Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1842
- Issue
- 36 (3.9.1842)
- Date
- 1842-09-03
- Page
- Spalte 567-568 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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568 567 Literarische Correspondenz: Creizenach und seine Bedeutung im Judenthum. auf der Grundlage der in den 32 Thesen aufgestellten Prinzipien, welche die Quintessenz zu allen seinen übrigen Schriften bilden. Den göttlichen Ursprung des Pentateuchs als erstes Postulat der jüdischen Religion annehmend, konnte und durfte C. sich nur des Offenbarungsglaubens, von welcher Bahn er sich nie entfernte, bewegen, und nur auf der Basis desselben die Prinzipien festsetzen, nach denen der Scheidungsprozeß zu bewerkstelligen sei. Dasjenige, was biblische Begründung hat, wäre daher als unantastbar festzuhalten und für solches eine strenge Beobachtung zu reklamiren; das mosaische Gesetz überhaupt aber nach dem Geiste und nicht nach dem Buchstaben zu interpretiren. Der Talmud hingegen ein unvollendetes nicht abgeschlossenes Werk und seine Interpretationen und traditionellen Lehrsätze ohne verbindende Autorität, daher reiche die alleinige Ehrfurcht vor dem Bestehenden nicht hin, die von der Zeit geforderte Reformationen zurückzuweisen. Diese Prinzipien finden ihre speeielle praktische Anwendung, in den Schriften, Thariag u. Sch. Had. auf alle mosaischen Ge- und Verbote. Zwei verschiedene Ansichten boten sich hier dem Verf. dar, die in ihren Resultaten bald von einander abweichen, bald übereinstimmen, und getrennt, jede allein, den.zersplitternden Glaubens-Ideen und den unzähligen Nüancen im -Judenthum eine Einheit und Einigkeit zu verschaffen vermögen. Von rationellem Gesichtspunkte hat C. in seinem Thariag, die Aufgabe zu lösen gesucht, wie nach den Grundsätzen einer rationellen Hermeneutik dem mosaischen Ge- und Verbote mit Treue und Gehorsam nachzuleben fei 5 der Verf. hat daher eine Enumeration derselben, nach der systematischen Aufzählung des R. Moses aus Couci, vorgenommen und dargestellt, wie solche, nach dem Geiste und Wortsinne der einschlägigen Bibetstellen auszuüben seien. Vom traditionellen ausgehend, hat C. in seinem Schurath Haddin dargethan, wie selbst nach Verwerfung einer freien Auslegung, in den Lalmudischen Interpretationen selbst, unter manchen Modifikationen, die nöthigen Erleichterungen zu finden seien, um die häufigen Kollisionen der Lehre mit dem Leben auszugleichen, und die Pcr-- fektibilität des Iudenthums, in jedem Zeitalter, aus jeder Kulturstufe sich erhaltend, zu zeigen. Hier boten sich aber dem Verfasser ungemeine Schwierigkeiten dar, die er" nicht immer mit Wahrheit und Ernst zu lösen vermochte, und nothgedrungen die gezogenen Grenzlinien manchmal durchbrechen mußte, um den auf wankendem Boden begonnenen Gebäude ein, wenn auch nur ephemeres Dasein zu geben. Der subjektive Standpunkt des Berfasters ist zwar immer, wo seine eigene Ansicht hervorleuchtet, rationell, der er aber die talmudische Zwangsjacke anlegt, um seinen Reform- Vorschlägen selbst da Geltung und Eingang zu verschaffen, wo mit übertriebener Aengstllchkeit jeder Splitter am morschen Gebäude der'Tradition zu erhalten gesucht wird; so wie auch die früher vom Verf. mit kritischer Schärfe vertheidigten Prinzipien bedeutende Modifikationen erlitten, um den aus Kaltsinn und Bequemlichkeit, von der.genußsüchtigen Richtung der Gegenwart fortgeriffenen, dem Judenthume entfremdeten Gemüthern, einen positiven Haltpunkt zu geben. Während z. B. C. in seinen früher« Schriften das Prinzip aufstellt: es gebe keine historisch begründete traditionelle Lehre, die das mos. Gesetz, wenn man auf den bloßen Text des Pentateuchs sich beschranken will, ausgeübt werden könne, schreibt der Verf. in einer spätere Schrift (Vorr. zum Sch. Had. S. Xll.): Der reine Mosaismus bietet in allen seinen Theilen keinen sichern Haltpunkt dar. Gestehen wir es, fährt er fort, daß in der eigentlichen Interpretation der Gesetze der Talmud allein dem orthodoxen') Israeliten als Führer dienen kann. In Ritualsachcn kann man auf keine Weise leichter eine Gränze ziehen zwischen dem, was beizubehalten, und dem, was aufzugeben ist, als wenn man die im Talmud allgemein als richtig anerkannten Interpretationen zur Basis nimmt. Diese modisicirten Ansichten des Verfassers sind nur objektiv, durch den aufgestellten Vcrmittelungsversuch herbeigeführt worden, um wie der gelehrte Dr. G., in der Rezension dieser Schrift bemerkt, von der einen Seite die positiven Bestimmungen aus Liebe zum Frieden zuzugeben, von der andern Seite aber sich auch nachgiebig zu zeigen. Daß diese Reformvorschläge nur eine praktische Tendenz beabsichtigen und auf keinen wissenschaftlichen Werth Anspruch machen, hat der Verfasser selbst seinen Gegnern eingeräumt; um so mehr verdient aber das wohlgemeinte Streben des Verfassers die Achtung und Würdigung aller derjenigen, welche die Gefahr erkennen, in der der positive Bestand des Iudenthums sich befindet, da er selbst, chne im literarischen Kampf besiegt zu sein, manche seiner Thesen aufgiebt und seine sich bekämpfenden und widersprechenden Ansichten unverhüllt barlegt, und so aus den wohlwollendsten Absichten, den Schein eines Widerspruchs nicht einmal fürchtet, um nur die Bahn zu ebnen, die zu einem religiösen positiven Wandel führt. Uever den dogmatischen Gehalt des Iudenthums hat C. kein umfassendes Werk geschrieben; daß er aber auch in diesem Fache Ausgezeichnetes zu leisten vermocht hätte, bezeugt der begonnene aber nicht vollendete Aufsatz über die Grundlehren des israelitischen Glaubens, in der Geigerschen Zeitschrift, und der lebendige Unterricht der Eonsirmanden, der größtentheils nur einen dogmatischen Gehalt hatte. Der Reformeifer hat sich aber so mit seinem ganzen Wesen identisicirt, daß selbst den Eonsirmanden Worte in den Mund gelegt werden, die zuweilen eine destruktive Wirkung auf schwankende Gemüther Hervorbringen müssen, und die Consirmation überhaupt mehr zu einem Polemisiren und Philosophien als zu einem Katechismen machte. — Handschriftlich hinterließ C. ein umfassendes Werk über den jüdischen Kalender"), mit dem er sich mit besonderer Vorliebe bis an seines Lebens Ende beschäftigt hat. Hier hatte er Gelegenheit 'seine gründlichen mathematischen Kenntnisse vereint mit seinen theologischen Studien, auf eine Weise zu verwenden, daß die Resultate seiner Forschungen mit einer größern Evidenz sich darzustellen vermögen. Ein wichtiges Resultat erzielte ec bei dieser Arbeit (wie derselbe uns oft mittheilte) durch die erlangte Ueberzeugung, daß die jüdische Kalender re ch n u n g einen zweitenFei er tag not tzwendig mache; aus verschiedenen Gründen enthielt er sich, diese neue höchst wichtige Entdeckung zu veröffentlichen. In Verbindung mit- Hrn. Dr. Jost hat E. die Redaktion der hebräischen Monatsschrift Zion übernommen, deren letzter Bogen zufälliger Weise, gerade in der Scunde seines Hinscheidens gedruckt wurde, und sie ihr ferneres Erscheinen mit seinem Dasein endigte. Die Achtung und Liebe die er im Leben, genoß, beurkundete sich auf eine höchst rührende Weise bei seinem Leichenbegängnisse, wobei ihm noch die seltene Auszeichnung zu Thei! *) Nichtig, aber gegen den gewöhnlichen Sprachgebrauch werden vom Verf. diejenigen Orthodoxe genannt, die das mosaische Gesetz in seiner ursprünglichen Reinheit zu erhalten streben, vgl. die Vorrede zu Dorsche Had. "> Es wäre zu wünschen, daß die Freunde des Verstorbenen für die Veröffentlichung dieses Werkes sorgten. Red.