Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1842
- Issue
- 33 (13.8.1842)
- Date
- 1842-08-13
- Page
- Spalte 515-516 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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515 516 Die Juden unserer Zeit. Vom Prof. Bonaventura Mayer. wirft „das von den. Rabbinen überlieferte. Mosisgesetz" über Bord, selbst wenn Baiern nicht blos den Dr. Lewi in Fürth, sondern alle modernen Rabbinen absetzt, und Preußen nicht bloß keinen jüdischen Tempel, sondern nicht einmal eine deutsche Predigt in den Synagogen duldet. Zwar sind Sie, Hr.. W>Mr„ aufrichtig in. tzett Angabe, des Zweckes Ihrer Liebe.; - Sie fagew es ausdrücklich m der Vorrede, daß Sie „den Weg des Rabbinismus und nicht den des Unglaubens (?) und der Verachtung der alten Satzungen für den einzigen halten, auf dem die so schwer geprüfte Nation der Israeliten dem Ziel'e der gesammten Menschheit, der Ueberzeugung von der Wahrheit des Evangeliums entgegen gehen kann"; aber eben deßhalb wählen wir das moderne Judenthum und verhöhnen Euere Liebe. So lange Ihr unsern alten Rabbinismus gehaßt, war er uns theuer und lieb, und wir gingen für ihn in den Tod, nun so Ihr den alten Rabbinismus hätschelt, um uns zur Taufe zu verlocken, so machen wir uns ein modernes Judenthum, das all Euerem mystischen Kram spottet. Das moderne Jüdenthum hat alle Judenmissionen zum Sprichwort und zum Gelachter gemacht, und das moderne Judenthum wird auch den Stachel Euerer lieblosen Liebe abstumpfen! -— Doch ich will dieses Thema verlassen und zu dem Buche selbst übergehen. Die Reihe der Darstellungen beginnt der Verf. mit Europa und in diesem mit Rußland; über diesen kalten Anfang kann man sich zwar verwundern, jedoch mag ich mit ihm nicht rechten; ex Oriente lux. Die Zahl der Juden in diesem Reiche (Polen inbegriffen) gibt Hr. M. auf 940,000 an, die Statistik giebt sie an auf 2 Millionen; diese gewiß nicht kleine Differenz muß mir gleich beim Anfänge auffallen, jedoch will ich großmüthig sein und dem Vers, aufs Wort glauben, daß er „diese Zahl genau verbürgen kann". Die russischen Juden theilt der Den. (S. 3) in fünf Sekten, „in Chasidaec, Karaitten, Mittelstand, Arbeitsleute und Chabad", und diese Eintheilung reicht hin, um des Verfs. wunderliche Anschauung zu beürtheilm. Der Mittelstand ist eine Sekte, die Arbeitsleute eine Sekte! Wie viele Sekten muß diesemnach Regensburg haben! Jesuiten, Professoren, Buchhändler, Arbeitsleute, Mittelstand, Philister und Ochsen, sind das Alles Sekten! Selbst wenn ich dem Prost den Ausdruck „Sekte" Nachsehen will, so bleibt diese Eintheilung noch immer barock'genug; denn unter Chasidäern, Caraiten und Ehabads wirds doch gewiß auch Arbeitsleute und einen Mittelstand geben, und es giebt deren auch. Auch in der Beschreibung der Kleidung der russischen Juden (S. 4) ist viel Unrichtiges und Lächerliches, doch will ich dem Hrn. Prof, die Ornamentik, „die 12mal geringelten Locken' (?) an den beiden Schläfen" lassen, und ich staune lieber die stupende Gelehrsamkeit an , womitt der Prof, aus'dem Talmud herzuleiten weiß, daß man die Schuhe nicht wichsen, darf (!). Armer Talmud! Daß du dich zuweilen mit Luftschlössern beschäftigst, habe ich aus jahrelangem Umgänge mit dir wohl bemerkt, daß du aber deine Scholastik auch auf Schuhwichse ausdehnst und in das Amt der Wichster eingceifst, davon habe ich nichts gewußt. Was man nicht alles von einem deutschen Prof, lernenkann! Aber der Prof, bleibt nicht blos beim Talmud stehen, ec citirt ein rabbinisches Werk, welchem er den Titel giebt: „mron mn nympD ilütiO", und können Sie Hr. Prof..einen solchen Titel beweisen und kann gar ein solcher Titel existiren? Eher ließe sich beweisen, daß ein Prof, der orientalischen Sprachen nichts von Talmud und Rabbinen versteht, daß das Mahrchen mit der Schuhwichse ein witziger Jude' Ihnen aufgebunden, als daß ein solcher Titel Ihnen zu beweisen möglich ist. Ferner beweist der Hr. Prof, aus einem rabbinischen Buche den Glauben der russischen Juden, daß nach ihrem Tode schwarze Ochsen den Bart ausreißen, und ich mag dieses als Produkt der lebhaften Phantasie des Hrn. Prof, nicht bestreiten; wenn er aber Peter Beer verleumdet und behauptet, daß er von den Chasidim nichts gewußt und in seiner Geschichte der jüdischen Sekten falsch berichtet, so erlaube ich mir, Hrn. M. zu widersprechen. Daß der Hr. Prof, das Wesen der Ehast'dim nicht kennt, steht man daraus, daß er als Hauptbeschäftigung derselben den Talmud angiebt; denn gerade darin unterscheiden sie sich von den Uebcigen, daß sie den Talmud nicht studiren und ihn sogar hassen. Hr. M. hatte sich aus den erwähnten jüdischen Blättern bessere Belehrung holen können, aber dazu sind die Hrn. Orientalisten zu vornehm und doch schreiben sie über jüdische Gegenstände! Die Schilderung, welche der Verfasser von dem Leben und Treiben der Ehasidäer macht, leidet ebenfalls an dem Fehler der Unkenntniß, und nur die Beschreibung, welche er von dem R. Jisraöl giebt (S. 7—-9) fanden wir so ziemlich der Wahrheit gemäß und, wie es scheint, wirklich aus eigener Anschauung. Der Stifter dieser pietistischen Partei (nicht Sekte) ist Rabbi Jisrael Baal- Schein - Tob, abgekürzt Beseht, der unter der Regierung der Kaiserin Elisabethv. 1741—1762 Chasidim-Rabbi war. Ein Enkel desselbenvon mütterlicher Seite ist der-jetzt noch lebende Israel, oder wie das Volk ihn-nennt: Jisrolka, und der Vers, giebt von ihm folgende bis auf Einiges ziemlich richtige Beschreibung, die ich hierher mit meinen Anmerkungen stelle. Er hält sich, Israel ist sein Name, im Städtchen Risen^) im Gouvernement Volhynien, 6 Meilen von Schitomir>. auf. Er ist ein Mann zwar ohne tief Wissenschaft-- liche-Bildung-- aber von ausgezeichnetem, natürlichem Scharf- 1) muß/heißen-Ries z.e n> ein: Städtchenwelches,einempolnischen. Edelmanne- oder vielmehr, einer Gräfin gehört, die den Chasid sehr , hoch schätzt und mitt dem sie in mehr als freundschaftlichem Verhältnis gelebt haben soll.