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Der Orient · 1842-08-27 · 35 (27.8.1842) · p. Spalte 553-554

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Journal
Der Orient
Volume
1842
Issue
35 (27.8.1842)
Date
1842-08-27
Page
Spalte 553-554 (sequence 5)
Language
German
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554 553 Zu den Breslauer Rabbinats-Wirren: Tiktin — Geiger. Angezeigt v. Berus. mudischen Satzungen und Anordnungen (d. h. die Satzungen, welche die Talmudisten getroffen haben, bie nnu und ntipn) deswegen allgemeine Anerkennung finden, weil ganz Israel dann überemgekommen; um zu wissen, ob eine Satzung talmudisch'oder nachcalmudisch sei, sehen wir nach, ob sie im Talmud verzeichnet sei, oder nicht; ist sie es, so ist sie bindend; wenn nicht, nicht; also ist das im Talmud Verzeichnetsein ein mittelbares Moment zur Anerkennung der Verbindlichkeit, und man kann daher mit Recht sagen, die und die Satzungen verdienen Anerkennung, weil sie im Talmud verzeichnet sind. Der Nachsatz (sondern u. s. w.) ist aber wieder ein Sprung, den wir, aus Besorgniß für unser Heil, nicht mitmachen wollen. Hier spricht Geiger plötzlich von Talmud; obgleich bisher nur von Satzungen der 'Talmudisten die Rede war. Aber zwischen Talmud und talmudischen Satzungen ist,.ja ein weiter Unterschied, wie wir oben ja von Geiger selbst belehrt worden sind. Der Sprung geht aber noch weiter; denn nun wird von „in ihm verzeichneten Satzungen und Anordnungen" gesprochen. Aber zwischen Lalmudischen Satzungen (d. h. Verordnungen, welche die Talmudisten getroffen) und im Talmud verzeichneten Satzungen, worunter auch die überlieferten sinaitischen sich befinden, ist ebenfalls ein weiter Unterschied. Und bei einer solchen Beweisführung wagt es Geiger noch über Leute zu spotten „die Alles mit einem Mal unter einander werfen" - (S. 20)> j - . j Ferner heißt es (Ansprache S. 20): Allein gleichviel — wenden sie ein — ob Tradition oder spätere Satzung, ewig verpflichtend bleibt jedenfalls der ganze Inhalt des Talmuds, weil, weil — nun eben weil er ewig verpflichtend ist, und weil — fügen sie als echte Poltrons hinzu —unser System einem Dr. Geiger gegenüber keiner Vertheidung bedarf und von einem Dr. Geiger eben so wenig erschüttert werden kann als (soll heißen: wie) eine Felsenmauer von dem Stoße eines ohnmächtigen Knaben" (Darstellung S. 29). (So weit Geiger). Daß Geiger eine Stelle aus der Gegner Schrift ansühren kann, die sich nicht dort findet, haben wir schon einmal gesehen; aber daß er eine verfälschen und verdrehen, und noch dazu die Seitenzahl angeben könne, lernen wir erst jetzt. Denn es heißt Darstellung S. 29. A. 10 v. u.: „Ein Glaubenssystem, das auf die wunderbarste Weise, beinahe durch 2000 Jahre hindurch, den stärksten Ungewittern Trotz geboten, das von tausend und tausend Gelehrten, worunter noch viele jetzt unbestritten als Sterne erster Größe am Himmel jüdischer Gelehrsamkeit leuchten (und daher sicherlich, auch in wissenschaftlicher Beziehung Geiger weit überstrahlen) hoch und heilig gehalten' werden, ein solches System bedarf einem Dr. Geiger gegenüber keiner Bertheidigung, kann von einem Dr. Geiger eben so wenig erschüttert werden,-als eine Felsenmauer von dem Stoße eines ohnmächtigen Knaben." Was meinen nun unsere Leser zu der Gründlichkeit, oder wenn man will, Redlichkeit, des Hm. Dr. Geiger? Um sein Verfahren kurz zusammenzufassen: Ec stellt' drei Ansichten über Tradition aus. Die erste halt den ganzen Talmud von toine bis für dem Moses .von Gott, auf dem Sinai gegeben; die zweite behauptet, es fänden sich in dem Talmud Auslegungen und Satzungen, die sich vom Sinai herschrieben; die dritte hält die Tradition für etwas, das sich nach und nach gebildet. Um nun seine Gegner zu beschämen, müssen diese sich zu der/ersten Ansicht bekennen, weil diese sehr leicht zu widerlegen ist. Sie haben es zwar nirgends gesagt, daß sie sich zu derselben bekennen, ja ihre Äußerungen lassen schließen, daß sie sich der zweiten Ansicht zuneigen; aber es werden wörtlich Stellen dafür angeführt, die Hr. Dr. Geiger wohl nur in seinem Exemplar der „Darstellung" gefunden hat. Die erste Ansicht wird dadurch geschlagen, daß sich Maimonides zur zweiten bekennt. Nun sollte man glauben, Hr. Dr. G. würde sich zu dieser auch bekennen? Nein, er macht einen (oben näher beschriebenen Sprung, und führt S. 21 die dritte Ansicht als' die semige aus. Den Maimonides braucht man natürlich nur so lange, bis man die hergezauberten Gegner besiegt hat; länger seiner Ansicht zu sein, und zu glauben, daß Gott nicht nur verboten habe, am Sabbat zu arbeiten, sondern daß er auch gesagt habe, unter „arbeiten" seien die 39 Handlungen zu verstehen, zu glauben, man müsse wirklich nach mosaischem Gesetze Tefillin anlegen, Lulab tragen rc., das ist etwas unbequem. Wenn 'Geiger dieser dritten Ansicht ist, so wollen wir ihm dies nicht weiter verargen; Denkfreiheit geht über Alles; aber Wahrheitsliebe, aber Redlichkeit geht doch noch darüber.. Fühlt Geiger Neigung zum Schriftstellern in sich, so spreche er diese Ansicht frei aus, und führe sie wissenschaftlich durch. Wir werden dann seine Gründe, prüfen und seine Ansicht annehmen oder verwerfen. Damit aber, daß man bald diesen, bald jenen Gebrauch angreift, bespöttelt und verdreht, hat man wohl die Gläubigen gekränkt, aber die Wissenschaft nicht um ein Haar weiter gefördert. Einzelnen Gebrauchen oder Mißbrauchen wird schon die Zeit ihr Recht anthun; vondem Gelehrten verlangt man eine klare, vorurtheilslose, begründete Darlegung der Principien, nach denen er reformirem will. Aus diesem Grunde haben wir uns bei Besprechung dieser „Ansprache" nicht darauf eingelassen, daß Hr.. Dr. G. sich in Persönlichkeiten gegen seine Gegner gefallt, daß ec, eine außerordentliche Belesenheit im Schulchan Aruch zeigend, nachweist, daß auch (also ohne ihn). mancher Gebrauch schon abgekommen sei, den das Leben abgestreist; daß er mit Witz und Spott schlagen will, wo man ernste Beweise verlangt; daß er mit einer Spitzfindigkeit, die. er an

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