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Der Orient · 1842-09-13 · Heft 38 (13.9.1842) · p. Seite 300

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Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 38 (13.9.1842)
Date
1842-09-13
Page
Seite 300 (sequence 7)
Language
German
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300 der Werfall der Medicin (vielleicht seiner Ansichten und seiner Theorien!) begründet sei. Wenn durch nichts, so hat sich, glaube ich, der Hr. Prof, durch diese Stelle lächerlich gemacht. Wenn die Medicin zu allen Zeiten im Verfalle war, so ist sie es nicht in der jetzigen, ja ich glaube, daß die Medicin nie so hoch gestanden als jetzt, und auch Wien fand Ln dieser Beziehung seit dem Wirken Rokitansky's und Skoda's diese Anerkennung selbst im entferntesten Auslande. Endlich macht er noch dem jüdischen Arzte den Vorwurf: er betrachte die Medicin nur von der lucrativen Seite, und aus welchem Grunde? — weil er von einem handeltreibenden Volke abstamme. So haben nun die Juden in den Augen der ganzen Welt, nur nicht in denen des Hrn. Pros, die Anerkennung gefunden, daß sie die Schmach von sich gewalzt, welche ihnen durch die Funktionen deS Mittelalters aufgebürdet wurde, und nur dem Herrn Professor allein ist es unbekannt geblieben, daß an dem Himmel der Kunst und der Wissenschaft auch so viele jüdische Sterne glänzen. Betrachtet man aber diesen Vorwurf von einem andern Gesichtspunkte, dann ist er die schändlichste Ausgeburt einer von Hirngespinnsten strotzenden Fantasie. Dadurch wühlt der Herr Professor im Herzen eines jeden jüdischen Arztes und reißt eine Wunde auf, die eine jahrelange Praxis nicht zum Vernarben bringen kann. Wahrend der christliche Arzt nach kaum erlangtem Gradus alle Ansprüche auf jede ärztliche Stelle im Staate hat, muß sich der jüdische Arzt manchmal in ein Dorf zurückziehen, dort kümmerlich leben, und keuchend unter dem Drucke erliegen, der ihm von seinen christlichen Collegen aufgebürdet wird, weil er ein Jude ist, und weil er es als Jude wagt, sein Talent geltend machen zu wollen. Und dieses Ringen und Streben, das sich mit eifrigem Forschen in der Medicin paart, stellt man nun als ein Zerrbild hin, und ihn, der keinen Anspruch auf eine Stelle im Staate machen darf, und der selbst andern ärztlichen Bedienstungen um seines Glaubens willen hintangesetzt wird, dem also Kunst und Wissenschaft zum Broderwecbe werden muß — anstatt ihn nun zu beklagen, daß er seine Existenz so spärlich fristen muß, indeß seine christlichen Kunstgenossen bei lukullischen Mahlen schwelgen — anstatt ihn zu beklagen, höhnt man ihn, daß er nur die lukrative Seite der Medicin aufsuche! Was soll man nun von einem Professor sagen, der in selbst redigirten Blättern und andern Zeitschriften ganze Bände damit füllt, daß man der Wissenschaft nur die ernste Seite abgewinne, und doch, wie ich aus zuverlässiger Quelle erfahren, zu einem Kunstjünger sagte: Die Zeiten sind holt schlecht, wenn i früher in die Vorstadt fuhr, bekam ich a fünferl (5 fl.), jetzt muß ich mit sechs Zwanziger (2 fl.) zufrieden sein. Nach allem dem frage ich Sie, mein geehrter Herr Doktor! nach welchen Grundsätzen begann der Herr Professor Rosas den 5. Punkt seines Artikels in dem Julihefte der österreichischen Jahrbücher der Medicin abzufassen? Ich wage es nicht zu enlscheiden. Einige behaupten: nach gar keinen, und wollen diesen Mangel von der Zerfallenheit mit sich und mit seiner Nationalität herleiren*); andere meinen, es ließe sich hier ein Satz aus irgend einer wiener Posse anwenden, in welcher es heißen soll: „Der Mensch muß Grundsätze haben, und wenn sie auch schlecht sind." Ich verharre rc. Ein Arzt in Wien, der nur die Wissenschaft und nicht den Fanatismus liebt. TI Berlin, 8. Septbr. Unsre Rabbinatsangelegenheit, die wir glücklich beendigt glaubten, hat eine eben so unerwartete wie unerfreuliche Wendung genommen. Herr Dr. Frankel hat es abgelehnt, geistlicher Führer unsrer Gemeinde zu werden und soll, wie man sich hier erzählt, zu diesem Entschlüsse durch eine Menge von anonymen Drohbriefen, die ihm von hier aus zukamen, angeregt worden sein. Nach glaubwürdigen Nachrichten sott Dr. Frankel zu diesem Entschlüsse nur durch die Bitten seiner Gemeinde bewogen worden sein, die ungewisse und mühevolle Wirksamkeit in einer aus so heterogenen Elementen bestehenden Gemeinde seiner gegenwärtigen Stellung nicht vorzuziehen. Drei der angesehensten hiesigen Gemeindeältesten und Vorsteher, nämlich Hr. Joseph Lehm ann, Dr. Veit und der Commerzienrath Meyer, haben sich zwar persönlichnach Dresden begeben, um ihn zur Uebernahme unsres Rabbinacs zu bewegen; es verlautet jedoch noch nichts Gewisses über den Erfolg jener Reise, so daß man mit gutem Grunde annehmen darf, dieselbe sei ebenfalls fruchtlos geblieben. Das einzig Gewisse, was wirerfahren, ist, daß er durch ein bestimmtes Versprechen an seine alte Gemeinde gleichsam eine moralische Verpflichtung übernommen habe, so daß es nun mehr von der Gemeinde Dresden, als von Hrn. Dr. §., abhängt, die Stelle in Berlin anzunehmen. Es entsteht nun zunächst die Frage, ob das Rabbinat dem sonst ganz unbekannten Dr. Adler, der bei der Wahl die meisten Stimmen nach dem Dr. Frankel hatte (17), übertragen werden könne, ober ob eine durchaus neue Wahl nöthig werde. Ersteres scheint um so weniger zulässig, als Adler eine absolute Minorität im Wahlcollegium hatte, auf deren Grund er durchaus nicht als gewählt betrachtet werden darf. Wir stehen demnach jetzt auf demselben Flecke, auf welchem wir vor vier Wochen gestanden, und das einzige Gute, das aus der ganzen Verhandlung hervorgehen kann, ist vielleicht das gekräftigte Vertrauen der Gemeinde zu ihrem Vorstande, welcher jetzt von dem Verdachte eines vorläufigen, eigenmächtigen Engagements glänzend gerechtfertigt wird. Am 2. September wurde die Privatsynagoge des Herrn Liebermann durch einen feierlichen Gottesdienst emgeweiht. Das Lokal ist geräumig und so geschmack- *) Diese Stelle ist einem Q,ui— dire entnommen.

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