Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Beilage zu Nr. 38 (13.9.1842)
- Date
- 1842-09-13
- Page
- Spalte 3-4 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2360092-2360201-9894096--2642-3529676- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4 3 Dv. Formstechers Religion des Geistes, beurcheilt von Dr. Hirsch. das Wort Gott im Munde führt? ist die Frage. Sie zu beantworten, heißt Gott beweisen. Die Philosophie ist, wie die Religion, den Weisen und Klugen dieser Welt eine Thorheit und nur den armen, wenn auch nicht an Geist, doch an Hochmut!) ist sie gegeben. Sie bescheidet sich in der That, das nicht zu wissen, was sie noch nicht weiß, wahrend der philosophische Dilettantismus über solche kinderleichte Fragen, was man denn mit dem Worte Gott sagen wolle, langst hinaus ist und man uns alles Mögliche von diesem Worte zu versichern weiß, daß es das und das nicht ist rc. Freilich das wissen wir auch. Wir wissen, daß das Wort Gott nicht Holz bedeutet auch nicht Stein, aber was denn? Das sei unwißbar, meint man nun, aber warum führt man denn ein solches Wort im Munde, da es doch die erste Regel der Logik ist, Wörter, deren Bedeutung man nicht kennt, auch nicht zu gebrauchen? Es ist nun leicht einzusehen, warum der Glaube nicht nach Beweisen fürs Dasein Gottes fragt und warum die bisher aufgefundenen Beweise Niemanden zum Glauben zurückgebracht haben. Der Glaube glaubt eben zu wissen, was. das Wort Gott bedeutet, und deßwegen fragt er nicht erst nach seiner Bedeutung. Kommt aber die Reflexion zu diesem ersten unmittelbaren Glauben, so macht eben die Reflexion, daß dieser blinde Glaube auch ein stummer ist, daß er nicht sagen kann, was er unter diesem Worte verstehe. Sie versucht also selbst und auf eigene Gefahr — denn es will ihr ja Niemand beistehen -- die Bedeutung dieses so räthselhaften Wortes zu finden. Das Nächste, worauf sie kommen muß, ist nun der kosmologische Beweis fürs Dasein Gottes. Es giebt Endliches; dieses gehet zu Ende, zu Grunde; das ist aber nur möglich, wenn eine ewige Ursache dieses zu Grunde Gehens und von neuem Entstehens vorhanden ist. So glaubt man nun, die Bedeutung des Wortes „Gott" angeben zu können. Es bedeutet die Ursache alles Endlichen, die Ur- Sache, das allem Entstehen und Vergehen zu Grunde liegende, unvergängliche Sein, das alles Entstehen und Vergehen bewirkende Wesen. Bald kommt aber die .Reflexion zur Einsicht, daß das Wort „Gott" viel mehr bedeuten muß, als das Wort Ursache. Die philosophische Reflexion konnte nämlich, wie wir anderswo nachgewiefen haben (s. meine Religionsphitosophie der Juden, S. 385 ff.) nur in Griechenland erwachen. Die griechische Religion ist aber längst über die Vorstellung hinaus, daß Gott nur die Ursache alles Seins sei. Diese Bestimmung von Gott paßt nur auf dm vorderasiatischen Sabäismus. Dort, wo alle Naturkräfte als solche göttlich verehrt werden, wird die absolute Nothwendigkeit, durch welche die Gestirne einander in der Herrschaft ablösen, als das Höchste angeschaut. Diese absolute, aber blinde Nothwendigkeit, sagt gerade so viel, als der Begriff: Ursache aller Veränderungen. Wie sie bewußtlos und unabänderlich wirkt, so wirkt die Ursache aller Veränderungen bewußtlos und. unabänderlich rc. Man Meint freilich Wunder, was wan von Gott gesagt habe, wenn man ihn als die letzte Ursache alles Seins (nnon b'D dd ni^yn b rby) bestimme, aber darauf kommt es nicht an, was man meint, sondern was man sagt, und der Begriff Ursache ist nur der einer alle Veränderungen in der Natur blind hervocbringenden Naturnothwendigkeit, oder der vi>rderasiansche Gott. Die griechische Reflexion wird also weiter getrieben, um zu der Bedeutung zu gelangen, welche die griechische Volksreligion mit dem Namen Gott verbindet. Nicht .mehr die Natur als solche wird von den Griechen verehrt, sondern die Natur, insofern in ihr geistige Verhältnisse angeschaut werden; diese geistigen Verhältnisse in der Natur sowohl, als im Menschengeschlecht sind die Verkörperungen der olympischen Gottheiten. Zwar giebt es auch Ungeistiges, Rohes in der Natur sowohl als im Menschengeschlecht, es gibt Titanen und Kroniden; aber diese alten Götter sind überwunden und an den Saum der Erde festgeschmiedet. Wohl gemerkt! sie sind nur überwunden, nicht vernichte t. Uebec beiden, den geistigen sowohl als den ungeistigen Göttern, über dem Zeusgeschlecht und über dem des Kronos und des Uranos herrscht wiederum das blinde Schicksal, dem kein Gott und kein Mensch entgehen kann und das es nicht zuläßt, daß die alten Götter mehr als gefesselt, daß sie vernichtet würden. Diese Religionsanschauung in Gedanken ausgedrückt giebt den physiko-theologischen Beweis fürs Dasein Gottes. Die Natur ist weisheitsvoll angeordnet; schon der Organismus auch des niedrigsten Thiers zeigt die schönste Harmonie und Übereinstimmung: also muß die Ursache dieser schönen Harmonie ein weisheitsvollerGott fein. Aber es giebt ja auch das Gegentheil dieser Weisheit in der Natur; es giebt Krankheit und Schmerzen, Tod und Nebel; daran ist aber nicht der weise Gott Schuld. Die olympischen Götter sind in den Gedanken des weisheitsvollen Gottes übersetzt; aber so wie diese in ihrem Thun immer noch genirt sind durch die alten nur gefesselten, nicht überwundenen Titanen: so ist der weisheitsvolle Gott genirt durch altes Uebel. Er hat Alles so gut gemacht, als er vermochte; aber vollkommen konnte er nichts machen: Warum? Weil der Stoff, aus dem er Alles machte., Widerstand leistete. Was aus dem vorigen Standpunkt die Ursache alles Seins war, vertheilt sich hier, oder setzt seine zwiefache Bedeutung heraus. Einerseits bedeutete es die Ur-Sache, das allem Wechsel zu Grunde liegen bleibende Sein; anderseits das allen Wechsel Bewirkende. Insofern es nun allem Wechsel zu Grunde liegen bleibt, ist es die