Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1842)
- Date
- 1842-09-03
- Page
- Seite 286 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2360092-2360201-2360238--2619-3529618- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
286 mit in den Kauf zu nehmen, da dieselbe von Mönchs¬ und Heiligengeschichten, Prozesstonsbeschreibungen, abergläubischen Erzählungen rc. strotzte? — Die Absicht der diesem Unternehmen ihre Mitwirkung zusagenden jüdischen Gelehrten war gewiß eine gute aber schon der Name, der Ruf, der päbstliche Orden und der Abfall des Redacteurs en chef, der früher Protestant gewesen war, hatten sie vom Beitritte abhalten sollen. In der That fand Höninghaus bald, das Journal werfe, wenn der Ertmg getheilt werde, nicht genug Gewinn für ihn ab: ec löste also das Institut wieder auf und trat mit einer noch bestehenden „Allgemeinen katholischen Kirchenzeitung" offen als Kampfer für den Ultramontanismus hervor. Wir sollten u n sere A llianzen nie mit einer andern Richtung als der vernünftigen schließen; dann bedürfen, wir der Lostrennung vom Talmud nicht. — Um aber auf Dr. Crenenach noch einmal zurückzukommen, so flößt uns sein Tod nicht nur gerechtes Bedauern, sondern auch dm Wunsch ein, daß über seine sämmrlichen schriftstellerische Arbeiten recht bald ein ausführlicher Bericht erscheine. *) §s fehlt uns überhaupt leider noch ganz und gar an einem jüdischen Gelehrten- und Schriftstellerlexikon. Es wäre jetzt an der Aeit — wohl die höchste Zeit — an die Abfassung eines solchen zu denken. Vielleicht beut sich mir bald die Gelegenheit dar, dieses Desiderium naher zu besprechen. — Aber ich bemerke eben, daß ich die Frage., von der ich ausgegangen war, noch nicht beantwortet habe; so geschehe es denn jetzt mit „Nein". Ich sage „nein", ungeachtet ich wohl weiß, daß mehr als drei Viertheile der deutschen Juden sich nicht mehr mit dem Talmud beschäftigen; ich sage „nein", obgleich oder vielmehr weil die Ueberzeugung vorliegt, daß der Talmud im Allgemeinen weder in moralischen noch in Rechtsfragen zur Richtschnur, som dern nur noch den rituellen Gewohnheiten zur Grundlage dient; ich sage „nein", weil von einem „Glauben" an den Talmud nur mißbräuchlich oder irrthümlich die Diebe sein kann. Diejenigen, welche den Talmud ignoriren und nicht für verpflichtend anerkennen, würden etwas Ueberflüssi'ges thun, wenn sie sich öffentlich und feierlich von ihm lossagten: denn nur einer Lehre, zu der man sich bisher bekannt hat, kann man den Gehorsam aufkündigen. Am unerklärlichsten bleibt aber der Jrrthum, daß mit einer solchen „Konfession" etwas gewonnen wäre. Nicht der Talmud, sondern der Jude steht der Emancipation im Wege: wer die Schwierigkeiten, die der bürgerlichen Gleichstellung entgegenstehen, ernstlich zu beseitigen bedacht ist, wird bei der Gesetzgebung nicht erst fragen, sich erkundigen, Glaubensartikel verlangen, sich die Anhänglichkeit an eine reine Moral schwarz auf weiß zusichern lassen, — er wird ohne Weiteres das Verlangte gewähren, dem gerechten Ansprüche '“) S. Literaturblatt. R e d. Genüge leisten. Mit dem Talmud oder ohne den Talmud — gleichviel, der Jude wird verbrannt, hätte ich bald mit Lessing gesagt. Gesetzt, wir gäben ihn eines schönen Morgens allesammt einmüthig auf — denn in den jetzigen Zeitläuften möchte ich ja keinen weitern Riß innerhalb der jüdischen Gemeinden wünschen, — würde man nicht, da eine Rückkehr zum reinen Mosaismus unmöglich ist, und die Sekten, die eine solche versucht haben, weder edler, noch gebildeter, noch freier sind als wir andern Juden, würde man nicht, sage ich, uns wieder Unglauben, Abfall von aller Tradition rc. zur Last legen? — Aus diesem Dilemma hilft am, besten das Gewissen des Einzelnen, die subjektive Ueberzeugung; und dieser wollen wir getrost, die dereinstige Entscheidung der Frage überlassen. — Ich hoffe, das Vorangehende wird von den Lesern des Orients nicht vom religiösen, sondern vom naturrechtlichen und politischen Standpunkte aus, wie es ihrem Urtheile übergeben worden, aufgefaßt und gewürdigt werden.-Noch eine andere, sehr alte Frage ist in diesen Tagen wieder aufs Tapet gebracht worden, die Frage nämlich : „Ist Christus dem jüdischen Gesetze zum Opfer gefallen". — Die Veranlassung zur erneuten Discussion dieses schwierigen Tbema's hat eine Stelle in Rosenkranz' Königsberger Skizzen gegeben, wo von der Erinnerung die Rede war, welche bei jedem Zusammentreffen mit einer scharfausgepragren jüdischen Physiognomie an den Tod Christi -— Rosenkranz meint, an die angeblichen Beförderer desselben — erwachen müsse. Die „Rhein. Zeit." hatte schon früher einmal (in Stirners Recension jenes Buches) auf die Coketterie hingedeutet, die Rosenkranz mit dem christlichen Staate treibe; nunmehr kam einer der Correspondenten derselben Zeitung (Rhein. Zeit, vom 8. Aug. f ff von der Ocker) abermals auf Rosenkranz zurück, die Rechtmäßigkeit des Prozesses Clnisti behauptend. Nicht blos dieses Votum, sondern wohl auch das Lob, das jener Correspondent dem einträchtigen Zusammenleben der Inden mit den Christen in dem ehemaligen Königreiche Westphalen spendete und der Bericht über das unzweideutige Mißfallen, welches man daselbst (vornamlich wohl im Braunschweigischen) über Dr. Hermes jetzige judenfeindliche Aeußerungen hege, brachten diesen so sehr in Harnisch, daß er in der „Köln. Zeitung" das erstgenannte Votum als ein unchristliches denuncirte und den Correspendenten selbst, den ec im Zorne mit einem andern aus Frankfurt a. M. verwechselte und durcheinander warf, als zweideutig charakteristrte. Die Rh. Zeit, vom 10. Aug. hat ihn deßhalb bereits gebührend mitgenommen, wobei sie die Ansicht ihres Corresp. von der Ocker gerade als eine strengchristliche obendrein von einem wirklichen Christen herrührende, in Schutz nahm. — Was übrigens die in Rede stehende Angelegenheit betrifft, so kann darüber schwerlich Gründlicheres, Erschöpfenderes und Geistreicheres vorgebracht werden, als es durch die Polemik Salvador^ Dupins des Aelteren, von Ammons und beson-