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Der Orient · 1842-09-27 · Heft 40 (27.9.1842) · p. Seite 314

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Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 40 (27.9.1842)
Date
1842-09-27
Page
Seite 314 (sequence 3)
Language
German
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314 eben ihrer Brauchbarkeit wegen von den Regierungen, so oft sie ihrer bedurften, geschützt, ihrer Ueberlegenheit wegen aber von den Gewerdsgenossen beneidet, vom Volke gehaßt und verfolgt. In Deutschland fanden sie Schutz bei dem Kaiser, als seine Kammerknechte; der Pöbel erschlug sie, wenn ohnmächtige Kaiser die einreißende Anarchie nicht zu zügeln vermochten, demungeachtet zu Tausenden, sobald er von Priestern, wie in der Zeit der Kreuzzüge und spater, fanarisirt. war. In Polen, wo sie die einzigen Geldagenten waren, und keine Schiffsladung mit Warzen oder Holz ohne sie verkauft werden konnte, wurden sie wegen ihrer Unentbehrlichkeit von den Staatsmännern hochgehalten und selbst zum Adel gern herangezogen. Als Diplom galt die Taufe. Die Sage zahlt in Polen noch namhafte Geschlechter jüdischen Ursprungs, die ihre adlichen Wappen jüdischem Geldverkehr und christlichen Taufzeugnissen verdanken. — . Völker und Gesetzgeber, denen das Blüchersche Vorwärts als Devise gilt, legen der Entwickelung der Juden keine Hindernisse in den Weg; als Glieder des Staats betrachtet wird ihre Handelsbedeutung als zur Wohlfahrt des Landes angesehen. In Amerika, England, Frankreich, Holland, Belgien, Kurhessen wird der Jude in allem, was er unternimmt, weder beneidet noch gehin-! dert, und die Tauglichkeit der Juden als Ackerbauer, Handwerker, Finanzmänner, im Eivil- und Wehrstande, in Wissenschaft und Kunst, hat von jeher nur die Beschränktheit bezweifelt. In Frankreich giebt es Oberste — vor wenigen Jahren noch einen General — und Ofsiciere jüdischer Religion und zwar nicht blos aus napoleonischer Zeit; und bei der Schlacht von Waterloo fochten jüdische Ofsiciere im englischen Heere mit Auszeich- : nung, wie der Herzog von Wellington es im Parlamente bezeugt. Cremieux gilt für einen der ausgezeichnetsten Advokaten, und Demoiselle Rachel ist die erste Schauspielerin des ersten Theaters in Paris. In England, dem allerrecht- und strenggläubigsten unter allen protestantischen Ländern, ist der'Älderman M o ntefio re von der Königin zum Ritter geschlagen; und Rothschild in London ist der König der Börse. In Wien, wo alles materielle Verdienst bekanntlich ausgezeichnet und belohnt wird, gilt Baron Rothschild als Teilnehmer der übermächtigen Pentarchie, die ihren Hauptsitz in dem freien Frankfurt und dem freien London hat. In Holland, in Belgien, in Amerika, ja auch in manchen deutschen Staaten giebt es keine Kunst und keine Wissenschaft, kein Gewerbe und keine bürgerliche Tugend, in welchen die Juden sich nicht ausgezeichnet, und selbst in unserem Preußen haben sie schon seit Jahren den Standpunkt der gegenwärtigen Bildung sich angeeignel. „Die Geschichte unsres letzten Krieges wider Frankreich", schrieb der Staatskanzler Fürst von H ardenberg am 4. Jan. 1815, „hat bereits erwiesen, daß die Juden des Staats, der sie in seinen Schooß ausgenommen, durch treue Anhänglichkeit würdig geworden. Die jungen Männer jüdischen Glaubens sind die Waffengefährten > ihrer christlichen Mitbürger gewesen und wir haben unter ihnen Beispiele des wahren Heldenmuths und der rühmlichsten Verachtung der Kriegsgefahren aufzuweisen". In den Ländern geringerer Industrie, wo die ihren wahren Dortheil verkennende Aristokratie des Adels und die Aristokratie des Klerus, durch ihren Einfluß auf die Gesetzgebung, die bequemere Zeit zurücksühren möchte, wo allein der Unterthan die Arbeit, und der Jude das Geld besorgte, werden die Fortschritte der Juden gefürchtet, die mit ihrer zunehmenden Bildung auch den Zufluß von Reichthümern auf sich geleitet haben, nach dem bekannten Sprichwort: „Gut giebt Mulh, Muth giebt Uebermuth.^ Die Bequemlichkeitsliebe der Gewerbetreibenden tritt mir Jenen gern in Bund. Denn sie sehen und erfahren es täglich, daß der viel sparsamere, frugalere Jude sich überall mit einem geringern und doch einträglichem Gewinne von seiner Arbeit begnügen kann, und dabei wohlhabender werden muß, als der christliche Gewerbsmaun auf gleicher Stufe, der außer dem viel luxuriösem Hausstande doch auch Kaffee- und Weinhäuser, Billards oder wenigstens Kegelbahnen zu besuchen gewohnt ist. Wenn die Gesetzgebung aber ihre Aufgabe mehr ins Auge faßt und einen natürlichen Zustand begünstigt, dann verschwindet auch dieser Industrie-Vorzug der Juden, und die Gleichheit dringt durch sogar bis auf den Luxus und die Verschwendung, fo daß keine Glaubenspartei der andern etwas voczuwerfen hat. — Prüfen wir nun die Fortschritte der Zeit, die zwischen dem Höhenpunkte, der in Preußen und Norddeutschland den Juden fast unbeschränktes Bürgerrecht gab, und der gegenwärtigen verflossen ist, welche, der Sage nach, es ihnen wieder entziehen soll, so werden wir finden: daß die geistige Entwickelung der Juden im Ganzen mit ihrer bürgerlichen seitdem ganz gleichen Schritt gehalten hat, ja ihr noch vorausgeeilt ist, wie auch schon ein flüchtiger Blick in die kultur-geschichtliche Entwickelung der preußischen Juden in der Neuzeit hinlänglich ausweist. Worin sie zurückgeblieben, ergiebt eine spätere Erörterung. Im Allgemeinen haben sie dem Ziele nachgestrebt, das Kanaan der vollen bürgerlichen Gleichstellung mit den Christen zu erreichen, das ihnen von fern gezeigt wird, ohne daß sie in diesem gelobten Lande schon anlangen konnten. Ihr Eifer und ihre ^Geduld sind nicht ermüdet. Auf dem Rechte beruht auch ihre Zuversicht, daß sie dies Ziel erreichen müssen, sollte ihre Wanderung auch volle vierzig oder zweimal vierzig Jahre-währen, von denen die dreißig ersten schon vollendet sind, wiewohl ihnen die Wohlthat Jehovahs, auf Mosi's Vermittelung, nicht zu Theil geworden, daß ihre Kleider und ihre Schuhe nicht zerreißen. Sie wandern aber auch in keiner Wüste, und Manna und Wachteln sind Tagesspeise neben bessern Trinkquellen, als Mosis Felsenbrunnen war. ' Allein nahe schon ist ihnen das Land der Verheißung. Denn unleugbar ist bei den Juden ein allgemeiner Wetteifer rege geworden, sich formell, geistig und sittlich auszubilden. Seit dem Edikt vom 11. März 1812 wurde die deutsche Sprache, als Geschäfts- und Unterrichtssprache, das treibendste Mittel, sich der christlichen Bildung anzuschließen, wenigstens wurde der Gebrauch der deutschen Sprache gesetzlich verlangt, deren früher nur aus freier Wahl die Gebildeten sich bedienten. Mehr, als früher wurden seitdem christliche Schulen von ihnen besucht." -Der Widerwille gegen die Gemeinschaft der Schulen war mehr bei Christen als bei den Juden anzutreffen. Kenntnisse und Ausbildung erschienen ihnen als gangbare Waare, als gesuchter Meßartikel. Der Durst nach solchen ließ sie daher nicht müde werden,

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