Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1842
- Issue
- 42 (11.10.1842)
- Date
- 1842-10-11
- Page
- Spalte 669-670 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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669 Jüd. Alterchuyiskunde. Die Beschneidung bei den Israeliten. Bon Dr. Bergson, 679 dies könnte schon für eine Ursache gehalten werden, warum die Nationen, bei welchen sie einmal eingeführt ist, sie beibehalten." Noch ist uns ein Beispiel von dieser Carbunkelkrankheit aus dem Altecthume bei Josephus erhalten, der im zweiten Buche eoiUrrr Apionem §. 13 erzählt, daß Apion, ein heftiger Gegner der Beschneidung, sich endlich selbst wegen eines solchen Carbunkels an der Vorhaut beschneiden lassen mußte, nur wäre die Operation zu spat vorgenommen worden, daher ohne Erfolg geblieben, da Apion daran gestorben sein soll. Als dritten Grund giebt Philo einen rein symbolischen an, der von der weit hergeholten Aehnlrchkeit der Gestalt des Herzens mit dem hier beschnittenen Theile — ein erster, aber auch schon als solcher verunglückter Versuch der in unsren Zeiten durch Oken, Cnrus u. A. ausgebildeten naturphilosophischen Vergleichung der anatomischen Körpertheile — hergenommen ist und auf einer Pacallelisicung der Functionen beider Organe sich bastrt, der zufolge bei beiden ein Zeugungsacr, hier von Leidenschaften, dort von Individuen statt finde. In Bezug auf diesen mystischen Grund lauten Philo's Worte: Tqlxov ös, xr{v 7tQog naQÖiccv S^ioioxrixa xov tceqi- Tfirid'Ewog (i£QOvg * slg yaQ ysvsöLV a^cpa) TtciQSßnsvacxau To [ihv yciQ iynciQdiov tcvev^u voiHiarcov, to 6s yovLiiov oQyctvov £cüqi\?EöiKalcoßav yaQ oi tcqcoxol Toi? dcpavsl %ccl KQslrzovCy 6l ov xd vorjpctra övvlötaTcti, to E{Mpctvsg %cu oqcctov, cd td ai- G&rjrcc ysvvttO&ai Ttscpvxsv l|ofLoicoGai. Endlich gilt als der vierte und letzte Grund dem Philo ein rein socialer und auf Populationistik ruhender, indem er sich auf die Hypothese stützt, daß die Völker, welche unfern Gebrauch beobachten, fruchtbarer sein sollen, als die andern, die ihn unterlassen, und hierbei wird ein physiologisches Gesetz geltend gemacht, dem zufolge die Saamenjaculation bei den beschnittenen Völkern eine geradlinige und unbehinderte sein soll und daher die Fruchtbarkeit beförderte. Er sagt: Tszkqtov öe nal uvayxcuoxaxov, xi]V TtQog Ttolvyoviav 7üdQaanem]V ' Xsysxca yocQ cog CTtOVÖol %0 ÖTtEQftCe, {ITjTS CTUVÖaVO^LSVOV, ^r(TS tcsqlqqsov sig xovg xrjg 7coßd'[ag) cog noInovg * O'd'sv 7cal xd TtEQixsftvofteva tgüV idvcov itolvyovoxaxa ml Ttohvccvd'QcoTcoxaxct slvai. Indessen ermangelt diese Annahme aller physiologischen und statistischen Begründung, wenigstens kennt die Geschichte unbeschnittene Völker, die sehr fruchtbar, und beschnittene, die es gar nicht gewesen sind; noch jetzt sind die Lander der beschnittenen Muhamedaner, wie Michaelis*) bemerkt, gegen unser unbeschnittenes Deutschland Einöden, obgleich sie weder durch den Krieg noch durch die Auswanderung so viel verlieren. Indessen hat Michaelis hierbei die Pest im Oriente mit in Anschlag zu bringen vergessen. Noch führt derselbe Gelehrte einen andern diätetischen Grund auf, den wir hier nicht übergehen können. Ein großer Kenner der Natur, sagt er (1. e.) äußerte den Gedanken: die Beschneidung möchte vielleicht einen moralischen Nutzen haben, er vermuthe nämlich, die Beschneidung verhindere die Selbstbefleckung. Michaelis zweifelt aber an diesem Nutzen und appellirt an das Uctheil jüdischer Aerzte, von denen aber, so viel uns bekannt, noch keiner bisher darüber etwas verlauten ließ. Es sagt: „ein jüdischer Arzt von ausgebreiteter Praxis unter seinen Glaubensgenossen, würde hier bald entscheiden können; der einzige von der Art, den ich persönlich kannte, Herr Hirschel in Berlin, starb eben als ich ihn deshalb fragen wollte. Vielleicht aber liest ein anderer Jüdischer Medicus mein Buch und beanwortet die Frage." Nun denn, wenn der Verfasser dieser Zeilen, der drei Jahre in einer der größten jüdischen Gemeinden Polens, in Warschau, als Arzt lebte, ein Urtheil hierüber abgeben soll, so kann es in Bezug auf jenen moralischen Nutzen der Beschneidung, was die Verhütung der Selbstbefleckung betrifft, leider nur verneinend ausfallen, indem dieses Nebel unter der jüdischen Jugend, namentlich der sogenannten studirenden, welche den Talmud in eng eingeschlossenen, dumpfen Schulstuben lernen, sehr häufig angetroffen wird, da es dann eine Folge der sitzenden Lebensart, der zu frühen Geistesanstrengung und der dadurch hervorgerufenen Nervenüberreizung zu sein pflegt. Das Uebel insicirt übrigens eben ffo sicher auf moralischem Wege und pflanzt sich namentlich in jenen Schulen von einem Individuum auf das andere eben so schnell fort, wie jedes andere Contagium. Der neueste Schriftsteller über diesen Gegenstand in Polen, Dr. Rosenblum in Warschau, hat in seiner Schrift: Onani. przez. Dr. B. R. 1841. dieser wichtigen Frage nur sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt, obgleich die von ihm mitgetheilte vierte Beobachtung S. 29 gerade einen 1/jahrigen jüdischen Mann betraf, wie der Vers, eine mittheilte. Die Gründe, die Michaelis gegen diesen angeblichen Nutzen der Beschneidung an führt, sind, daß letztere keineswegs die sogenannte geistige Selbstbefleckung verhüten könne und daß es sonst nicht so viele Verordnungen gegen die Selbstbefleckung in den rabbinischen Schriften gegeben hatte, wie 'man sie in Buxtorf's Chaldaisch - Talmudischew Lexicon S. 112 zusammengestellt findet. — Wir schließen nun diese wcdicmischen Beobachtungen, zu denen uns Philo's Schrift de circumcisione die Veranlassung gab, nur der Bemerkung, daß jene Schrift es gerade ist, die als eine Widerlegung der neulich versuchten Verdächtigung der Philonischen Werke gelten kann. In dem Buche nämlich: Der jüdische Alexandrinismus, eine Erfindung christlicher Lehrer, oder Beitrage zur Kritik jüdischer Geschichte und Literatur. Von Dr. Kirschbaum. Erstes Buch, Jüdisch-griechische Originale, vorzüglich Philo und Skrach. Leipzig. In Commission bei C. L. Fcitzsche1841. *) In s. Mosaischem Recht. 4 Th. §♦ 186. S. 36.