Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1842
- Issue
- 41 (4.10.1842)
- Date
- 1842-10-04
- Page
- Spalte 651-652 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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651 Jüdische Metthuniskunde. Die Beschneidung bei den Israeliten. Won Dr. Bergson. 652 146. Aus dieser Stelle ersehen wir Zweierlei: erstens daß selbst römische Bürger sich durch die Veschneidung in die Gemeinde der Israeliten aufnehmen ließen, und zweitens, daß damals die Beschneidung von Aerzten ausgeübt wurde, ein Umstand, auf den wir jm medicinischen Theile zurückkommen werden. Eben so erzählt uns Nicephorus (Callist. hist. ecclesiast. 11, 47.), daß die Sarazenen eben daher, als die Juden, ihre Abstammung erhielten und dieselben Gebräuche mit ihnen hätten. Denn sie beschneiden sich wie jene. Vgl. LBl. des Orients No. 33. 1841. S. 505. Zenobia von S. Cassel. Spencer sagt ferner: Pius igUur Judaeis concessit, quod Adrianus denegayerat; nam moyerunt ea lempestate (es war zur Zeit des Pseudomessias Bar-Kochba) 6l Indaei bellum, quod yetabantur mutilare genitalia, ut inquit Aelius Sparlianus in Adriano, nisi forte hunc Sparliani locum Isaacns Casaubonus rectius interpretatus est, qui legibus Domiliani, Nervae et Adriani, quibus yetila erat mariiim eyiratio, etiam circtiincisioni fibulam impositam esse opinatur. Hierbei wirft aber Spencer die Frage auf: Verum quid, si Judaeis in animo erat, dilapsam rempublicam ad pristinam felicitatem reslituere et ritus patrios renoyare? idque se melius effecturos sperabant, si liceret, extraneos allieere, quos, circumcisione adbibita, fidissimos suae religionis propugnatores possiderent, atque luijus rei proyidus Imperator yeluit, cxtraneorum genitalia mutilare. Wir sehen, daß hier Spencer es versucht, die damals herrschende Sucht Proselyten zu machen und zu beschneiden, aus dem Gebiete der Religion auf das der Po? link hinüberzutragen und unterstützt diese Conjectur durch die Angabe, daß die Israeliten unterden römischen Kaisern öfters ihren Tempel wieder herzustellen versuchten, indem er sagt: Gerte buic conjecturae quam plurimi favent, ex quibus nonnulli bellum a ludaeis susceptum credunt, ut templum conderent, alii, ut antiquissimam suae reipublicae administrationem redintegrarent; nec recentiorum Imperatorum conslitutiones repugnant, quae extraneos circuincidendr yeniam semel et iterum denegarunt. Cod. Justin. Lib. I. Titul. 9. de Judaeis», titul. 10, ne Cliristianiini > Cod. Theodos. Lib. 16. Tital. 4. Novell. Leonis 55,— Wir konnten uns dieser historischer Digresiion bei Gelegenheit, da von der Taufe und der Bekehrung durch Beschneidung die Rede war, nicht enthalten, und kehren nun auf unfern eigentlichen kritischen Standpunkt wieder zurück. Außer dieser spiritualistischen Auffassungsweise, wurde auch eine mehr mystische in der Beschneidung gefunden, indem man'ihr die Kraft des Exorcismus, die Verbannung böser Geister und Dämonen zuschrieb. Hierfür gellen die Worte des Origenes (eontra Celsum Lib. 5. p. 263. Ed. Cantab.) diu xivu izolifuov tw ’lovdaicav eftvei uyyskov, srsleiro, d. h. die Beschnerdung wurde schnell nach der Geburt vollzogen, um dem Volke der Israeliten den feindlichen Dämon zu verbannen. Hierher gehört auch eine Stelle aus dem Onkelos zum Hohenlied Salom. Cap. 3. V.8. 9. wo von den sechzig mit Schwertern an der Hüfte umgürteten Starken, die das Bette Salomos umstehen, die Rede ist und der chaldäische Paraphrast hinzufügt, daß die Schwerter hier statt des Zeichens der Beschneidung genommen werden muffen, mittelst dessen man vor den nächtlichen Dämonen gesichert ist. Eine ähnliche Kraft wurde bekanntlich auch der christlichen Kindertaufe zugeschrieben, wie schon Clemens Alexandrinus (oral, in sanetum Baplisinum) die Taufe ein ziletov yvkuxzTjQiov, ein vollkommenes Amulet , nennt. Hierzu könnte die obige Stelle aus dem Strabo, wo von Damonenfurcht, deiGidui^iovia, die Rede war, passend angeführt werden. Dergleichen mystische Ansichten sind selbst in einem großen Theile von Polen und Rußland noch heute sehr im Schwange und die bekannten Zettel für Wöchnerinnen mit ihren kabbalistischen Zeichen beurkunden dieses hinlänglich. Wir wenden uns nun zu den mehr rationellen Erklärungen. Hier begegegnet uns zuerst 2. Die physiologisch-diätetische Ansicht des Philo. Wir müssen es als ein in der That lobenswerthes Streben anerkennen, daß es von Zeit zu Zeit einzelne Exegeten unternahmen, zur Erklärung der biblischen Gebräuche nicht sowohl des rein religiösen Elements, als vielmehr eines mehr rationellen Princips sich zu bedienen, um auf diesem Wege dieselben, als gewissermaßen im Einklang mit einer vernünftigen Nothwendigkeit, zu rechtfertigen. Dieser Rationalismus in der Bibelexegese ist aber keinesweges so neu, als man wohl gewöhnlich annimmt, indem man ihn aus der Schule der französischen Encyclopadisten des vorigen Jahrhunderts oder auch aus der Zeit des englischen Skepticismus herzuleiten sucht. Vielmehr müssen wir die Spuren desselben bis weit hinauf in die ersten Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung verfolgen und besonders in der alexandrinischen Schule, zu der auch ein ziemlich großer Theil der christlichen Kirchenväter gehörte, uns nach ihm umsehen. Hier finden wir, wie überhaupt bei jedem Ausgangspunkt einer neuen philosophischen Geistesrichtung, alle Keime der späteren Entfaltung in dem Beginne ihres Entstehens, bereits vollständig beisammen, jedoch noch ohne individuelle gesonderte Ausbildung, welche erst spater als productiver Fortschrift der weitern Entwickelung erscheinen kann. So treffen wir in Bezug auf unfern Gegenstand in Philo, dem Juden, den wir hier als den Repräsentanten des alexandrinischm Neoplatonismus ausführen, neben der symbolischen auch die rationelle Exe-