Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 39 (20.9.1842)
- Date
- 1842-09-20
- Page
- Seite 310 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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810 ligenz, das Wissen, die Bildung in den jüdischen Vorsteherkollegien Deutschlands zu wenig vertreten finde *) und daß mir zu einer Veränderung in diesem Punkte so lange wenig Hoffnung vorhanden zu sein scheint, als der Reichthum den wichtigsten Maaßstab bei der Wahl der Vorsteher abgiebtz daß ferner das in vielen Fällen herrschende System der Selbstergänzung mir eine sehr aristokratische Anomalie von unserem durch und durch demokratischen Charakter zu sein scheint; daß endlich das Armen- und Krankenwesen durch die jetzt bestehenden Verhältnisse vielleicht mehr als unter andern Umständen gedeihen mag, daß aber das Schulwesen unumgänglich intelligente (ich meine nicht blos im gewöhnlichen Sinne aufgeklärte) Fürsprecher und Curatoren erfordert. Andrerseits aber verhehle ich mir nicht, daß die Bevorzugung des Reichthums M Gemeinde vor manchen Veruntreuungen schützen und ihr eine behaglichere und ruhigere Stimmung, wie sie nur durch die sichere Garantie des Vermögens erlangt werden kann, eingeflößt werden mag. Zudem dürste es unter den Christen wenige Communalbeamte geben, mit denen nicht unsere unbesoldeten, mannigfach geplagten, oft mit schnödem Undank belohnten Gemeindeversteher um den Preis der Uneigennützigkeit, Gewissenhaftigkeit und Redlichkeit ringen könnten. Hoffentlich wird auch bei uns das Streben nach öffentlicher Mittheilung des Budgets und anderer statistischer Resultate, sowie nach freiem Zutritte der Contribuenten zu den Werathungen ihrer Repräsentanten sich allmälig Bahn brechen, wenn auch dieser Fortschritt nur unter mancherlei Modifikationen statthast sein sollte. Die öffentliche Beleuchtung einer ungesetzlich und willkürlich gehandhabten Administration dagegen ist es, die sich Herr S. Levy zur Pflicht gemacht hat. Er hat es aber nicht blos mit Herrn Heyman zu thun, dem er, wie es scheint, schon wegen seiner Eigenschaft als Ausländer (Holländer)**), Dann aber auch wegen der Anmaßung, mit der er sich nach einem verschollenen mütterlichen Namen de Ricgles nennt, Die Befähigung zur Verwaltung der jüd. Gemeinde der zweiten Stadt des franz. Reiches adspricht, sondern er wendet sich auch gegen Herrn M. D. Cohen, Oberrabbiner (Grandr abbin) zu Marsaille, in dem Herr Heyman einen Beschützer gefunden hat, unter dessen Aegide er sein von Herrn Levy schonungslos angegriffenes Treiben in Marsaille bewerkstel- *) Gerathen wir nicht in Widerspruch mit uns selbst, wenn wir — übrigens mit vollem Rechte — für unsere Capacitäten Zutritt zu christlichen Gemeindeämtern begehren, während wir die besten Kräfte, die tüchtigsten Köpfe unter uns zur Untätigkeit verurtheilen? Wer wollte nicht gern sich zunächst um seine Glaubensgenossen ein Verdienst erwerben? '*) Ist hier wohl noch eine Spur der uns vorgeworfenen jüdischen Nationalität zu finden? Herr Levy und Hr. Heyman sind, obwohl beide Juden, doch als Franzose und Holländer einander entfremdeter, als der rechtgläubigste Jude dem bigottesten preuß. Christen sein dürste. — Auch in den deutschen Vorstehercollegien werden übrigens Ausländer je länger je mehr seltene Erscheinungen werden. lrgte. Verschwendung des Gemeindevermögens, ein dadurch entstandenes und stets wachsendes Deficit, Mißachtung der religiösen Einsichten der Gemeindeglieder, besonders bei den Begrabnißceremonien, Zwang gegen ärmere Familien bei Aufbringung der Begrä'bnißkosten u. dgl. werden dem Herrn Heyman zur Last gelegt und feine auf das erste Ccmp d'oeil ertheilte Antwort (Oömpte rendu) durch Namen -, Daten- und Zahlen-Details schlagend zurückgewiesen. E. C. Zur Kenntuiß der neuhebrärschen religiösen Poesie. Von Leopold Dukes. Frankfurt a. M. 1842. *) Unter allen Literaturen, welche europäische Wissenschaft dem allgemeinen Publicum zugänglich gemacht hat, wurzelt keine so sehr im national-religiösen Boden, als die neuhebräische j die Ursache dieser Erscheinung liegt offenbar theils in der Sprache, welche ausgestorben und deren Umfang in den religiösen Schriften der Bibel ist, theils in der politischen Stellung der Juden, welche das Festhalten an dem nationalreligiösen Erbtheil ihrer Väter zur heiligsten Pflicht macht. Die Producte rein-menschlicher Poesie in der neuhebräischen Literatur sind daher nur sehr selten, desto reicher aber ist sie an Gebeten, Hymnen rc. der mamnchfaltigsten Art. Sie ist dadurch weit verschieden von ihrer noch lebenden Schwester, der arabischen, welche in der Wüste, vor dem Islam groß und männlich geworden, die ritterlich, die politische und die erotische Poesie bei weitem hervorragend ist, an Umfang sowohl als an innerem Gehalt, während die rein religiöse Poesie im Susismus aufgeht und also kaum noch mohammedanische Poesie ist. Diesem Umstande verdanken wir auch ihre größere Bekanntschaft, während die neuhebräische Literatur, die zu den Zeiten der Kreuzzüge und bald darauf ihre höchste Blüthe feierte, in Privatbibliotheken unbeachtet bis jetzt liegen geblieben ist. Der Verfasser des obigen Werkes, der es sich zur Ausgabe seines Lebens gesetzt hat, die neuhebräische Literatur in ihrem ganzen Umfange zu erforschen, hat uns als eine neue Frucht seiner Studien mit einem Werke beschenkt, welches eigentlich nur eine Art allgemeiner Einleitung ist; denn man sieht es überall, daß der Verfasser weit mehr zu sagen hatte, als er wirklich gesagt hat. Aber für den Nichteingeweihten möchte, selbst dies Wenige noch zu viel, erscheinen, wenn der Verfasser nicht die Kunst verstanden hätte, durch angenehmen Vortrag seinen Gegenstand interessant zu machen, und namentlich durch die Verweisung der hebräischen Beilagen am Ende die Nichtkenner des Hebräischen in den Stand gesetzt hätte, das Buch ohne Unterbrechung und ohne störende Eindrücke durchzulesen. Dm Stoff des Werkes haben größtentheils zwei Bibliotheken hergegeben, die Hamburgische Stadtbibliothek (die in diesem Fache einen seltenen Reichthum an Manuskripten und Druckwerken darbietet) und die Privatbibliothek des Herrn H. I. Michael. Möge der Verfasser, einer der gründlichsten Kenner des Hebräischen in Deutschland, recht bald Muße und Aufmunterung finden, eine Fortsetzung seines Werkes zu liefern. Zu beklagen ist die große Menge von Druckfehlern, welche in dem Werke stehen geblieben sind. A. Vtt Zur vorläufigen Anzeige. -Später werden wir im Literaturblatte einen ausführlichen Artikel über dieses sehr schätzbare Werk geben. Red.