Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 37 (6.9.1842)
- Date
- 1842-09-06
- Page
- Seite 293 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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293 frische Erde, Sonne und Luft, und sie wird entweder verkrüppelt oder früchtetragend, farblos oder erglühend sein. Der Hauptindustriezweig der Amsterdamer Juden ist die Diamantschleiferei." Dieses in mancher Beziehung allerdings sehr einseitig und falsch ausgefaßte Bild findet sich in der Hamb. Neuen Modenzeitung (1842. No.33> vom 18. August) in einem trefflich geschriebenen Aufsätze : „Holland und Belgien. Im Frühling 1842. Reiseblätter von Therese, Verfasserin der Briefe aus dem Süden". — Unter dieser Bezeichnug kennt das lesende Publikum seit etwa einem Jahre die Frau Therese von Vacheracht, Gattin des hiesigen russ. Generalkonsuls. Ihr Vater ist der gleichfalls hier wohnende russ. Ministerresident, Staatsrath von Struve, der bereits seit 26 Jahren seinen Gesandschaftsposten bei den norddeutschen Fürsten und freien Städten bekleidet und hier sehr beliebt ist. Herr von Struve ist ein Freund und Kenner der Naturwissenschaften und Präsident des hies. naturwissenschastl. Vereins. Sein Sohn ist russ. Lega> tionsrath in Wien; seine Tochter Therese, eine der gebildetsten Damen Hamburgs, ist die Verfasserin von „Theresens Briefe aus dem Süden" (Braunschweig bei Vieweg 1841), mit Vorwort und Anmerkk. v. I. v. Strombeck, und von „Ein Tagebuch. Von Therese". (Bräunsch.- Vieweg 1842.) — Bei dieser Gelegenheit verdient bemerkt zu werden, daß Herr von Struve für hier sich ausbildende junge Russen und Polen, auch für die jüdischen, sehr lebhaft und erfolgreich sich interessirt. •— Dies führt mich unmittelbar auf das wichtigste Ereigniß dieser Woche... So nenne ich? und ich glaube, mit Recht — die Kunde von dem am 4ten Juli erlassenen Befehle des Kaisers von Rußland in Betreff der geistigen Reorganisation der in seinen Staaten wohnenden Juden. Das Nähere entnehmen Sie wohl der. Preuß. Stacttsz. vom 18. Aug., dem H. Corresp. oder der N. Hamb. Z. vom 19ten, oder der eigentlichen Quelle, einer in der Sp. Zeit, vom 17ten enthaltenen Privatmittheilung aus Petersburg. — Es ist -eine ungeheure Aufgabe, in diesen Wust Licht und Ordnung zu bringen. Für diesen Augiasstall der Unsitte und Verschrobenheit ist ein moderner Herkules nöthig. Und doch darf dieser Herkules kein moderner sein. Die Sache muß klug und fein angefangen werden; aller Zwang, selbst der durch Dragonaden unterstützte, würde nichts helfen. Und wer soll die Vorschläge, die dem Kaiser gemacht werden dürften, ins Leben führen? Polnische und russ. Rabbiner können es nicht oder werden es nicht wollen; und deutsche Theologen und Pädagogen würden hier auf unbestegliche Hindernisse stoßen. Man sehe nur, welches Vorurtheil dort gegen die deutschen Juden überhaupt, zumal gegen solche herrscht, die den Reformen huldigen. — Lassen wir uns ja nicht durch günstige Berichte täuschen! Auch in Wilna giebt es keine lenksame Majorität und, wenn man sie auch dort fände, so steht es desto schlimmer mit den andern Städten in Lithauew» Am besten gedeiht die Cultur in Odessa. Handel und Schifffahrt sind auch hier die besten Vermittler für den Ideenaustausch. — Das wollte nun freilich der schwedisch-norwegische Generalkonsul in Amsterdam nicht gelten lassen: trotz Handel und Schifffahrt und halbhunderljähriger Emancipalion, meinte er, in dem Berichte an seine Regierung, gäbe es keine kläglichere, nichtswürdigere Masse als die holländ. Juden. Es ist bekannt, daß diese durch die dem norweg. Storthing vorliegende Petition zu der zweideutigen Ehre kamen, den Norwegen als Vogelscheuche aufgestellt zu werden, damit das freieste Land Europa's ja die in spe einwandernden Juden nicht in sich aufnehme. Die Sache würde gar komisch aussehen, wäre sie nicht so sehr ernsthaft. Ein fremder diplomatischer Agent stellt die Juden d. h. Bürger desjenigen Landes, bei dem er akkreditirt ist, in ein gehässiges Licht, um seiner Regierung nicht zu einer Parallele — denn diese dürfte durch den Schluß von den ho.Uänd. Juden auf die etwaigen künftigen jüdischen Bürger Norwegens kaum gewonnen werden — sondern zu einem unredlichen Mittel zu verhelfen, ein Humanitatsprincip nicht gewähren zu lassen. Ich darf es um so eher ein unredliches Mittel nennen, weil die Lügenhaftigkeit jenes Berichtes durch offizielle Erlasse bestätigt ist. . Nachdem nämlich die Sache in Amsterdam ruchbar geworden war, wandte sich der Advokat Lipmann, ein sehr gewandter und angesehener Sachwalter, der vor 2 Jahren durch eine bei den 'Generalstaaten überreichte Petition die Regierung mittelbar zur Zurücknahme einer sehr unbeliebten Maaßregel *) bewogen hatte, im Namen seiner geschmäheten Glaubensgenossen an den jetzt pensionirten General Chasse, den heldenmülhigen Vertheidiger der Antwerpner Citadelle, an den Finanzminister Rochussen, an den Kriegsminister List und an den neuen Justizminister van Hall und alle diese hohen Staatsbeamten gaben den holländ. Juden das einstimmige Zeugniß der Tapferkeit, Loyalität, Pflichttreue und Redlichkeit. Doch Ihre Leser mögen diese Zeugnisse selbst in einer Privatmittheilung aus Amsterdam in der Voss. Zeitung vom 18. August Nachlesen. Mit solchem unzweideutigen . Lobe koncrastiren die Hoffmannschen Data über die preuß. Juden noch immer gewaltig, obwohl sich ein ff Correspondent aus Berlin in der L. A. Z. vom 18. August die Mühe giebt, unfern Staatsrath und Statistiker in einem günstigeren Lichte .darzustellen. Derselbe soll nämlich unterm 13. Juni sich in einem Schreiben an den jüdischen Literaten Reben stein (Bernstein) in Berlin, den Mitarbeiter am „Gesellschafter" Eigentümer eines Lesekabinets und Uebersetzer des Hohenliedes Salomonis fast ganz so geau- *) Einfluß und Mitvotiren der Provinzialgouverneure und königl. Commissair.e.bei den Wahlen. (Ä. £>.. E.)