Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1842
- Issue
- 34 (20.8.1842)
- Date
- 1842-08-20
- Page
- Spalte 531-532 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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531 532 Heber Spknoza's theologisch-politischen Traktat. Von Isidor Kämpf. nur die geringste Gelegenheit dacbietet, seine giftigsten Pfeile spielen laßt 3 *). Daß dieses gewiß beachtenswerthe gattimt' jedoch bisher so wenig hervocgehoben worden, mag wohl daher kommen, daß Sp. seine Polemik zu allgemein halt 4), als daß man außerhalb des Judenthums das eigentliche Ziel des Angriffes so leicht errarhen konnte - innerhalb des Judenthums aber hielt man die Angriffe eines Abgefallenen für nicht beachtenswerth, und.zwar um so weniger, als die Sprache selbst, in der sie abgefaßt worden, am besten geeignet war, ihnen den Eingang in Israel zu versperren. Doch das Alles hat sich nun geändert. Die neuesten literarischen Erscheinungen auf dem israelitisch-theologischen Gebiet zeigen nur zu deutlich, wie die fragliche Polemik auch in das Lager Israels sich einen Weg zu ebnen gewußt hat.' Es dürfte sonach nicht unangemessen erscheinen, daß wir, anstatt uns auf die angeblichen Originalitäten in der modernen biblischen Kritik rc. einzulassen, lieber zur Quelle dieser trüben Gewässer zurückkehren, und ihre Unlauterkeit und Unzuverlässigkeit nachzuweisen unternehmen. Da aber der fragliche Tractat, namentlich in seiner theologischen Beziehung, nicht über das in der Bibel selbst Gesagte hinausgeht, so kann der Tadel einer Ueberschätzung der eigenen Kräfte, womit in neuerer Zeit gerade diejenigen am meisten um sich werfen, die ihn doch am ersten beherzigen sollten, uns nicht treffen 5) Ungeachtet wir bei unserm Unternehmen uns der lautersten Absicht bewußt sind, so schien es uns dennoch erforderlich, diese Erinnerung voranzuschicken, — weil es heißt: D"pJ DiTOl" Num. 32, 22. — Fragen wir zunächst nach der eigentlichen Tendenz des viel besprochenen Tractats, so giebt uns dessen Verfasser selbst den besten Aufschluß darüber, indem er in der Vorrede zum hier erwähnten Werke sagt, daß er sich fest entschlossen habe: „Scripluram de hoto, inte- 3) Daher Ibn Esra, der nicht selten über die Autorität des Talmuds sich hinwegsetzt, bei ihm so gut angeschrieben steht, Cap. VIII. sagt er von ihm: liberioris ingenii vir et non mediocris eruditionis“ — wie hinwiederum Maimonidesder treue Anhänger des Talmuds, ihm höchst verhaßt ist: „Quapropter hanc Maimouidae sententiam ut noxiam, inutilem et absurdam explodimus“ Cap. VII. — ,4) Nur sehr selten wird der Angegriffene mit Namen genannt— eine Ehre, die besonders dem Maimonides zu Theil wird. — 5) Zu den Verkehrtheiten unserer Zeit gehört auch noch die Sucht, mit Klingel-Phrasen zu prunken, die Perioden zu verschrauben und überhaupt die Sprache so viel, wie nur möglich, zu verwirren, um recht tief denkend und gelehrt zu erscheinen. Wir aber sind der Meinung, daß man dasjenige, was man klar und verständlich sich gedacht habe, auch klar und verständlich muffe darstellen können, — und mithin eine unklare Darstellung nothwendig ein Beweis des unklaren Denkens sei. — gro et libero animo exaininare, et nihil de eadem affirinare, niliilque lanquam ejus doetrinam admittere, quod ah eadem clarissime non edoccrcr.“ — Dem zufolge wäre es ihm also nur um die richtige Auffassung der Schrift zu thun. Nachdem ec nun zu diesem Behufe, wie er selbst berichtet, mit großer Vorsicht eine Methode concinnirt hatte, schritt ec ans Werk und stellte sich zunächst die Aufgabe, aus der Bibel selbst zu ermitteln: „Quid esset Prophetin? et qua ratione Deus sese Prophelis revelaverit? et cur hi Deo accepti fuerinl?“ etc. etc. Nach der Weise unseres Autors, seinen philosophischen Untersuchungen Definitionen, Postulate und Axiome voranzuschicken, sucht er auch hier die erste " Frage, „was Prophetie sei", gleich von vorn herein mit der Erklärung kurz abzufertigen: „Prophetia siye Reyelatio est rei alicujus cerla cognitio a Deo hominihus reyelala.“ Diesem angeblichen Axiom folgt nun gleich ein anderer Machtfpruch (der eigentlich in das 2. Kap., wo von den Propheten gehandelt wird, gehörte), nämlich der, daß ein Prophet Derjenige sei, welcher das von Gott geoffenbacte denjenigen Menschen interpretirt, die von dem Geoffenbarten keine sichere Erkenntniß haben, und es also nur auf Treue und Glauben annehmen können. Als Beleg für diese Behauptung wird eine Stelle aus Exod. 7, 1 cirict, wo das Wort in der Bedeutung Orator, Interpret vorkommt. Aus dem bisher Gesagten soll nun, merkwürdiger Weise, folgen, daß auch eine auf natürlichem Wege erlangte Erkenntniß Prophezeiung heißen könne, da ja auch sie lediglich von der Erkenntniß Gottes bedingt ist, und nur, weil sie, allen Menschen zukommend, nichts Fremdartiges an sich tragt, vom großen Haufens, der stets gern nach dem Seltenen hascht, verachtet wird. Demnach, meint unser Aut., würde der Unterschied zwischen prophetischer und natürlicher Erkenntniß nicht in Hinsicht ihrer zu gewährenden Gewißheit oder ihrer Quelle, sondern einzig darin bestehen, daß die prophetische Erkenntniß nur einzelnen Personen, die natürliche aber allen Menschen ohne Ausnahme zukommt. — Nachdem unser Vers, noch darauf aufmerksam gemacht, daß nicht Alles, wovon die Schrift sagt, „Gott habe es zu Jemand gesagt", für übernatürliche Erkenntniß zu halten sei, indem die Juden nie der mittelbaren Ursachen erwähnen, sondern aus religiösen Gründen Alles unmittelbar auf Gott selbst zurück- 6) Es ist auffallend, wie geringfchätzend Sp. die Masse behandelt — überall nennt er sie vulgus im verächtlichen Sinne des Wortes. Wie eine solche Denkungsart mit den Gesinnungen eines Republikaners, zu welchem die Biographen Sp's. denselben gern stempeln möchten, sich vertragen könne — muß allerdings ein Räthsel bleiben.