Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1842-09-13 · Heft 38 (13.9.1842) · p. Seite 301

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 38 (13.9.1842)
Date
1842-09-13
Page
Seite 301 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2360092-2360201-2360240--2636-3529653
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

301 voll wie zweckmäßig eingerichtet. Herr Landsberg hatte die Ordnung der Einweihungs-Feierlichkeit angegeben und hielt die Festrede, in welcher ec die wahre Bedeutung des Gotteshauses und Gebetes mit speciellec Beziehung auf die Wichtigkeit. kleinerer Synagogen in begeisterten und ansprechenden Worten auseinandersetzte. Auch am ersten Neujahrstage ward von demselben Redner in der genannten Synagoge ein religiöser Dortrag gehalten. Ein Uebelstand aber, auf den aufmerksam zu machen ich mich nicht enthalten kann, ward durch die profanirende Art, in welcher der Vorsänger jener Synagoge an beiden Neujahrstagen das Mussafgebet verrichtete, dargeboten. Nicht etwa, weit ich der Sache an und für sich eine besondere Wichtigkeit beilegen wollte, sondern weil sie eben nur als Prototyp eines noch vielfach herrschenden Mißbrauches betrachtet werden muß, finde ich mich, veranlaßt, sie hier zu erwähnen. Man denke sich ein Gemisch der tollsten Laute, eine wahrhafte Hexenküche von Tönen, ohne alles musikalische Gesetz bunt durcheinander geworfen, und man hat ein treues Bild von der Art, wie hier die heiligst geachteten Gebete vorgetragen wurden. Die Zuhörer wußten sich viel damit, im Gefühle ihrer modernen Bildung jenen Vortrag zu bewitzeln und zu belachen; daß er aber einen Schatten der Schmach und Erniedrigung auf sie alle werfe, daran dachte Keiner. Jeder Unbefangene, der plötzlich in diese lachende Versammlung geführt worden wäre und diese tollhäuslerischen Cantilenen gehört hätte/ mußte sich eher als Zeuge eines Carnevalscherzes denn eines Gottesdienstes denken. Und mit einer solchen Profanation wähnt man einer - heiligen Pflicht genügt zu haben? O, wie gesunken und erniedrigt ist das religiöse Gefühl in den meisten israelitischen Gemächern, wenn man es ruhig zugiebt, daß die Stunden, die der Erhebung und Andacht bestimmt sind, der Possenreißerei verfallen! Wahrlich, wir bedürfen eines religiösen Oberhauptes, das durch sein Ansehen im Stande ist, ähnliche entwürdigende Scenen zu verhüten und dem Gottesdienste eine Gestaltung zu geben, die Israel dem Spotte seiner eignen Söhne und der Verachtung der Völker nicht langer Preis gibt. Hamburg, 2.Septbr. (Wochenberrchtüber jüdische Verhältnisse. 25. Aug. bis 1. Septbr.). Die Nemesis erreicht zuweilen die Gegner der Juden sehr schnell und mit dämonischer Gewalt. Sie fallen mitunter in eine Grube, die sie für Andere gegraben haben. Tritt dieser Fall ein, so thut sich deutlich kund, wie eine solche unerwartete Wendung wirksamer ist als alle Widerlegungen, die nur reizen und Gift und Galle erzeugen. — Dr. Hermes in Köln hat der Nemesis Veranlassung gegeben, an ihm ein eclatantes Beispiel zu üben. Am 30. Juli hatte, wie ich bereits vor 14 Tagen berichtet, ein Cocrespondent der Rhein. Zeitung (-j-jvon der Ocker) ein Wort über die Legalität des Prozesses und der Verurthellung Christi fallen lassen. Sogleich rennt die Köln. Zeitung mit Derserkerwuth gegen den Unbekannten an, der, nach Herrn Hermes Gewohnheit zu schließen, durchaus ein Jude sein muß. Die Rhein. Zeit, erklärt ihm sofort, er habe sich geirrt; der Corresp. sei ein echter Christ und seine Ansicht entspreche auch dem Christenthume völlig; er werde übrigens selbst mit der Antwort auf die ihm vorgeworfene Zweideutigkeit aufwarten. Vor wenigen Tagen nun, in Nr. 231 der Rhein. Zeit, vom 19. Aug. erscheint die verheißene Erwiederung, unterzeichnet: Dr. G. König, in Osterode am Harze. Es ist derselbe Dr. König, der bekanntlich in Folge der mißlungenen hannoverschen Revolution mehrere Jahre lang im Gefängnisse schmachtete und mehrmals nahe daran war, in demselben zu sterben. Zu jener Zeit, als König in Untersuchung war und trotz der einfachen und beharrlichen Anstrengungen des trefflichen Vertheidigers der hannöv. Staatsgefangenen (Dr. Salomon Gans, Prokurators beim Oberappellationsgerichte zu Celle, eines Juden und Cousins des verstorbenen gleichnamigen Berliner Professors) seine Sache willkürlich in die Lange gezogen wurde, redigirte Dr. Hermes die braunschweigische Nationalzeitung. Damals gesellte er sich denen bei, die von gravirendem Verdachte, der auf König laste, von dem Vorhandensein einer politischen Schuld bei ihm u. dergl. sprachen. König ist, nun freilich in harter, strenger Gefangenschaft körperlich geschwächt, wieder auf freiem Fuße und nennt nun unfern Hermes offen und ohne Scheu einen Verläumder. König ist auferstanden, um gegen den Judenfeind zu zeugen, der auch diesmal seine Anklage gegen einen Juden zu richten glaubte. Wie muß er sich geberdet haben, als ec den Namen: „G. König" unter der Entgegnung las? — Die L. A. Z. und die Voss. Zeit, vom 20. Aug. bringen wieder zwei Einsendungen über Gemeindeangelegenheiten. In der L. A. Z. treten nämlich 101 Mitglieder der jüd. Gemeinde für Dr. Geiger gegen Dr. Davidsohn in die Schranken, während in der Voss. Zeit, eine klagende Stimme über die befürchtete Neugläubigkeit des künftigen Berliner Rabbiners ertönt. Wenn doch die Leute Mühe und Geld sparen und die Zeitungen nicht mit ihren Privatexpectorationen füllen wollten! — Am Schluffe eine Rathselfrage: Warum wird Dr. Th. Benfey in Göttingen trotz seiner linguistischen Leistungen nicht Professor? Die Auflösung stehtim Hamb, Correspondenten vom 22. Aug. und ist in den Worten enthalten: Schade, daß die Religion es verbietet rc. Aber welche? die jüdische oder die christliche?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.