Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1842
- Issue
- 39 (20.9.1842)
- Date
- 1842-09-20
- Page
- Spalte 615-616 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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615 Jüdische Merchumskunde. Die Beschneidung bei den Israeliten. Bon Dr. Bergson. 616 die das ganze Volk dadurch empfangen haben sollte, erblickte. So geschah es, daß im Laufe der Zeiten aus einem Volksgebrauch ein religiöser Ritus, dessen Unter-, lassung die eigenthümliche Todesstrafe des rrD nach sich zog, aus einer fleischlichen Handlung das Symbol einer hohem Weihe ward. Diese symbolisirende Ansicht mußte zu eiver Zeit, wo der Strom der allgemeinen Geistesrichtung so sehr zum Spiritualismus hinneigte, wie dies die Periode der Entstehung und ersten Ausbreitung der neuen christlichen Lehre bezeichnet, vielen Beifall finden. In dieser Zeit war es, wo unter dem begünstigenden Einflüsse der inspiratorischen Ideen die Lust erwachte, in jedem Religionsgebrauche einen tiefer verborgenen Sinn zu erwittern, unter der Hülle jedes Gebotes ein geheimnißvolles' Mysterium zu entdecken, unter der ceremoniellen Schale einen geistigen Kern aufzusuchen. Man verfiel dadurch in sophistische Spitzfindigkeiten und theologische Spielereien, die, wie auf dem ganzen Gebiete der Exegese, so auch aus dem unsres biblischen Gebrauches Platz und Nahrung fanden. Als die erste Spur, in der wir, die spiritualistische Auffassung des Beschneidungsgebrauches finden, betrachten wir einige Stellen aus dem neuen Testament. Obgleich in demselben (Evang. Luca 1, 59 und 2, 21) zweimal der Beschneidung als eines Factums erwähnt wird, so wird doch von der symbolischen Bedeutung erst bei Paulus gesprochen. In der Epistel an die Römer (2, 25 und 4, 11) heißt es unter Anderem : die Beschneidung ist wohl nütz, wenn du das Gesetz hallst, hältst du aber das Gesetz nicht, so ist deine Beschneidung schon eine Vorhaut worden — ferner: das Zeichen der Beschneidung empfing Abraham zum Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, welchen er noch in der Vorhaut hatte, aus daß er würde ein Vater Aller, die da glauben in der Vorhaut. Man ersieht aus diesen Worten jene oben bezeichnete symbolische Richtung, in der Beschneidung, außer dem realen Werth, noch einen andern mehr geistigen anzunehmen. Diese Neigung, eine derartige Erklärung zu geben, finden wir nun bei allen diesen, der späteren apostolischen Zeit, so wie den ersten Jahrhunderten nach Ehr. Geb. angehörenden Exegeten, so namentlich bei allen Kirchenvätern, und sie erhielt sich durch das ganze Mittelalter, während des Mönchschcistenthums hindurch bis in die protestantische, ja selbst bis in die neueste Zeit bei dem größten Theil der theologischen Bibelerklärer. Wir können alle hierher gehörigen Schriftsteller unter der Rubrik der spiritualistischen religiösen Auffassung zusammenstellen. Als eine Reaction gegen diese spiritualistisch-religiöse Anschauungsweise des Beschneidungsgebrauches erhoben sich, wie wir sehen werden, von Zeit zu Zeit einzelne Männer, welche durch ihre Kritik auf einen mehr materiellen und rationellen Standpunkt sich stellten, und der Beschneidung bald einen rein medicinischen, diätetischen, physiologischen, bald einen rein politischenbald auch einen rein ethnographischen Entstehungsgrund zu vindiciren suchten. Die Vertreter dieser mehr rationellen Ansicht, wie wir sie im Gegensatz zur obigen mehr religiösen bezeichnen wollen, sind hinsichts ihrer Anzahl nur sehr gering, besonders wenn man sie mit denen der letztem vergleicht, indessen müssen wir gerade deswegen sie einzeln aufführen, was bei der religiösen Ansicht uns überflüssig scheint, weil, wahrend hier alle von den ältesten Kirchenvätern bis auf die neuesten biblischen Exegeten hinab das gemein haben, daß sie einer und derselben Meinung hinsichts der Beschneidung sind, wir bei den rationellen Versuchen statt dieser monotonen Färbung, eine scharfe discrete Nüancirung antreffen, die, je nachdem es die medicinische, politische, ethnographische' oder mythologische Auffassung ist, welche vertreten wird, die einzelnen Ansichten durch strenge Sonderung von einander markirt. 1. Die spiritualistisch-religiöse Ansicht. (Theodoret, Eusebius, Origenes.) Wir sahen bereits, daß man den Ursprung dieser Ansicht über die Beschneidung im N. T. zu suchen hat, indem die oben angeführten Worte aus der Epistel Pauli an die Römer (2, 25. 4, 11.) eine mit symbolischen Sophismen durchwebte Meinung aufstellen, die in der Beschneidung der Israeliten blos ein Zeichen von Glaubensweihe und Sündenreinigung erblicken wollte. In Folge dessen wurde derselben statt des wirklichen Inhaltes ein mehr spiritualistischer zuerkannt, der gerade nicht an den Akt der Beschneidung gebunden leicht durch einen anderen ersetzt und somit die Abschaffung derselben überhaupt eingeleitet werden konnte. Aus diesem Wege war man bald dahin gekommen, einen strengen Unterschied zwischen der fleischlichen und der gleichsam geistigen Beschneidung zu statuiren. Hierzu trugen einzelne Stellen aus dem A. T. selbst, in denen oft von der Vorhaut des Herzens, nb n^ny, von der Beschneidung der Herzensvorhaut die Rede ist, nicht wenig bei, indem dadurch die Vorstellung einer Beschneidung der Herzensvorhaut, die sinnbildlich für das Gemüth genommen wurde, zur allgemeineren Verbreitung vorbereitet war. So gelangte man zur Ueberzeugung, daß, da in der mosaischen rein fleischlichen Beschneidung eingentlich nur das geistige Moment einer religiösen Einweihung enthalten ist, man wohl das letztere immer noch beibehalten könne, ohne die ersten in ihrer Strenge befolgen zu müssen; ja diese könne ganz unterbleiben, wenn nur dafür gesorgt wird, daß das in ihr ruhende geistige Princip gerettet wird. Da aber wiederum dieses irgend einer ceremoniellen Repräsentation bedarf, so sah man sich nach einem Gebrauche, um, der mit der leichtern Ausführbarkeit die Unbequemlichkeit, welche der Beschneidungsbrauch mit sich führt, vermeiden half. Einen solchen fand man aber gar bald in der alten, seit lange her ge-