Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1842)
- Date
- 1842-08-06
- Page
- Seite 254 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2360092-2360201-2360234--2583-3529546- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 254 - diese Lextesworte die Wünsche seines Herzens in Bezug, auf die bevorstehende feierliche Handlung aus.' Nach dem Schlußgebete, das ebenfalls wieder aus der Fülle des Herzens quoll/ wurde der zweite Vers des oben angegebenen Liedes von den Consirmanden allein gesungen.*) „Der Lugend soll ich leben, Den kleinsten Fehler fliehn,^ . Dem ew'gen fromm ergeben, Soll ihm mein Jnn'res gliihn. Doch'werd' ich ganz lerfüllen , Die ernste hohe Pflicht? O Gott, du kennst den Willen — Gib du mir Kraft und Licht." - Dann wandte sich der Geistliche zu den Consirmanden, machte sie mit wenig Worten noch auf die Wichtigkeit des gegenwqrrigen Augenblickes aufmerksam und legte ihnen hierauf über die vorzüglichsten Lehren der mosaischen Religion" Fragen vor, welche fast durchgehends eben so richtig, als laut und bestimmt in vollem Sätzen von den Kindern beantwortet wurden. Nachdem diese so ein ehrendes Zeugniß ihres Fleißes, wie der auf ihre Unterweisung verwendeten Mühe des Lehrers abgelegt hatten, folgte eine kurze Ermahnungsrede, und dann beantworteten sie im Chore-die ihnen vorgelegten Fragen in 'Bezug aus ihren Glauben und ihre frommen Vorsätze. Nach diesem gethanen Gelübde der Treue wurde von ihnen der dritte Vers des genannten Liedes gesungen. Hierauf erhielt jedes Kind'aus den Händen des Geistlichen seinen Consirmationsschein mit einem paffenden Spruche des alten Testamentes, -den derselbe mit ganz specieller Bezugnahme auf die Verhältnisse jedes einzelnen erläuterte. Sobald ein Kind diesen Schein empfangen hatte, sprach es in einem kurzen, von ihm selbst abgefaßten Gebete seinen Dank gegen Gott aus, erflehete den Segen des Höchsten für sich und die Seinen und gelobte noch besonders, die heiligen Gebote Gottes zu halten. Es waren dies sehr ergreifende Augenblicke, deren Eindruck noch dadurch, erhöht wurde, daß die Kinder ungeachtet der unverkennbaren Rührung und der hervorquellenden Thränmffo laut und vernehmlich und mit so richtiger Betonung sprachen, daß Jedermann sich überzeugen mußte, wie tief sie selbst empfanden, was von ihren-Lippen,ging.- , (Schluß folgt.) Aachen, 13. Juli. 'Man weiß nicht, ist das neue Judengesetz, welches schon zu so vielen Beschwerden Anlaß gegeben, von der Regierung zurückgelegt, oder wirö cs doch erscheinen.. Die Nachrichten widersprechen sich: heute heißt es, das Gouvernement habe es zurückgezogen, morgen, es werde doch nächstens publicirt werden. Die Sache har mehr Geschrei gemacht, als man ahnte, denn wenn zweihunderttausend Juden anfangen zu lärmen, so wird das arg. Wir waren schwerlich auf diesen Gegenstand zurückgekommen, den wir in den Händen der öffentlichen Meinung gut genug aufgehoben hielten, wenn uns nicht ein leitender Artikel der „Kölnischen Zeitung" zu Gesichte gekommen, der in uns seiner Ansichten, wie' seiner historischen Angaben wegen, gleich großes Befremden erregte. In diesem Aufsatze vermissen wir nichts als' Humanität und Kenntniß der Sache. Man istliberaler bei uns am Rhein. Der Verfasser geht von - *) Den Choralgesang - Unterricht der israelitischen Kinder leitet der Herr Cantor Lutze, und.wie schon öfter die gottesdienstlichen Versammlungen, zeugte auch die des 21. Mai von dem besten Erfolge dieses Unterrichts. dem Gesichtspunkte aus: „Waren alle Menschen Vernunftwesen, so könnte man jedem gleiche bürgerliche Rechte eincaumen, da dies aber nicht der Fall ist, so muß die Religion den mangelhaften Zustand, in dem wir uns noch befinden, verbessern. Die Religion aber, von der dies erwartet werden müsse, sei die christliche. Man könne die Juden nicht emancipiren, weil ihr Glaubensbekenn Miß widerstrebt, und weil sie durch eine lange ungerechte Unterdrückung verwahrlost sind." Was ein Glaubensbekenntniß mit den bürgerlichen Pflichten gegen den Staat zu thun hat, ist nicht abzusehen, aber wie man die sittliche Verwahrlosung der Majorität, wofür doch erst Beweise zu liefern wären, von denen die Statistik nichts weiß, verbessern will, wenn man die „ungerechteste Unterdrückung" beibehalr, möge ein anderer errathen. Die Juden sollen sich erst bessern, wenn sie Bürger werden wollen, besser werde man aber erst durch das Chcistenthum; wie soll der Jude dann besser werden, außer er taufe sich? Dann freilich hat ec von selbst das Zeug'zum Bürger und man fragt nicht nach seiner Moralität. Aber dann rede man gerade heraus und mache nicht .Phrasen von Sittlichkeit und Humanität. Welche Logiki Ec ruft den Juden zu: „Erst bessert euchl" und mit demselben Athem sagt er: „so lange wir die Religion als Grundlage unserer bürgerlichen Einrichtung anerkennen, dürfen wir den Juden nicht ganz gleiche Rechte mit den Chusten gewahren." Wir wollen den Widerspruch fallen lassen, um noch einmal auf das alte Kapitel der religiösen Grundlage zu kommen. Ja, der Staat braucht die Religion und soll sieauchffchützen, aber jede, weit jede ihm dient; denn der Staat ist der Verband Aller. Der Staat selbst aber ist nicht religiös, sondern die Religion ist Sache jedes Einzelnen und darum verlangt er für sich darin vom Staate vollkommene Freiheit, in soweit diese nicht für Andere verletzend, für die allgemeine Ruhe gefährlich ist. Die gemischte Ehe des Staates mit der Kirche hat noch nirgend Segen gebracht. Der Staat hat blos in der Ausübung der Religion Polizeigewalt, aber keine, wo es sich um den Glauben handelt. In diesen emschreicen, gegen ihn opponirend auftreten, wäre gefährlich, weil es die individuelle Freiheit in ihrem Heiligsten angnsse. Eben darum muß der Staat sich ganz außer dem Glauben halten. „Ein Fürst, nachdem er regiert, ist ec nicht immer Christ, sondern ein Fürst. Die Person ist wohl ein Fürst, aber das Amt oder Fürstenthum geht sein Christenthum nichts an. Denn nachdem er ein Christ ist, lehrt ihm das, daß er Niemand soll Leid thun." Das sagt ein Mann, dessen Autorität weder der Verfasser jenes Aussatzes in der „Kölnischen Zeitung," noch die Regierung rekusiren wird, Luther nämlich, der schon damals erkannte, daß der Staat nur Zwecke der Sittlichkeit, nicht der Religion zu verfolgen habe, in so fern diese nicht die Sittlichkeit vertritt. Wir haben gesehen, wozu überall 'es führt, wenn der Staat Partei für einen Glauben nimmt, also aus sich selbst heraustritt. Der Verfasser hat Unrecht, auf das Beispiel Englands hinzuweisen und die Preußischen Juden damit zu vertrösten, daß es ihnen in Großbritannien nicht besser gehe. Englands starre, Parteinahme für die herrschende Kirche hat genug büßen und endlich gegen die Millionen Katholiken dennoch nachgeben müssen. Aber der Fluch, den es sich für die Unterdrückung Irlands aufgeladen, frißt noch an seinem Eingeweides wie ein böser Krebsschaden, und wenn es