Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1842
- Issue
- 35 (27.8.1842)
- Date
- 1842-08-27
- Page
- Spalte 549-550 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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550 549 Weber Spinozas theologisch-politischen Traktat. Won Isidor Kampf. Vernünftigkeit nur ein gradueller sein kann. Es bliebe uns also nur noch die Frage nach dem Maaßstabe übrige vermittelst dessen wir die Vernünftigkeit einer Behauptung bestimmen könnten, welche Frage folgendes Beispiel beantworten wird: Es werden uns zwei Behauptungen zur Prüfung vorgelegt) die eine': „der Mensch, als unvollkommenes Geschöpf, muß in religiöser Beziehung seine Vernunft gefangen nehmen und glauben", — die andere: „der Mensch, als denkendes Wesen, darf nichts unüberzeugt als wahr anerkennen^. — Welcher dieser beiden Behauptungen würden wir einen höhern Grad der Vernünftigkeit beiincffcrt? unstreitig der letztern, und zwar nicht darum, weil sie unserer Eigenliebe schmeichelt, sondern einzig und allein aus dem Grunde, daß sie die Gestalt eines Postulates an sich tragt, wahrend die erstere auf Voraussetzungen und weitläufigen Schlüssen beruht. ‘ Hieraus gehr hervor, daß wir einer Behauptung einen desto höhern Grad der Vernünftigkeit beizumessen geneigt sind, jemehr sie einem absoluten Vernunstsatz 'sich zu nähern scheint. — Sehen wir uns aber nach einem absoluten Vernunstsatz um, so dürfte es wohl schwer halten, einen ausfindig zu machen , da dem vermeintlich gefundenen wieder ein anderer Vernunftsatz zu Grunde liegen wird, diesem aber wieder ein anderer rc. — Sehen wir z. B. aus die letztere der oben erwähnten Behauptungen zurück, daß nämlich der Mensch, als denkendes Wesen , nichts unüberzeugt als wahr anerkennen dürfe, so erscheint 'sie uns im ersten Augenblick allerdings als ein auf'sich selbst beruhender Vernunftsatz, — allein naher betrachtet überzeugen wir uns nur allzubald,- daß sie auf dem Satz: „ein denkendes Wesen must denken" berühr» Aber auch dieser Satz kann nicht als ein absoluter gelten, indem er sich wieder aus einen andern stützt, nämlich den: das Denkvermögen, als Eigenschaft der Vollkommenheit, muß geübt werden; nun wäre wieder nachzuweisen, in wie' fern das Denken zur Vollkommenheit gehöre rc. rc. — Kurz, wir werden keinen absoluten Vernunftsatz finden. Indessen dürfte dieses Problem leicht zu lösen sein s). Unser ganzes Wissen basirt lediglich aus Empirie; selbst das, was wir aus speculativem Wege erlangt zu 8) Die Philosophen waren darum auch von jeher in Verlogenheit, wie sie die Philosophie beginnen sollten. Fichte sieht sich noch genöthigt, zu mehren Postulates seine Zuflucht za nehmen, — was aber als reine Willkür erscheint. Wenn n ün auch Hegel die Fi ch i sichen Postulate auf ei ns redur i rnämlich aus das: „d enke!" —und in seiner P h anöm'enslogie darthut, daß dies keine Willkür genannt werden rönne, iuLern das reine „ wissenschaftliche Denken die Bestimmung des Menschen sei, — so dürfte das fragliche Postulat, in st fern es seine Stütze erst in Beweisen sucht, immer noch kein absotutör Vermmstsatz zu nennen sein. haben meinen, ist im glücklichsten Falle doch nur die consequente Deduction einer wahrg'enommenen Erscheinung, undsomit weiter nichts, als eine künstliche Komposition des Wirklich wahren mit dem Möglichwahren. Da aber alle Erscheinungen im Gebiete der Natur nicht die absolute Vernunft selbst, sondern nur ein Produkt derselben sind, so folgt nothwendig daraus, daß unser Wissen, insofern es auf Anschauung des bezeichneten Produktes beruht, nur ein mittelbares isft und daher zu seiner Gewißheit stets einer Vermittelung, oder wie man sich sonst auszudrücken pflegt, eines Beweises erst bedarf. Gesetzt aber, es wäre uns gestattet, mit der absoluten Vernünft selbst zu verkehren — würden wir wohl dies dem Verkehr mit deren Produkt vorziehen? gewiß! denn alsdann würde unser Wissen zur unmittelbaren geistigen Anschauung sich erheben und aller Vermittelung oder alles Beweisest füglich entbehren können. Was wäre aber ein unmittelbarer Verkehr mit der'ab so lu ten Vernunft anders, als ein unmittelbarer Verkehr mit Gott selbst, oder mit andern Worten, eine Offenbarung im strengsten Sinne des Wortes? — . Zufolge des Gesagten würde also der Unterschied zwischen der auf natürlichem Wege erlangten Erkenn tniß und der Offenbarung hauptsächlich darin bestehen, daß jene nur mittelbar, diese aber unmittelbar zur Gewißheit gelangt. Kann es nun noch zweifelhaft sein, welcher dieser beiden Erkenntnißweisen der Vorzug gebühre? — Wenden wir, uns nun , zur Schrift und sehen zu, was diese über den Charakter der Offenbarung, namentlich der dem Mosis zu Theil gewordenen berichtet, so lesen wir: „Und der Ewige redete mit Moses von Angesicht zu Angesicht, wie Jemand mit seinem Freunde redet" (Exod. -33, 11)9) — was will aber dies anders sagen, als daß Moses sich-des un mittelbaren Verkehrs mit Gott erfreuet, und dessen Willen auf solche Weise erkannt habe? In ähnlicher Weise heißt es von der Offenbarung auf Sinai, die dem ganzen Volke zu Theil geworden: „Von Angesicht zu Angesicht redete der Ewige mit euch" (Deut. 5, 4). —- Wir ersehen hieraus, wie sehr die heilige Schrift den Umstand hervorzuheben sucht, daß Moses und Israel den göttlichen Willen durch unmittelbare geistige Anschauung erfahren; es hieße demnach eben so unwift se nsch a ftli ch als un m o r a li sch verfahren, wollte man Ln den fraglichen Relationen an diesen oder jenen unbestimmten Ausdruck sich hatten, um auf diese Weise. - 9) Vergleiche auch Num. 12, 7. wo besonders heroorgehoben wird,, daß Gott sich dem Moses in vollkommener Deutlichkeit, und nicht in NäLhseln offenbarte. Ueber tt'O’5 'n TDlohf werden wir weiter unter sprechen. ~~ 35*