Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 41 (4.10.1842)
- Date
- 1842-10-04
- Page
- Seite 327 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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327 fließen, sind nicht unbedeutend. Wenn wir nur viele solche Männer besäßen, die wie ec, jedem, er mag noch so reich, noch so angesehen sein, das Tadelnswerthe , in der guten Absicht ihn zu bessern, ins Gesicht rügten, wie ganzanders würde es mit unsererGemeinde aussehen! Habe ich nun mit Freude berichtet, was/des Bessern und Guten in unserer Gemeinde zu deren Heil und Wohl jüngstens geschehen und die dabei Betätigten erwähnt, um zu zeigen, daß wir Männer besitzen, denen ein Herz so warm für Brüderwohl schlagt, so ttiuß ich mich jetzt, wie ungern ich es auch thue, zu dem schlechtem Theil unserer Gemeinde wenden. Ich meine nicht jene in alten Gewohnheiten Ergraueten, denen wir es nicht übel nehmen, wenn sie sich dem Andrange der Neuerungen entgegenstemmen. Die vermoderten und verrosteten Ideen, dem vorigen Jahrhundert angehörend, die tief in ihrem Wesen wurzeln, haben ihren Sinn abgestumpft für jede Besserung, und wenn sie auf noch so schöner und edler Grundlage basiren. Alles was das Gepräge der Neuheit an sich tragt, verdammen sie und aus keinem andern Grunde, als weil es neu ist und ihre Vater es nicht gethan. Mit dieser natürlichen Schwache müssen wir Nachsicht haben. Gegen solche aber richte ich jetzt diese Zeilen des Vorwurfs, die wirklich im neunzehnten Jahrhundert stehen, die in aufgeklärten Cirkeln öffentlich ihre Huldigung dem Zeitgeiste darbringen, die immer von Verbesserung den Mund voll nehmen, und doch jetzt bei den Reformen, die nun vor sich gehen, gleichgiitige Zuschauer, bleiben; diese erregen den tiefsten Unwillen eines jeden Menschen, und sie mögen erröthen, wenn sie diese Zeilen lesen. Es sind eigentlich solche Jndiffcrentisten, die ohne Glauben, ohne Vaterland als Bodensatz der Aufklärung des vorigen Jahrhunderts vegetiren. Suchen wir den Grund ihres unentschiedenen und wankelmüchigen Benehmens, so finden wir ihn m der lächerlichen und unglücklichen Idee, allen Parteien gefallen zu wollen, die sich diese Klasse Leute in den Kopfe gesetzt haben, ohne irgend eine zu befriedigen. Sie treten daher nie in ihrer wahren Gestalt auf, verändern wie das Chamäleon ihre Farben, und erscheinen vor jeder Partei in der Heuchlermaske, die sie nie ablegen; sie buhlen um die Gunst des Aufgeklärten, und drücken dem Orthodoxen freundlich di-e Hand. Ganz natürlich, daß sie nichts unternehmen dürfen, aus Furcht, irgend einer Partei zu mißfallen. Handeln aber so Männer von festem Charakter, von Geist und Bildung, auf die sie Anspruch machen? Ist das nicht vielmehr eine kleinliche und niedrige Denkungsart, die den Plebejer- Sinn bekundet? Menschen, die das Schicksal durch Reichthum höher gestellt, müßen ihre Stellung würdiger benutzen; müssen für das Wohl der vom Schicksal stiefmütterlich Behandelten wirken, kräftig wirken; dürfen nicht, während sie im Ueberfluß schwelgen, vergessen, daß es Menschen gibt, die ihr Leben jämmerlich verkümmern, deren Elend aber sie erleichtern, denen sie viel helfen könnten — und doch nicht den kleinsten Schritt dazu wagen! Wenn sie aber vollends glauben, daß ihnen ihre Absicht gelungen, daß sie sich wirklich den traurigen Ruhm erworben für Alles zu geben, so sind sie in einem argen Jcrthume befangen. Dadurch, daß sie ihre Ueberzmgung,' ihr Gewissen auf dem Altäre der Heuchelei opfern, haben sie die Meinungen nicht versöhnt; jeder halt sie für das, was sie im Grunde» sind — für Heuchler. H. Bicht- und Schattenbilder aus der jüdischen Geschichte der Gegenwart. Die Juden im Elsaß. (Fortsetzung. Die Revolution machte diesem Kampfe der List und des Betrugs gegen das gesetzliche Unrecht ein Ende. Ein Decret der Nationalversammlung vom 27. Sept. (13. Novbr.) 1791 erklärte jeden Juden, der den Bürgereid schwöre und auf seine Privilegien verzichte, zum französischen Bürger, und solle gleiche Rechte und gleiche Pflichten wie Alle haben. Als ich im Elsaffe herumreiste und dort an Ort und Stelle die Verhältnisse zwischen den Juden und den Bauern beobachtete und studirte, kam mir mehr als einmal der Gedanke, daß die Emancipation der Juden überhaupt als ein schöner Traum in das Reich der Unmöglichkeit gehöre. Ich lernte nicht einen, sondern viele tüchtige Ehrenmänner hier kennen, die mit dem Grundsätze der Gleichheit im Herzen hierher gekommen waren, nach und nach den Thatsachen gegenüber an ihrem Grundsätze verzweifeln lernten und mit trüben Herzens bekannten, wie sie die Emancipation der Juden für ein Unglück hielten und bis jetzt nur nachtheilige Folgen davon gesehen hätten.