Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 41 (4.10.1842)
- Date
- 1842-10-04
- Page
- Seite 322 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2360092-2360201-2360243--2670-3529708- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 322 — lischm Sprache betrifft, deren sich die Juden bedienen, hat Hr. K. nicht gewußt, daß er ohne es zu wollen, den Juden eine tiesverletzende Absicht unterlegt. Die spanische Sprache ist die ihrer Väter, zum Theil ihrer Liturgie und da die türkische barbarische Politik, geleitet durch religiösen Fanatismus, die Juden bis jetzt in starrer Jsolirtheit hielt, so mußte sich natürlich diese Sprache von Vater auf Sohn forterben, und selten findet man daher einen Juden in der Türkei, der türkisch zu schreiben vermöge. Noch unrichtiger und irrthümlicher ist das, wie Hr. Kohl unsere ungestörte Niederlassung in Wien ansieht, daß wir nur unter dem türkischen Gesandten stehen. Dieses ist nicht ein Vorrecht, sondern ein trauriges Recht, wodurch unsere Existenz hier allein möglich ist; wollten wir uns unter österreichischen Schutz begeben, so wird uns die Weisheit der christlichen Politik aus dem Lande jagen. Die Juden aus Galizien, Böhmen, und Mahren, die aus Ungarn und Siebenbürgen, dürfen als Juden sich hier nicht aufhalten, obgleich sie Kinder des Vaterlands sind, wir aber als Türken von Konstantinopel können, obgleich Juden, hier bleiben, weil der Islam, obgleich verfallen, dennoch die Nationalitäten milder als der Kathvlicismus ansieht. Es ist traurig, daß österreichische Juden erst nach der Türkei wandern muffen, um, von dort aus kommend, hier geduldet zu werden, und ich kann Hrn. Kohl versichern, daß unter den türkischen Juden in. Wien, die er im Kaffeehaus gesehen, auch viele acht österreichische Unterthanen waren, die den Frack mit dem Türkenkleid vertauscht, um ungestört zu sein. Freilich wenn Hr. K. das gewußt, so hatte er ein ganz anderes Bild von diesen Zuständen entworfen und hatte mit dem Resultate geschloffen, daß nur eine gerechte Politik eine weise sein kann. — Henriquez. FL Be rlin, 21. Septbr. Mit der beabsichtigten Umgestaltung unsrer Synagoge wird es jetzt Ernst; es haben bereits Besichtigungen der vorhandenen Baulichkeiten Seitens der Vorgesetzten Behörden stattgefunden und man sieht demnächst einer Berufung von solchen Gemeindemitgliedern entgegen, bei denen eine Unterbringung von Actien auf die neue Synagoge vorauszusetzen ist. Wenn gleich der Plan einer Actienuntecnehmung ein zeitgemäßer ist, so scheint er doch eher auf Eisenbahnen als auf Synagogenbauten zu paffen, wenn nämlich die Gemeinde um die Erschwingung der Mittel auf anderem Wege nicht in Verlegenheit ist, wie dies bei den finanziellen Verhältnissen der Berliner Judenschaft gewiß anzunehmen. Auch über diese Angelegenheit beobachtet der Vorstand jene geheimnißvolle Zurückhaltung, welche ich schon in meinem' vorigen Berichte gerügt habe, und welche gewiß nicht.dazu dient, das Vertrauen der Gemeinde zu gewinnen und zu erhalten. Wir geben uns gern der Hoffnung hindaß dieses Berhaltniß bald eine andere Gestaltung gewinnen werde, indem nämlich noch in dieser Woche (und wie ich glaube, am heutigen Tage) die Wahl „eines neuen, auf drei Jahre einzusetzenden Vorstandes stattft'ndet. Auch hierbei wird,jener Loospngs-Modus beobachtet, der schon bei der- Rabbinatswahl vielfacher. und verdienter Rüge unterlag. — Hoffen wir, daß der neue Vorstand eben so viele intelligente Männer in seiner Mitte zähle, als der. ausscheidende, daß er aber nicht in jener Geheimnißkramerei und Wichtigchuerei verharre, welche bis jetzt nicht selten die leitenden Principien abgegeben haben. Eine in der vorigen Woche von der Vossischen Zeitung gebrachte Expectoration über das laute Beten zu dem Gotte Israels, ward wahrscheinlich durch eine vorangegangene Scene in der Synagoge veranlaßt, in welcher ein Synagogenvorsteher einem in seinen Gewohnheiten graugewordenen Manne etwas derb seine Reformansichten aufdringen wollte. Nirgends mehr, als bei der Verletzung so empfindlicher Seiten sollte man mit großer Vorsicht zu Werke gehen, und niemals das Sprichwort der Schachspielenden Bauern vergessen„Mit Rath, Herr Nachbar!" n Berlitt, 28. Sept. Seltsam genug ergeht es der hiesigen Gemeinde in Bezug auf ihre Rabbinerwahl und mir mit meinen Berichten über dieselbe. Wahrend man in voriger Woche allgemein der Ueberzeugung war, Dr. Fr. würde ohne Zweifel und zwar schon in nächster Zeit Herkommen, sagt die öffentliche Stimme jetzt das Gegentheil. Die Dresdner Gemeinde habe sich, so heißt es , nicht mit den Wünschen der Berliner einverstanden erklärt, und hatte ihren Rabbiner durch seine Erklärung für gebunden. Der Gemeindevorstand hüllt sich noch immer in den Mantel des Schweigens und überlaßt es-den Gemeindemitgliedern, sich in Conjecturen und Muthmaßungen zu erschöpfen. Der Berliner Witz ist unterdessen nicht müßig und übt seine Kraft an einem so ergiebigen Vorwurf; trügen seine Produkte nicht alle mehr oder weniger den Stempel der Gehässigkeit, so würde ich nicht anstehen, Ihnen einige der frappantesten mitzutbeilen. Mit der Reform unsres Gottesdienstes geht es, wenn auch langsam genug, doch vorwärts. Bis jetzt beschränkt sich der-ganze Gewinn auf Einführung eines Männerchors, dessen Leistungen namentlich in neuerer Zeit an ästhetischem Werthe bedeutend zugenommen haben. Die kirchliche Bedeutung tritt dagegen in den Hintergrund. Wie genügsam man hier in Bezug auf fortbildende Maßregeln ist, geht daraus hervor, daß man die Einführung von Sammtkappchen bei den - Ehormitgliedern als einen bedeutenden Fortschritt lebhaft begrüßte, vielleicht deshalb, weit auch diese Aenderung unsren geistlichen Funktionären, die darin ,,eine Gefährdung des Bestehenden" erblicken mochten, erst mühsam abgerungen worden ist. Daß der Sinn für Ordnung und Anstand beim öffentlichen Gottesdienste übrigens bei uns noch in