Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 39 (20.9.1842)
- Date
- 1842-09-20
- Page
- Seite 308 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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308 Insinuation des H. von Rosas an, daß Wien unter einem Personal von etwa 350 Aerzten und mehr als 150 Wundärzten nur 8 israelitische Aerzte zahle, von einer Ueberfüllung des ärztlichen Standes mit Juden also nicht die Rede sein könne. Nachdem H. von Rosas den Lächerlichen Vorschlag gemacht, daß die jüd. Aerzte nur bei Kranken ihrer Consesston die Cur sollten übernehmen dürfen (wodurch also die freie Wahl der Christen aufgehoben würde, die jetzt wohl oft — Iiinc illae lacrymae —- sich jüdischen Aerzten zuwendet), zieht er gegen die jüdischen Militärärzte zu Felde, von denrn er meint, sie hätten der Neuheit ihrer Anstellung wegen noch die Probe nicht bestanden, würden aber wohl, wie es im Wesen der Juden liege, zu vorsichtig sein. — Wie weit doch der Unsinn im Gehirne des Menschen gehen kann! Vorsicht, eine der hervorragendsten Eigenschaften jedes pflichttreuen Ehrenmannes, wird den Juden zu einem Fehler gestempelt. Die schmählich angegriffenen Militärärzte wandten sich an den Chef der Censurkommission mit der Anfrage, ob der Censor befugt gewesen sei, die Aeußerungen des H. v. Rosas passiven zu lassen; sie erhielten den Bescheid, der Censor solle darüber zur Rechenschaft gezogen werden. Inzwischen ergab es sich, daß der Censor mehrere Ausdrücke im Rosasschen Aufsatze, statt sie zu streichen, noch verschärft und vergröbert Hobe. Dem Censor aber, heißt es nun, könne bei seiner sicheren, von H. von Stifft (dem Leibarzte des verstorbenen Kaisers) ererbten Stellung Niemand etwas anhaben. Auf solche Pöbeleien, Chicanen und Nichtswürdigkeiten mögen sich die Juden immerhin noch gefaßt machen; aber wer hatte glauben sollen, daß die so freisinnige badische Abgeordnetenkammer, der wir trotz dessen unter allen Umständen unsere Anerkennung nicht versagen werden, über die Petition eines Theils ihrer Committenten um vollständige Emancipation deo Juden zur Tagesordnung übergehen werde. Der Bericht des Abgeordneten Züllig ließ freilich etwas der Art vermuthen; aber erst seit dem 22. Aug. ist Sie Illusion, die man noch nährte, verschwunden. Bassermann (nächst Sander, v. Jtzstein und Welcker, die, nach dem Berichte der Oberdeutschen Zeit, zu schließen, an der Debatte gar nicht Theil genommen haben, das wackerste Mitglied der Kammer von 1842), so wie Beck und Zittel sprachen für vollständige Emancipation; Hecker, Helbing und Gottschalk vertheidigten halbe Maßregeln, Junghanns, Rettig und Trefurt (das Haupt der Ministeriellen) suchten zu laviren. Um das Maaß des Unangenehmen voll zu machen, meldet die L. A. Z. v. 25. August aus Düsseldorf, daß neulich in jener Gegend wieder der alte Wahn vom Kindermorde aufgetaucht'sei. Erfreulicher ist es von B in der Leipziger Allgem. Zeitung vom 25. u. 26. Aug. (in den Beilagen) die Juden gegen die Christlichkeits- und Sittlichkeitswächter in Schutz genommen zu-sehen; obwohl den Juden auch gerade keine Complimente gemacht werden, dabei wird doch die Schuld ihrer Schattenseiten dem Drucke von oben und dem Vorurtheile von unten zugeschoben. — Ich glaube, daß die Juden, die mit ihren Mängeln in der Regel vertrauter sind als ihre Gegner, öfter selbst daraus kein Hehl machen, sondern mit ihrer Stigmatirrung ihren Feinden zuvorkommen müßten. So wäre es angemessen, wenn sich recht viele wackere jüdische Aerzte, die der Wissenschaft aus reinem Eifer huldigen, 'ich nie ein Plagiat erlaubten, und aus neun Werken ein zehntes fabricirt, nie handwerksmäßige Uebersetzungen angefertigt und ihre Collegen an Brod und Ehre verkürzt haben, mit einander vereinigten, um diejenigen, die ihrem Stande zu Schimpf und Schmach gereichen, trotz der Religionsgleichheit in den Augen der Welt so darzustellen, daß Jedermann erkenne, weß Geistes Kinder die Einen und die Anderen seien, und den Walzen von der Spr^u zu sondern vermöge. Eine solche Justiz zu üben, wäre gerade jetzt in Preußens Hauptstadt rathlich z sonst ist zu befürchten, daß Alle büßen, was Einzelne verschuldet haben. Die Nichtzulassung von Juden zu Physikaten und akadem. Lehrämtern kann dabei immer scharf getadelt und als Milderungsgrund für ein excesstv strenges Urtheil angeführt werden: aber beschönigt darf Plagiat und Nachdruck nicht werden. — Ist erst ein solches Beispiel statuirt, so wird es wohl anders werden. Das bekannte maniis manum lavat. muß streng und gewissenhaft gemieden werden. Der jüngst in Berlin vorgekommene Fall, auf den das Voranstehende Bezug hat, erinnert mich, wieder einmal den Blick auf die schwebende Rabbinerwahl zu richten. Welcher Luxus von Candidatennamen und welch' gemischte Gesellschaft! Die L. A. Z. vom 26. Aug. (* Berlin) deutet auf Dasselbe, wie auch auf die zu geringe Wählerzahl hin. — Unter den neugewählten Stadtverordneten in Königsberg finden sich mehrere wie es scheint Juden angehörige Namen. Wiederum zieht Preußen unfern Blick vorzugsweise aus sich. — Die Wahl eines Oberlandrabbiners in Berlin ist nun vollzogen*); möge es dem Hrn. Dr. Frankel gelingen, den Ansprüchen zu genügen, welche an das geistliche Oberhaupt der größten und einflußreichsten Gemeinde der preuß. Monarchie — einer Gemeinde, mit der im ganzen deutschen Vaterlande nur noch Hamburg und Frankfurt a. M. einen rühmlichen Wettkampf in der Förderung alles Guten zu bestehen vermögen — in diesem Augenblicke zumal, wo dort Alles bang einer baldigen Entscheidung über Sein oder Nichtsein, über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer hellen und freudigen Zukunft, einer steten, ungehemmten Fortentwickelung harrt, mit Fug und Recht gestellt werden können. Vor *) Die Nachricht war schon am 1. Sept. hier angelangt.