Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1842
- Issue
- 40 (27.9.1842)
- Date
- 1842-09-27
- Page
- Spalte 635-636 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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635 636 Schriften über eine zu erwartende dem von Neuem habe zu schulden kommen lassen und der Widersprüche, die in dem ViertelhunderL der noch in Kraft gebliebenen Judenordnungen zum Hohne gegen alle Billigkeit, zur Schmach des Staates, zum Kummer aller Vaterlandsfreunde und zum Schmerze der Unschuldig-Leidenden sortbestände. Wie er (S. 17) mit den Worten begann: „Von einem gesetzlichen Zustande der Juden in Preußen kann vor dem Erscheinen des Gesetzes vom 11. März 1812 keine Rede sein. Bis dahin ist gänzliche Rechtslosigkeit ihr Loos. Sie sind Geschöpfe Gottes; weiter nichts, nichtMenschen, nicht Bürger;".-— so schließt er (S. 35) mit folgenden Zeilen: „Gewinn ist es schon, daß die Sache in Anregung gekommen und daß die Unhaltbarkeit und der Widersinn des jetzigen Zustandes zur Sprache gebracht worden.ist. Künftige und glücklichere Zeiten werden es freilich der unsrigen nicht zum Ruhm anrechnen, daß ein Recht noch der Bertheidigung bedurfte, das unmittelbar aus der Menschlichkeit hergeleitet werden muß, ja ein unveräußerliches Menschenrecht! möge die Spenersche Zeitung auch sagen, was sie wolle." C. 4) Legislative Fragen, betreffend die Juden im Preußischen Staate. Von I. M. Jost, Dr. Berlin 1842, Schröder 88. S. 8. Zu jeder andern Zeit würde das Erscheinen eines so verdienstlichen Werkes, wie das vorliegende unstreitig ist, von einem zahlreichen Publikum, mit großem Danke ausgenommen worden sein. Lm gegenwärtigen Augenblicke aber können wir ihm eine solche Beachtung zwar wünschen, aber kaum mit Gewißheit auf die Erfüllung unseres Wunsches rechnen. Die Schuld liegt jedoch nur zu einem sehr kleinen Lheile andem Verfasser, dem es an logischer Schärfe, genauer Kenntniß seines Gegenstandes, innigem Interesse für das Loos seiner Glaubensgenossen in allen Gegenden der Welt, endlich an derjenigen Ruhe und Besonnenheit durchaus nicht gebricht, welche dazu dienen könnte, die Gegner zu überzeugen, — wennn es diesen darum zu thun wäre, sich überzeugen zu Lassen, und. wenn sie, falls dies geschehen, den sittlichen Muth hätten, ihr Coneedo zu rufen. Auf diesen Muth oder, wenn ich es mit einem alltäglicheren Ausdrucke bezeichnen soll, auf den Lm deutschen Volke vorherrschenden (wenigstens vorhandenen) Sinn für Gerechtigkeit scheint uns jedoch Herr Dr. Jost zu fest zu bauen. Sein Buch ist ein Denkmal jener könne toi, welche, so oft sie auch getäuscht und erschüttert worden ist, immer wieder zu hoffen wagt und darum auch leist, gleichsam auf den Zehen, auftrirt, um die hohen Herren, in deren Händen das Wohl der Staaten ruht, nicht in ihrem gewiß sehr wohltätige Früchte tragenden Sinnen zu stören. Man mißverstehe uns nicht: wir hatten Herrn Dr. Jost für keinen Fürstenschmeichler, wir bürden ihm keine sittliche Schwäche auf (gegen die Existenz einer solchen spricht seine Polemik gegen Streckfuß aus dem Jahre 1833 mit lauter Zunge), wir glau- Verfassung der Juden in Preußen. ben nur, daß er sich durch seine Vorliebe für die preußischen Institutionen und wohl auch durch die Hoffnung, daß die Behörden seine Argumente prüfen und beherzigen werden, zu einem Tone hat bewegen lassen, der uns zu sanft, .zu nachgiebig dünkt. Gewiß ist auch er von der Rothwendigkeit uni) Rechtmäßigkeit der völligen Emaneipation durchdrungen: aber er scheut sich, das bei den Hohen unbeliebte Wort direkt auszusprechen, er will nur die Restitution in die 1812 verliehenen, 1822 wieder geschmälerten, 1842 vom Neuen gänzlich in Frage gestellten Rechte der preußischen Juden. Eine solche freiwillige Herabstimmung der gerechtesten Forderungen, eine solche anticipirte Subtraktion macht sogar dem persönlichen Charakter des Vf. außerordentliche Ehre; denn er giebt dadurch einen schätzbaren Beleg, wie wenig er den Staat, in dem er lange gelebt, aber auch viel gelitten und manche herbe Erfahrung gemacht hat, die.ihm persönlich widerfahrne Unbill entgelten lassen will. Aber die Juden dürfen jetzt am wenigsten mit sich feilschen und markten lassen: denn ihre Sache würde in demselben Momente, in dem sie mit dem Gegner Separatverträge zu schließen Miene machten, aushören, die Unterstützung der Bundesgenossen, die sie jetzt unter allen politischen Parteien gefunden, zu verdienen. Unsere Angelegenheiten können nur dann einen gedeihlichen Fortgang nehmen, wenn wir sie an andere humane Bestrebungen der Gegenwart anknüpfen. Herr Dr. .Jost wird darin vielleicht die Lumultuarische, revolutionäre, excentrische Richtung der Jugend erblicken und die Juden davor warnen, sich derselben hinzugeben: aber er wird zugestehen müssen, daß der Aufschwung, den die periodische Presse der Juden und die für dieselben erwachte Sympathie jetzt genommen, in früheren Zeiten unmöglich gewesen wäre. Trotz der Censur geht die Apologie des Judenthums und der Juden gedeihlich vorwärts. Die erweiterte Preßfreiheit hat bereits den Juden ersprießliche Dienste geleistet; aber erst die unbeschränkte würde ihrer Sache in der öffentlichen Meinung eine unverwüstliche Stütze bereiten. Rotteck's bekannte Aeußerung war nur in so fern unsinnig, als er den Juden gleichsam die Macht andichrete, die Preßfreiheit herbeizuführen; in so fern aber stimmen wir ihm, freilich mit einer künstlichen Akkommodation seiner Worte an unsere dem natürlichen Verstände entnommene Ansicht, vollkommen der, daß wir die Judenemancipation bei der Fortdauer des unfreien Zustandes der deutschen Presse zwar für möglich, aber nicht für dauerhaft und gegen jeden ernstlichen Angriff gesichert halten. Wenn aber auch Herr Dr. Jost sich diesem allgemeinen Kampfe nicht anschließen will, so bleidt er immer noch ein wackerer Streiter in unfern Reihen. Denn er läßt überall die Geschichte reden und thut bis zur Evidenz dar, daß nicht die Juden essind, diesseit 1812 nichts vergessen und nichts gelernt haben. Bedauern müssen wir nur die häufigen Inkorrektheiten, die sich noch immer in seinen Schriften, und so auch in dieser finden, und die zu einer Zeit, da selbst in den jüdischen