Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 41 (4.10.1842)
- Date
- 1842-10-04
- Page
- Seite 326 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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326 G a l i z i e n. Lemberg, 2. Septbr.?sm 30. v. M. fand die Prüfung der Talmud-Tora-Kinder statt. Die Gemeinde-Vorsteher, der Religionslehrerl 2 3), die Inspektoren dieser Anstalt und viele Privaten wohnten dieser Prüfung bei, die einen feierlichen Anblick darbot. Als man ins geräumige Zimmer ^) der neuen Talmud-Tora trat, gewahrte man bis 50 Knaben (die dritte Klasse nämlich) sehr reinlich aussehend, an den neu eingerichteten Lehrtischen gereihet, und tiefe Stille herrschte im Saale. Als nun einer der Vorsteher, der den Katalog vor sichliegen hatte, die Namen der Knaben nannte, traten dieselben in der größten Ordnung hervor, und nach einer artigen Verbeugung stellten sie sich vor die Tafel hin, und lösten ohne Anstrengung die an sie gestellten Rechnungsaufgaben, wobei sie recht ordentlich die Chiffern aufschrieben. Hiernach wurden sie in der hebräischen Sprachlehre, in der Bibel (Pentateuch) mit deutscher Übersetzung, und ein großer Theil im Talmud geprüft, welche sammtliche Gegenstände sie zur ungemeinen Zufriedenheit und Ueberraschung aller Anwesenden ausführten. Nach der dritten, wurde die zweite, dann die erste Klasse vorgenommen. Die von den Kindern eingelieferten Schriften sahen sehr nett und zierlich aus. Auffallend war es und zum Erstaunen, wie man die Kinder in solcher kurzen Zeit von dem gebräuchlichen Jargon abgewöhnte) sie haben die Lehrgegenstande in einem reinen Deutsch vorgetragen. Nach geendigter Prüfung vertheilte man an die Kinder, die sich hervorthaten, Prämien, welche Vertheilung die erwartete Wirkung nicht verfehlte, denn während die äußerst vergnügten Kinder, die nämlich die Prämien empfingen, sich für die Zukunft sichtbar angeeifert fühlten, perlte manche Thrane, das sicherste Pfand künftiger Vefferung, aus den Augen anderer, die sich der erlittenen Zurücksetzung schämten. Wenn man die Schwierigkeiten in Erwägung zieht, mit denen die Lehrer zu kämpfen hatten, indem sie die Kinder von den durch schlechte und sinnlose Lehrmethode ihnen früher eingeprägten falschen und verkehrten Begriffen trennen mußten, und daß sie nun Gegenstände zu lehren hatten, welche die Kinder früher nicht einmal dem Namen nach kannten, als: hebräische Sprachlehre, Rechnen, deutsche Uebersetzung, und dieses Alles in der kurzen Frist von kaum vier Monaten ^), so ist das gewonnene Resultat ein äußerst glänzendes zu nennen, und giebt der schönen Hoffnung Raum, daß diese Anställ mit der Zeit eine Pflanzschule nützlicher und tauglicher Mitglieder unserer Gemeinde-werden wird. Jndeß der günstigste Erfolg die von dm Vorstehern 1) “MD. 2) Sie hat deren drei, für jede Klasse eins. 3) So lange besteht die neue Talmud-Lora. unternommenen Reformen krönt, schreiten erstere kühn und unaufhaltsam auf der betretenen Bahn vor und entwickeln eine für das Gemeinwohl heilsame Thatigkeit. Ihr vorgestecktes Ziel stets im Auge behaltend, scheuen sie keine Mühe, schlagen kein Opfer zu hoch an, um sich diesem zu. nähern, und während die Orthodoxen, vom innersten Grame genagt, ihren Verdruß kaum verhehlen können, streben die Gutdenkenden vorwärts. Erst diese Woche Haben unsere Vorsteher neun Waisenkinder^) an verschiedene Handwerker in die Lehre gegeben5), und werden diesen noch mehrere, insoweit es ihnen der Fond gestatten wird, folgen lassen. Ich war gerade gegenwärtig, wie diese, ohne solche menschenfreundliche Unterstützung dem Bettelstab verfallenen Kinder, ihre Fetzenhütten mit vollständig neuen, säubern Anzügen vertauschten. Mit welch vergnügter Hast warfen sie den alten Schmutz weg, dem sie-sammt dem früher geführten elenden Leben mit freudetrunkenen Blicken ein Lebewohl sagten, um nun in ein neues Leben zu treten, das ihnen eine hoffnungsvolle Zukunft bietet! Waren auch da alle jene gegenwärtig, die mit starrem Gleichmuthe diesen erfreulichen Erscheinungen zusehen, ohne daß irgend ein Funke von Theilnahme in ihrer Brust austaucht, so würde die. Eisrinde schwinden, die ihr Herz umgibt, und sie würden fühlen,-wenn sie anders menschlich fühlen können, daß es einen reineren Genuß, eine höhere Lust gibt als blos seinem eigenen Ich zu leben. .Es wird auch für diese angehenden Handwerker, gesorgt werden, daß sie nach geendigter Lehrzeit und Wanderung in Stand gesetzt .sind, gleich von ihren Professionen Gebrauch machen zu können. Die von der löbl. Obrigkeit den Vorstehern gewahrte Erhöhung der Stempelsteuer von 500 Gulden Conv. Münze 6) jährlich wird zu diesem Behufe (nämlich Einrichtung einer Werkstatt u. dgl.) verwendet werden. So gewinnt das Waisenhaus oder eigentlich der Grundzweck.desselben, nämlich die Versorgung hoffnungsloser Waisenkinder, durch die Thätigkeit der Vorsteher und die bereitwilligste Unterstützung unserer lob!. Obrigkeit, eine immer größere Ausdehnung. Ich darf jedoch einen Mann nicht übergehen, der sich um diese Anstalt sowohl, als auch um die Talmud-Tora keine geringen Verdienste erworben hat. Ich meine den (israelitischen) Polizeirevisor Hrn. H. Zippe r, als unermüdlichen Eiferer für die gute Sache hier wohlbekannt, dessen rastloses Bemühen, die Fonds dieser Anstalten zu vermehren, die lobendste Anerkennung verdient. Die Beitrage, die durch seine immerwährenden Sammlungendemselben, vorzüglich dem Waisenhause, zu- . 4) Außer den 12, die sich im Waisenhause befinden. 5) Sie genießen auch, um in geistiger Hinsicht nicht ver- - nachläßigt zu werden, dreimal in der Woche den nöthigen Unterricht. 6) Circa 330 Lhlr.