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Der Orient · 1842-09-27 · Heft 40 (27.9.1842) · p. Seite 315

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Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 40 (27.9.1842)
Date
1842-09-27
Page
Seite 315 (sequence 5)
Language
German
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315 sich zu ihnen zu drängen; in allen Zweigen des Wissens sieht man Juden unermüdlich arbeitenohne Aussicht auf einen materiellen Nutzen. Der wißbegierigen Jugend blieb auch in Bezug auf Schulen keine andere Wahl, als die christlichen; denn wo sollten in der ersten Zeit auch jüdische Lehrer Herkommen, die in Seminarien gebildet und durch alle Prüfungen gegangen? Fast waren daher die Gymnasien der großen Städte mit ihnen überfüllt, und die jüdischen Schüler waren nicht selten die vorzüglicheren, wie es die Prüfungen auswiesen. Es bedarf kaum der Namen: Meyerbeer, Michael Beer, Mendelssohn- Bartholdy, Gans, Valentin, Rieß rc. um das Gesagte zu bestätigen. Die den Staatsdienst nicht suchten, beharrtm treu in ihrem Glauben; denen, die ihn suchten, blieb als Eingangspforte dazu nur die Taufe, die.sie, wie Gans und andere gefeierte Notabilitaten, an fast allen unfern Hochschulen, als ein Unvermeidliches wählten. Auch bei denen, die sich wissenschaftlicher Bildung nicht erfreuten, machte sich Lernbegierde und der Trieb, in Sprache und Sitten den Christen gleich zu sein, fast allgemein bemerkbar. Bei der ganzen jüngeren Generation, die seit 1812 die christlichen Schulen besucht, ist der früher so oft verspottete jüdische Typus in Dialekt, in Anstand, Gang rc. schon ganz verschwunden. Nur da ist er noch kenntlich, wo die jüdische Jugend in rein jüdischen isolirten Schulen gebildet wird, deren Lehrer, wenn auch sonst geschickt, nicht anders, als in alter Weise und in alter Form erzogen sein konnten. Am auffallendsten war die Vermehrung der jüdischen Handwerker. Die Lehrlinge, die in der ersten Zeit nach dem Edikt von 1812 nur gegen Prämien, aus Stiftungen und Gemein-Kassen, untergebracht werden konnten, wuchsen nach wenig Jahren in Berlin allein zu Hunderten an; und es bedurfte sehr bald nicht nur keiner Prämie dazu, sondern jüdische Lehrlinge wurden sogar wegen ihrer Anstelligkeit, wegen ihres Fleißes und ihrer Mäßigkeit gesucht. Es sind seitdem tüchtige Gesellen und Meister zu Hunderten aus ihnen hervorgegangen. Zwar haben die Meisten unter ihnen Handwerke mit sitzender Lebensweise gewählt, die Schneiderei und das Schuhmacherhandwerk, die Wenigsten, jedoch Einige, die schwereren Handwerke z. B. das Maurer- und Tischlerhandwerk und den Ackerbau. Vielfach ist daraus auf die alte Abneigung gegen schwere Arbeit geschloffen worden. Wenn man aber die frühere Lebensweise der ärmeren Juden erwägt, ihren elenden Erwerb in kleinem kläglichem Schacher, die daraus fließende knappe Nahrung, die ungesunde Dürftigkeit ihrer Kleidung, ihrer Wohnungen, so läßt sich die forterbende Schwächlichkeit ganzer Geschlechter erklären, die nur langsam und dann erstarken und zu schwerer Arbeit fähig werden können, wenn Beschäftigung und Nahrung der christlichen ganz gleichstehen werden. West-Europäer lachen über die krummen Beine der Türken und ihren schwerfälligen Gang, seit sie europaisirt wurden: Beides Folge ihrer bisherigen Lebensweise. Aehnlich ergeht es den gemeinen Juden; aber die Zeit wird indessen ihr fortgesetztes Streben mit Erfolg krönen, da der Jude es durch seine Geschichte hinlänglich bewiesen, daß er! jedesmal die Gegenwart zu erfassen versteht. Aber bis zu diesem nahen Ziele laßt uns nicht unbillig sein. Wir wundern uns darüber, daß sie dem Ackerbau sich nicht widmen. Als Knechte? Nehmt erst den christlichen Ackerwirthen das Vorurtheil gegen jüdisches Gesinde. Nur wer diesen Beruf vom Gansehüten an, barhäuptig und barfüßig, also vom elterlichen Hause her, angefangen, ist körperlich fähig, trotzend jeder Witterung, den Ackerbau foctzusetzen. Als Bauer oder Ackerwirth? Jedes andere Gewerbe ist leichter; der Geselle zeigt dem Lehrling alle Vortheile und Kunstgriffe, und der Meister überwacht das Ganze. Wo aber giedt es Bauernschulen? d. h. zur Bildung für den kleineren Ackerwirth, für ein Gewerbe oder vielmehr für eine Kunst und Wissenschaft, in der nur gesunder Verstand, ererbte und eigene Erfahrung die besten Lehrmeister sind, die der Natur ihre Geheimnisse abzulauschen, Regen und Sonnenschein und jede Gottesgabe für ihr Gewerbe zu benutzen verstehn? 'Wenn nun vollends der Jude am Sabbat nach mosaischem Gesetz nicht arbeiten darf, am Sonntage, nach christlich polizeilichem Gesetze, nicht öffentlich arbeitend gesehen werden soll, wenn sogar sein Andachtstempel vielleicht meilenweit von ihm entfernt liegt (und dem Frommen jedes Glaubens ist Andacht mit seinen Genossen Bedürfniß des Herzens); wollt Ihr den Juden dann noch jüdelnd und arbeitsscheu schelten, weil er ein Gewerbe nicht wählt, in welchem er den Gottesdienst entbehren muß, dabei nichts erwerben,- sich und die Seinigen nicht ernähren kann, weil er da zwei Arbeitstage statt eines verlieren, und seinen Nachbarn zum Gespötte dienen foll?! Und doch trifft man auch aus dieser Bahn den Fortschritt; die deutsche Sitte, das deutsche Leben hat auch in dieser Beziehung tiefe Furchen in das Judenthum geschnitten. Unverkennbar ist es, daß mancherlei Hindernisse der geistigen Ausbildung der Juden in den Weg gelegt, mancherlei Mittel versucht wurden, ihnen ihre abgesonderte religiöse Stellung zu verleiden. Nach dem Erlasse des Edikts vom 11. März 1812 kam mit den Bibelgesellschaften aus England auch der Verein zur Bekehrung der Juden zu uns herüber. Dort sind beide von wesentlichem Nutzen gewesen, vermöge des ausgedehnten Einflusses auf den Orient, worin bekanntlich kein anderes Volk, selbst die Russen nicht, den Engländern gleichkommt. Dort hat der Verein Missionäre des Evangeliums für alle Völker der Erde gebildet; bei uns, wo es keine andere sogenannte Ungläubige giebt, als die Juden, war er für den unmittelbaren Zweck von geringem Erfolg. Mittelbar gewahrte er einigen Nutzen 1) für die Juden selbst, deren Schriftgelehrte sich auf eine Vertheidigung ihres Glaubens einüben mußten, und dadurch auf reinere Religionsbegriffe, auf die Nothwendigkeit eines verbesserten Religionsunterrichts, des Gebrauches der deutschen Sprache beim Gottesdienst, und gründlicheren Unterrichts in jüdischen Elementarschulen gestoßen wurden; 2) für die Christen, deren deutsche Bekehrungsprediger genöthigt wurden, sich inniger mit orientalischer Litceratur und Sitte bekannt zu machen, und tiefer in das Wesen des Judenthums einzudringen. Die wissenschaftlichen Juden kamen durch solch tieferes Studium allerdings (und das ist der Hauptkummer aller guten Christen) dem Deismus naher, zu welchem ihre Gebildetsten sich von jeher geneigt hatten. Talmud und mosaisches Ceremonial-Gesetz wurden bei Seite gesetzt, deutsche Predigten mit einfacherem Ritus sollten gehalten 40 *

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