenbarungsglaube, die kritische Skepsis, und die religiöse Polemik unter uns zählt. In dem Streben nach bürgerlicher Veredelung und Anerkennung einen sich alle gewiffenhaften Häupter und Führer der Parteien. Sie alle blicken mit Teilnahme auf gleichartige Bestrebungen in der Nähe und Ferne und unterstützen sie aus allen Kräften, durch materielles Gut und durch moralische Mitwirkung. Daher der kräftige Beistand, den wissenschaftliche und literarische Unternehmungen, so fern sie das Judenthum betreffen, bei Reichen, Gelehrten und Gebildeten ohne Unterschied auf die Richtung der Werke und auf ihre Parteifarbe hier finden; , daher das lebhafte Interesse, mit dem man hier in Gesprächen oder in direkter publicistischer Theilnahme jedem Fort- und Rückschritt der jüdischen Verhältnisse in allen Gegenden der Erde folgt; daher die allgemeine Spannung, die sich jetzt in Betreff der Lösung der jüdischen Angelegenheiten in Preußen kund giebt; daher die allgemeine Mißbilligung, die das hannöversche Judengesetz, noch ehe es promulgirt, bereits trifft; daher die Trauer über den Zwiespalt in der Breslauer Gemeinde. Aber wo sollte ich endigen, und wohin würde es mich führen, wenn ich alle diese Züge einer ächten Sympathie für Glück und Leid der Glaubensgenossen, wie sie sich in Hamburg äußert, zusammenstellen wollte? Aber die Hamburger Juden würden es gewaltig übel nehmen, wenn man sie beschuldigte, daß sie nur Sinn für die Schicksale ihrer fremden Glaubensgenossen hätten. Auch wäre ein solches Urcheil durchaus falsch und ungerecht. Ihre Armen-, Kranken- und, wenn auch in geringerem Maaße, ihre Schulanstalten beweisen es, daß es ihnen an Gemüth, Energie und Ausdauer nicht fehlt, um ihren leidenden und hülfsbedürfrigen Nebenmenschen, wie der jüngern Generation die gebührende Rücksicht zu schenken. Wohlthatigkeit ist ein schönes Erbtheil unter den Bekennern des Judenthums geblieben, Wohlthatigkeit bildet auch einen trefflichen Grundzug im Charakter der Hamburger Juden. (Fortsetzung folgt.) Deutschland. Leipzig, 19. Octbr. Da mir nun der ganze Jahrgang der englisch-jüdischen Zeitschrift vorliegt, so beeile ich mich, daraus das Wichtigste im Auszuge mitzutheilen, was England, seine Kolonien oder Amerika betrifft. England. In diesem Jahre sind wieder zwei Juden zu Sheriffs erwählt worden: Emanuel Lousada als Obersheciff für die Grafschaft Devonshire und A. Abraham für Stadt und Grafschaft Southampton. Oes Letztem Wahl geschah mit Stimmeneinhelligkeit, nachdem er schon zweimal 1833 und 1841 das erste Mal nach hartem Kampfe einen Platz im Stadtrath eingenommen hatte. Am 8. Februar ward zu London ein Ball zum De-