Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1842)
- Date
- 1842-08-20
- Page
- Seite 266 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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266 die aristokratischen Vorrechte des Mittelalters zu wahren. — Jene fromme Zeit der Inquisition bat die Negersklaverei eingesühct. Die neue Zeit, und gerade ihre aufgeklärten Elemente, haben sie abgeschäfft, diese neue Zeit der Humanität, wie sie verstanden und dargestellc ist in den Schriften von .Benjamin Consta n t, Notteck, Welker u. A. m., diese neue Zeit, welche auf allen Schlachtfeldern um die Befreiung der Menschheit von den alten Banden des Unterschieds kämpft, diese neue Zeit, der jeder große Mann huldigen muß, wenn feine Werke nicht der Fäulniß anheimfallen sollen, diese Zeit muß den Staat von der Kirche, und diese von jenem emanzipieren, d. h. den Staat auf das Praktische, auf die Lhat, und die Kirche auf die freie religiöse Ueberzeugung erbauen; dann wird der Staat den Succurs des Gewissenszwangs, die Kirche die Krücken der Territorialgewalt verschmähen. — Somit stimmt die neue Zeit für die bürgerliche Gleichstellung der Juden. Man hat hierbei das Worr: Emanzipation meiden wollen, weil die Juden keine IVlancipia, Sklaven, mehr wären; da ihnen aber politische Rechte verweigert werden, zu denen sie befähigt sind, deren Entbehrung ihrer bürgerlichen Ehre Abbruch thut, so ist das für die Empfindung der Gedrückten allerdings eine Art Sklaverei. — Nicht von dem Mitlciden erbitten wir also unser Recht, nichc von schwächlicher Menschenliebe erflehen wir es als ein Werk der Toleranz, nein! auf die Pr i nz ip L e n erbauen wir unsere Ansprüche, welche den ganzen Fortschritt der neuen Zeit bilden und tragen; und wir dürfen damit drohen, daß die Partei des' Volkes nicht eher Freiheit wird gültig ansprechen können, als bis sie der Gerechtigkeit genug gethan hat, daß nicht eher Friede unter den christlichen Confessionen einziehen wird, als bis die bürgerliche Gleichstellung der Luden, ja die Gestattung gemischter Ehen, das moderne Prinzip der -Gewissensfreiheit in seiner politischen und socialen Bedeutung für Alle hier an dieser Probefrage des wahrem Liberalismus" gelost und erfüllt sein wird! — Die Ansprüche des Iudenryums sind hierbei weit eher consirvativ als-destructiv zu nennen; denn sie stützen sich auf die Verheißungen der Bundesakte selbst, welche auch weislich in einem und demselben Artikel die gleiche Berechtigung der christlichen „Religionsparteien" mit der Gleichstellung der Juden verknüpft. Ja sogar das-Versprechen des 18. Artikels, die Preßfreiheit, — wird nur eine Wahrheit werden und Realität im Volkebewußtsein gewinnen, wenn man die analoge Freiheit auch für Alle will; so lange freilich, als nur jede Partei sie für sich verlangt, so lange, als nur die Gewissen und die Gesinnungen geduldet werden, welche auf eine Art Uebermacht zählen können , wird cs mit ihr gehen, wie mit der Gewissensfreiheit. Der französelnde Liberalismus, wie kann der zaudern? Die Partei des nationalen Fortschritts, wie kann die zurückstehen, wo es auf den Nachweis ankomm:, daß das große Vaterland nicht von kleinlichem Ausschließungsgeist und adeligen Vollblutsregistern, sondern von der Aufnahme und dem Verkehr aller khätigen Elemente, von der Huldigung an die freieren Grundsätze der neuen LLelt abhängt? — Wo das anders angesehen wird, da entzieht man den Juden theure Pflichten, um ihnen heilige Rechte zu rauben, und begeht mit dieser Bemäntelung des Unrechts nur ein doppeltes Unrecht, — die Lasten der Juden werden nur um'so drückender werden, wenn man dieselben auf einer Seite conzentrirt, und nur darum auf der andern erleichtert, um ihnen die wohlerworbene Waffenehre tückisch zu rauben. Aber ein anderer, wenn gleich nicht neuer, Widerspruch tritt hier ein, die- Behauptung nämlich:-daß die Juden unmoralische Leute wären, welchen man den näheren Umgang mit den ehrlichen frommen Christen erschweren müsse. — ' Hep, hep, — die alte Geschichte! — Dieser Widerspruch geht schon von der Behauptung ab, daß die Unfähigkeit der Juden zum Staatsdienste in ihrer Religion, dem Einzigen, was sie eigentlich als Juden verbindet, begründet wäre. — Aber sind denn wirklich die Juden alle so schlecht und die Christen in ihrer Unschuld vor diesen Verderbern zu behüten? Man zählt doch heut zu Tage in allen Zweigen der Wissenschaften und Künste, in allen Branchen menschlicher Thätigkeit Koryphäen, welche-dem Judenthum angeyören! wäre ein solcher Aufschwung bei allgemeiner moralischer Versumpfung denkbar? — Nein, nicht gerade alle Juden, nur die Mehrzahl soll nichts taugen! — Und habt ihr keine Polizei, keine Criminal-Justiz gegen die Nichtswürdigkeiten der Juden, wie etwa gegen die seltenern Schlechtigkeiten einiger entarteten Christen? — „O ja, aber Polizei und Justiz reichen gegen jüdische Schlauheit und Pfiffigkeit nicht ««§." — Eine schöne Justiz, welche eine ganze Reihe von Glaubensgenossen, ganze Gemeinden verurtheilt wegen der Möglichkeit eines Betrugs, welcher, um vor möglichem Unrecht im Einzelnen zu sichern, wirkliches Unrecht en masse begeht! — Ihr frommen Christen und gar Germanisch-Christlichen Staatshaushalter, kennt ihr den alten Satz nicht, daß es besser sei, tausend Verbrecher gingen frei aus, als das ein Unschuldiger leide? Zwar lthren alle — von Christen verfaßten — statistischen Tabellen, daß unter dem jüdischen Pöbel beiweitern weniger Verbrechen Vorkommen, als unter dem christlichen , daß das Familienleben selbst der jüdischen Armen weit reiner und fruchtbarer, die Erziehung sorgsamer ist, als die der christlichen, daß z. B. trotz dcr Erschwerung jüdischer Ehen, verhältniß.naßig nicht die Hälfte der unehelichen Geburten vorkommt, und überhaupt weniger Kinder geboren, aber viel mehr von Tod und Krankheit gerettet werden, u. s. w. — Und wenn wirklich die Betrügerei der Juden so gefährlich ist, wenn die Nicht-Emanzipation ein Arznei-Mittel dagegen wäre, so ist es doch seit Jahrtausenden vergeblich eingenommen worden; wenn wirklich die Spitzbüberei der Juden so fürchterlich ist/ warum zwingt man sie zur Lebensfristung durch Schacher und Handel, indem man ihnen alle andere Erwerbszweige versperrt oder unendlich erschwert, ja selbst den Zutritt zu dm dürftigsten Handwerken hemmt, die ihnen ohnedies schon dadurch schwerer, als Anderen, sind, weil sie dieselben erst neu zu begründen haben, ohne daß sie auf die Unterstützung ihrer Nachbarn nur im geringsten rechnen dürsten, während gerade der kleine Ackerbau und die Gewerbe auf Dörfern und in kleinen Städten überall samilienmäßig ererbten Boden, ererbte Mittel und Werkzeuge, ererbte Kundschaft nothwendig voraussetzen. — Am weitesten in dieser vorsichtigen Cautelar-Justiz soll unter anderen Sachjen-Meiningen gegangen sein. Oiseite, inoniti! — Andere welthistorische Institute der modernen Gesetzgebungsweisheit, oder die freieren Ausbildungen der altgermanischen Rechtsgrundsätze thut man besser, in Frankreich und England zn studiren. In Frankreich, Holland und Nordamerika spricht kein Mensch von jüdischem Betrug, wiewohl in diesen Ländern die größte Gewerbefreiheit herrscht,, aber in Sachsen-Meiningen, Altbaiern, Krakau und Böhmen mögen die ärmeren Juden wohl auf der geraden Heerstraße des Verkehrs nicht durchkommen. —- Und ist denn, frage ich noch einmal, die Emanzipation eine Förderung des Betrugs? wird er dadurch erleichtert? ~ Werden denn alle Juden so-' gleich ins Finanzministerium gelangen?. (Beschluß folgt.)