Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1842
- Issue
- 33 (13.8.1842)
- Date
- 1842-08-13
- Page
- Spalte 519-520 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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519 Schul-Literatur. Abtalion von Jacobson. 2 Theile. 52V die gern ihren christlichen Mitbürgern zu Liebe jede Spur einer! charakteristischen Eigenthümlichkeit ausmerzen möchten, damit man den Juden nicht abmerke, die Behauptung aufgestellt worden, daß wir uns mit den christlichen Schulbüchern auch in jüdischen Schulen sehr gut behelfen können, und daß es nur heilsam sei, wenn die israelitische Jugend sich frühzeitig ihrer religiösen Besonderheit entschtage und sich den christlichen Vorstellungen anschmiege. Ja nicht einmal eine jüdische Schule halten Viele für nöthig, da man ja Alles eben so gut und vielleicht noch besser in einer christlichen Schule lernen kann. Nach solchen Aussprüchen mußte es mir freilich auffallen, wie Hr. Ja cobson sagen -konnte: „daß die israelitische Jugend auch einer eigens für sie bearbeiteten Fibel bedürfe, davon ist jeder gute Israelit von vorn herein überzeugt", denn gewiß wird er doch nicht Jene für schlechte Jaden halten wollen. Aber es hat Res. einigermaßen ausgesöhnt, daß er die Nothwendigkeit eines solchen Buches durch einen Auszug aus einer Rede motivirt hat. Die Stelle ist auch wirklich schlagend und geistreich, und ich stehe nicht an, sie herzustellen: „Ein Anderes ist politische und gesellige Absonderung, ein Anderes das gleichgültige Jneinanderwerfen der verschiedenen Bekenntnisse, was in Beziehung auf den Unterricht der Jugend von keinem Standpunkte aus gebilligt werden kann.-Der gestimmte Unterricht in der Elementarschule, sagt ein competenter Beurtheiler, ist mit religiösem Unterricht durchwebt und muß es, nach der Natur der Volksschulen und Volksbildung, sein und bleiben. Alle Lesebücheralso auch die Leseübungen sind religiös, meist wird Bibelgeschichte gelesen, aus der auch der Stoff zu Aufsätzen entlehnt wird. Es werden christlich-religiöse Lieder und Bibelstellen, meist neutestamentliche, werden zu Uebung des Gedächtnisses auswendig gelernt. Von Allem diesen, also bei weitem von den meisten Uebungen der christlichen Elementarschule, müssen die jüdischen Schüler ausgeschlossen werden rc. rc." — Sehr gut fügt auch der Verfasser hinzu: „Aber auch jeder unbefangene, wahrheitsliebende Christ dürste es werden, wenn er uns das Recht einräumen muß, das religiösjüdische Moment in den Büchern vorherrschen zu lassen, die wir unserer Jugend in die Hände geben, wie das christlichconfeffionelle in den ihrigen vorherrscht, ohne hieraus ein Streben zu Separatismus unlogisch herausdeuteln zu wollen. Jeder strebt das ihm Theuere durch die ihm am geeignetsten scheinenden Conservativmittel zu erhalten." Und im 2. Theile fährt der Vers, in dieser Beziehung fort: „wenig, sehr wenig nur konnte ich finden, das frei von antijüdischer Tendenz gehalten, der israelitischen Jugend in die Hände gegeben werden kann. Der Vorzug des Vorgefundenen einerseits mußte mir jedoch anderseits in Beziehung auf seine Anwendbarkeit für die israelische Jugend als ein negativer erscheinen, weil dadurch eine Neutralität genährt wird, die eben so geeignet ist, den verderblichen Jndifferentismus zu stützen, als sie dem wahren Obscurantismus nicht entgegenarbeitet* Die Schule aber — und namentlich ist dieß die Ausgabe der jüdischen — soll nicht nur die Bildungsstätte des Geistes, sondern auch zunächst des Herzens sein; sie soll die in den zarten Jugendherzen vorhandenen Keime zum Guten anregen und wecken, heben und stützen; soll ihren Zögling sowol zum guten Menschen als Israeliten bilden*). Daß dieser Zweck durch den (leider noch sehr mangelhaften) Unterricht in der positiven Religion allein, insofern er nur den Verstand beschäftiget, nicht erreicht werde, dürfte mir jeder denkende und beobachtende Erzieher unter meinen Glaubensgenossen einräumen; was auch darum sehr natürlich erscheinen muß, weil nichts für die Weckung und Belebung des religiösen Gefühles geschieht, wodurch eine warme AnhänglichkeMund innige begeisterte Verehrung für den Glauben der Urväter angeregt würde **).— Erwägt man hierzu noch, daß einem großen Theile unserer heutigen Jugend im elterlichen Hause das, früher so allgemeine, Beispiel eifriger Glaubensanhänglichkeit und die allzeitige Belehrung über Thun und Lassen abgeht, bei welcher die trockne Phrase „Gott will es so haben" mehr als aller jetzige Religionsunterricht in der Schule, der noch zuweilen mit dem, was das Kind zu Hause fleht, im Widerspruche steht, vermochte: so wird man um so mehr die Nothwendigkeit einsehen, dem jüdischen Kinde in der Schule eine religiöse Weihe zu verleihen, die es ganz durchdringt. Nicht also bloß beim Religionsunterrichte, sondern bei jeder sich darbietenden Gelegenheit, muß bald dieser, bald jener religiöse Begriff theoretisch entwickelt und so zu sagen prattisch eingeimpst werden, wenn anders der beabsichtigte Endzweck erreicht werden soll. Wie sehr aber eine richtige, religiöse Geistesrichtung auf den Menschen influire, wird wohl schwerlich Jemand in Abrede stellen; und wahrlich! wer ihrer entbehrt, wird selten ein guter Bürger, treuer Anhänger des Vaterlandes und g ewisse nha fter Befo lg er der Landesgesetze, selten ein guter Gatte und Vater, überhaupt selten ein guter gewissenhafter M e n s ch." So weit über die Nothwendigkeit. Was die Anordnung betrifft, so ist die Leselehre in 8 Abschnitten sehr zweckmäßig; hingegen in den Sprachübungen hat die Wahl der Sätze mich nicht immer befriedigt, und zwar, um bei dem ersten Thema stehen zu bleiben, weil manche zu speciell jüdisch sind, wo es doch überhaupt gar nicht nöthig war. Dasselbe wäre ebenfalls bei den kurzen Lesestücken zu rügen, hingegen die. Verstandesübungen, die Mährchen, Erzählungen u. s. w. ftaffen nichts zu wünschen übrig. Ungemein mannigfaltig ist der zweite Theil, der auch so vieles für jüdische Schulen Paffendes hat, daß ich mit Vergnügen hier Lehrer durch Angabe der Uebersicht darauf aufmerksam mache. Dieser umfangreiche 2. Theil besteht aus 10 Abschnitten; der erste enthält 28 Parthien, fteils Erzählungen, therls Ge- .’) Unb in Erwägung dessen muß zur Erreichung dieses Zweckes die jüdische Schule getrennt,, nur für sich bestehen, , und einen durchaus konfessionellen Charakter bewähren. — **) Einzelne ehrenvolle Ausnahmen sind natürlich hier nicht mit inbegriffen, wo nur vom Allgemeinen die Rede ist. ''