Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1842-08-06 · 32 (6.8.1842) · p. Spalte 507-508

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1842
Issue
32 (6.8.1842)
Date
1842-08-06
Page
Spalte 507-508 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/8555529-9894039-9894087--2243-3529554
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

507 Einige neuere Erscheinungen der englisch-israel. Literatur. Besprochen v. Jos. Mendelssohn. 508 mente: „Denket nicht, daß ich gekommen, das Gesetz oder die Propheten zu vernichten; ich bin nicht gekommen um zu vernichten, sondern um zu erfüllen." Gleich darauf erörtert der Verfasser die Ursachen, welche Christus zum Tode führten, wälzt die Schuld desselben von der jüdischen Nation ab auf die Priesterkaste, die schon in seinen Worten: „Ich bin der Messias und der Sohn des Allmächtigen", dem Gesetze folgend, welches das Aussprechen des Gottesnamens mit dem Tode bestrafte, den Vorwand zur Vernichtung ihres Feindes fand. Aber die Hinrichtung Christi, heißt es weiter, sei nur politischen Besorgnissen zuzuschreiben. Seine Anhänger nannten ihn den König von Judäa. Die Aeltesten und Häuptlinge der Juden fürchteten, daß, duldeten sie dies länger, alles Volk ihm zufallen und so ein Kriegeszug der Römer, der nur die Vernichtung des jüdischen Staates zur Folge haben konnte, herbeigeführt würde. Nun folgt, zu des Sim- -mias unendlichem Erstaunen, die sich auf eine Schrift* *) des Professor Kru g stützende Beweisführung, daß nicht den Juden, sondern den Römern die Hinrichtung Christi zur Last falle. Im Beginne der achten Unterredung äußert Simmias, sämmtliche Gründe seines Gegners als vollgültig anerkennend, sein Erstaunen, daß so mancher der des Vergießens von Christenblut angeklagten Juden die ihm aufgebürdete Schuld eingestehen konnte? Maimon giebt die Antwort, welche wahrscheinlich jeder der Leser an seiner Stelle ertheilt haben würde, nämlich eine Hinweisung auf die entsetzlichen, jeden Begriff übersteigenden Folterqualen, welchen die Angeschuldigten, namentlich von Seiten der spanischen Inquisition, unterworfen wurden und deren Unerträglichkeit auch den Stärksten endlich zum Bekenntniß von Verbrechen, die er nie begangen, zwingen mußte. Dennoch versichert Maimon, fehle es nicht an Beispielen, daß Opfer jener Grausamkeiten die gräßlichsten und längsten Torturmartern erlitten , ohne daß sie einen Augenblick die Wahrheit verläugnet hätten. Unter diesen Märtyrern des jüdischen Glaubens glänze vor Allen der Philosoph Orobio*), den die Inquisition 3 Jahre lang im Gefängnisse schmachten und den scheußlichsten Qualen unterwerfen ließ, und der dennoch unerschütterlich bei Betheuerungen seiner Unschuld verharrte. — Auch sei zu verschiedenen Malen der Fall vorgekommen, daß die Richter das erfolgte Schuldgeständniß der Angeklagten verkündet hätten, ohne daß dieß sei gemacht worden. Eine ganze Reihe der grauenhaftesten Torturfälle, bei denen wir, des beschränkten Raumes halber nicht länger verweilen, wird nun aufgeführt und unwiderleglich dargelegt, daß jedes durch Drohung oder Anwendung der Tortur herbergeführte Geständniß ohne die mindeste Beweiskraft bleibt. In der neunten und letzten Unterredung findet der Leser wenig Gespräch, aber die höchst anziehenden Documente aus der Regierungszeit Augusts Ui. von Sachsen und Polen, in welchen die vollkommenste Unschuld der Juden rücksichtlich aller bis dahin gegen sie ausgesprochenen Blut-Anklagen bekräftigt wird. Aus anderen hier abgedruckten Actenstücken (z. B. aus einem Schreiben des päbstlichen Nuntius am Warschauer Hofe an den Minister Grafen v. Brühl) erfährt man,, daß die polnische Judenschaft sich mit bittern Klagen ') Ueber die Verhältnisse verschiedener Religionspärtheien zum Staate und über die Emanzipation der Juden. Jena und Leipzig 1828. *) Zuerst Arzt des Königs Philipp VI. von Spanien, dann in gleicher Stellung bei Ludwig XIII. von Frankreich. Er schrieb verschiedene philosophische Werke in lateinischer und spanischer Sprache und Hülftruf in Betreff der fortwährend gegen sie gerichteten Verfolgungen unmittelbar an den Pabst selbst gewandt hatte. Der heilige Vater erklärte darauf durch seinen Botschafter, daß nach den strengsten Untersuchungen die Juden als nicht schuldig der ihnen aufgebürdeten Verbrechen zu betrachten wären, daß man für die Folge bei gleicher Beschuldigung nicht mehr das gegen sie herrschende Vorurtheil, sondern bündige Beweise allein berücksichtigen dürfe. — Nun folgt Tugend!) olds Vorwort zu seiner polnischen Übersetzung von Menaßeh ben Israels ,, Vindiciae Judaeorum“, Blätter, welche ein tief melancholisches Licht auf die unerhörten Leiden werfen, denen die polnischen Israeliten bis auf eine uns noch nicht sehr fern liegende Zeit anheimgegeben waren. Man erinnere sich übrigens, daß die Efes Damim zunächst in Folge einer in neuester Zeit in Polen aufgetauchten Beschuldigung, die Juden hätten sich des Christenblutes zu einer religiösen (Zeremonie bedient, geschrieben wurden und wird somit die besondere Berücksichtigung der früheren und jetzigen Verhältnisse der israelitischen Bevölkerung jenes Landes motivirt finden. Als Appendix zu den Efts Damim hat der englische Ueverfttzer eine sehr merkwürdige Epistel Johannes Neuchlin's an B o n e 11 o d e Lates, jüdischen Leibarzt des Papstes Leo, angefügt. Reuchlin hatte den Talmud vor dem Vernichtungsprozesse bewährt, den die kölnischen Pfaffen, durch mancherlei Ranke, unterstützt von einem jüdischen Apostaten, ihm zu machen nahe daran waren. Der deutsche Kaiser, von dem man das nöthige Edict hiezu gefordert, hatte Reuchlin mit der Erforschung jener religiösen Bücher beauftragt; seine Ansicht sollte über Tod und Leben des Talmuds entscheiden. Der gelehrte und aufgeklärte Mann äußerte sich dahin, daß derselbe nichts der christlichen Kirche Feindliches enthaltedaß seine Zerstörung—man hatte bereits die Juden zur Auslieferung sämmtlicher vorhandenen Abschriften desselben gezwungen — jammerschade und ein wahrhafter Verlust für die Wissenschaft sein würde. Sofort wurden die Bücher ihren Besitzern wieder ausgeliefert; nun aber wandte sich der ganze giftige Pfaffenhaß gegen Reuchlin selbst. Man beschuldigte ihn der Apostasie, der Ketzerei, wollte ihn nach Köln vor ein geistliches Gericht laden und der Treffliche sah sich gezwungen, um dieser gefährlichen Falle zu entgehen, den Schutz des heiligen Vaters, den er durch Verwendung seines Freundes Bonetto zu erlangen gewiß war, in Anspruch zu nehmen. So mußte denn einer der gefeiertsten christlichen Gelehrten seines Zeitalters, weil seine vernünftigen und Hellen Ansichten von dem Schristenthume der Israeliten mit denen der Masse im Widerspruche standen, durch Vermittelung eines vom Oberhaupte der christlichen Kirche gefeierten und geschätzten Juden die Hülfe desselben anrusen! Trotz dieser ausgedehnten Besprechung ist es uns keineswegs gelungen, den reichen Gesammtinhalt der Efes Damim nur andeutungsweise hier wiederzugeben. Wir müssen schließlich, will man den Werth dieser Schrift in seinem ganzen Maaße kennen lernen, auf die Lectüre derselben verweisen und wünschen, daß recht bald eine vollständige deutsche Uebertragung sie zu einem größeren Gemeingute machen möchte. 2) Observations addressed to the english Jews. Die kleine Schrift füllt nur 8 Seiten, enthält aber'einen solchen Reichthum tiefdurchdachter Sätze und logischer Wahrheiten, daß dieser, auseinander gedehnt und breitgeschlagen, nach der Methode mancher Abhandlungsfabrikanten, bequem ein umfangreiches Werk gebildet haben würde. Die in neuster Zeit in allen Journalen vielbesprochene Haltung unter den englischen Juden giebt dem unbekannten Verfasser Anlaß,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.