Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 38 (13.9.1842)
- Date
- 1842-09-13
- Page
- Seite 302 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2360092-2360201-2360240--2637-3529654- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
302 Licht- und Schattenbilder aus der jüdischen Geschichte der Gegenwart. Die Sache.der Juden. (Schluß.) Allein-wie einerseits zur Rache, so ist andererseits zur Gnade kein Platz. Wenn die deutschen Juden die ihnen gebührende Stellung erlangen, so geschieht dies nicht, aus Barmherzigkeit, sondern aus allerstrengster Rechtmäßigkeit. Deutschland ist eben so gut Vaterland seiner Juden, als seiner Christen. Vielleicht kommt unfern Juden ihr politisches Heil doch noch aus Preußen, trotz allem bösen Anschein. Vor der Hand aber scheinen unsere höchsten Behörden noch von Zahlen befangen und besorgt gemacht. Eine sehr zu beherzigende kleine Gegenschrift verdient hier nähere Erwähnung. Bekanntlich hat die preußische Staatszeitung eigenes Unglück mit ihren arithmetischen Belehrungen. So gab sie in Nr. 141 und 142 eine sehr verfehlte „Uebersicht der Anzahl und Vertheilung der Juden im preußischen Staate." Eine Beleuchtung derselben stellt an Dr. Philippson in Magdeburg, unter dem Titel: „Wie sich der Statistiker, Staatsrath Dr. I. G. Hoff mann verrechnet!" Leipz. 1842. Hier schreibt nicht ein Jude, sondern-die unerbittliche Logik, welche kein religiöses Glaubensbekenntniß hat. Die statistischen Zahlen wurden lügenhaft, weil sie sich christlich geberdeten. Das christliche Urtheil wird von dem jüdischen in aller Form Rechtens verurtheilt. Im Eingänge erwähnt der Verfasser die so verschiedenartigen Verhältnisse, in welchen die Juden eines und desselben Staates, nämlich Preußens, leben. Endlich in unfern Tagen sei wieder ein allgemeines Judengesetz auf die Bahn gebracht. Aber „es überraschte, den erwarteten Fortschritten in der Gleichstellung der Juden schnurstracks gegenüber, eine ganz entgegengesetzte Richtung eingeschlagen zu sehen, die von dem in allen Staaten neuerer Zeit betretenen Wege völlig abwich." Auf schlagende Weise wird von dem Verfasser die Reihe der Wider sprü che und verkehrten Schlüffe in dem Aufsätze der Staatszeitung nachgewiesen. Die den Juden so durchgängig günstigen Zahlen erfüllen erst so ihre Bestimmung, daß man nicht, wie die Staatszeitung, verdrehter Weise die Nothwendigkeit von Beschränkungen, sondern dieder unbedingten Freiheit für die Juden daraus folgert. Es ist unbegreiflich, daß bei Hoffmann die von ihm selbst, schon auf Grund der Statistik, zugegebenen Tugenden und guten Eigenschaften der Juden unfruchtbar bleiben. Philippson führt dies weiter aus in Bezug aus die Sorgfalt der jüdischen Mütter für ihre Kinder und auf das musterhafte häusliche Leben der Juden überhaupt, auf ihre mäßige und ordentliche Lebensweise, welche sich in der Seltenheit der Trunksucht, in der bei den Juden viermal geringern Zahl der unehelichen Geburten, als bei den Christen, uub in der bei Juden äußersten Seltenheit der Ehescheidung darthut. Statt daß hierdurch die/gehässige Korporativ - Absonderung der Juden empfohlen würde, .wie die Staatszeitung will, schließt Philippson richtig: „Gerade diese Tugenden begründen den Zustand der Gesellschaft, gerade diese (Ehe-Familien) sind die G r u n d la g e n des Staates — und so hat der Verfasser (Hoffmann) nur erwiesen, daß die Juden zum Aufgehen in den Staat in sonders geeignet sind, dem Staate einen sehr gesunden Theil zuzuführen." Wie das Raisennement der Staatszeitung durch und durch von Widersprüchen und unverzeihlichen Jrrthümern gesättigt ist, in eben dem Maaße ist Philippson's Erörterung lichtvoll und der Wirklichkeit der Dinge entsprechend. Wir heben namentlich die Widerlegung der Hoffmann'schen Behauptung hervor: „Es hat sich in den gewöhnlichen Beschäftigungen der Juden in den verflossenen 30 Jahren wenig geändert." Dies ist ein radicales Versehen, gelinde ausgedrück't. Der besser unterrichtete Nichtstatistiker sagt außer Anderem ganz richtig: „Nicht wir sind stehen geblieben, sondern Ihr in Betracht unser; nicht wir haben uns wenig geändert, sondern Ihr habt Euch gar nicht geändert in der Blindheit Eurer Vorurtheile, in der Beschränktheit Eurer Anschauungen." In Wahrheit, es ist empörend zu sehen, wie man erst Schranken und Hindernisse anfführt und hinterdrein den Juden einen Vorwurf daraus macht, daß sie gar nicht oder in geringer Zahl gewisse, also verkümmerte, Beschäftigungen ergreifen! Im Hinblicke auf das Wenige, was der Staat für die Juden gethan , unterschreibe ich Philippson's Ausspruch: „Alles, was der Jude geworden ist und wird, mußte und muß er durch sich selbst werden." Und gar die Jahrtausende lange öffentliche und private systematische Judenquälerei, beweist sie nicht den tüchtigen Kern dieses Volkes, da es trotz alle dem nicht in Verderbtheit versunken ist, sondern so achtungswerth, wie irgend eine christliche Bevölkerung, sich darstellt? Verglichen mit der christlichen Bildung, erforderte die heutige jüdische eine ungleich größere Kraftanstrengung. Was in der Staatszeitung über das Hemmende des jüdischen Ritualgesetzes vorgebracht worden ist, lauft, wie der Kritiker darthut, auf „Phrasen" hinaus. — Eben so beantwortet er die inhaltsschwere Frage: Was wollt Ihr mit Eurer