Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1842)
- Date
- 1842-08-06
- Page
- Seite 250 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- 250 - wichtigsten Zustände selbst unter den Leuten, welche mitzusprechen berufen sind, und es erregt ein schlimmes Mißtrauen für fremdere Angelegenheiten, wenn hier, wo die Belehrung so nahe liegt und so unendlich leicht gemacht wird, noch immer die gewissenloseste Ignoranz den Sieg behauptete —- Riessers glanzvolle Schraten sind selbst Gesetzgebern unbekannt; hingegen die obseuren Kraktätlein frömmelnder Landpfarrer , welche ihren eingesalzenen Judenhaß direkt aus Schutt und Eisenmenger beziehen, müssen täglich das Geschütz judenfeindlicher Argumente liefern und werden in den „Literaturzeitungen" mit so viel billigendem Anstand behandelt, als hätten sie die Unsterblichkeit der Seele vor dem Prömetheischen Feuer der jungen Hegelinge gerettet. — Im Durchschnitt sind diese Argumente denn auch so schwach, daß man den erleuchteten Wortführern derselben kaum den Ernst der Sache zutrauen kann. Vielmehr ist meine innigste Überzeugung, die ich aufrichtig auszusprechen mich nicht.entblöde, daß die schwankende Popularität der liberalen Theoretiker da, wo die Regierung sich die praktischen Interessen des Volkes rascher, angeeignet hatte, noch durch das letzte . Mittel gerettet werden' sollte, daß man nämlich den niedrigsten Antipathien des Pöbels schmeichelte. Nein, meine Herren, so verfährt die Opposition in Frankreich und England nicht! diese weiß sich dadurch zu behaupten , daß sie ihr Princip strenge und fest durchführt. O'Connell beugt sich nicht unter die Hefe seines Pöbels, er imponirt durch sein Recht und seinen Geist. —. . ....... In welche Widersprüche verwickelte sich aber auch die Opposition in den deutschen Kammern bei unserer Frage; wie ängstlich war sie bemüht, die Debatte abzubrechen, wo sie das einem Minister nimmer vergönnt hätte; sie schämte sich eigentlich-ihres Widerspruchs, wollte die Sache nicht aufgeschoben auf bessere Zeiten, oder stellte Bedingungen, deren Erfüllung gar nicht von den Juden und ihren Freunden abhing, z. B. wenn erst die Pretzfreiheit gegeben wäre; dann sprach sie ärgerlich vom ReichthumPeiniger Juden und frug: was wollen sie mehr? — Das vielverehrte verstorbene Haupt der Opposition in. Baden, dessen Leichenfeier wir noch jährlich begehen, hat die Juden im Jahr 31 selbst auf spätere .Zeiten vertröstet; nur wenig Jahre waren der Zeitraum, innerhalb welches die Weltlage sich denselben günstiger gestalten sollte. Wohlan, diese Zeit ist verflossen, und es gilt zur Ehre, des todren Meisters, seine ganze Theorie da zu vollenden, ihre Consequenzen zu ziehen und auszusiihren, wo er selbst menschlicher Schwäche nicht entging. Vielleicht wird seine Prophezeihung etwas später wahr, jetzt wahr! Haben doch Männer, wie der edle Welcker, seitdem nicht gescheut, ihre Ansicht zu Gunsten der Wahrheit zu ändern! Werden die Andern im besten Falle nur schweigen?! — Baden, welches fortwährend das heilige Feuer politischen Lebens an: Altäre seiner Freiheit für ganz Deutschland nährt, dieses glückliche Grenzland, das sich einer der aufgeklärtesten eonstitutionellen Versammlungen in Europa rühmen kann, ist es, auf welches wir zunächst unsere vertrauenden Blicke richten. In einer Frage, in welcher die Regierung dem liberalen Fortschritte kaum zuwider wäre, gilt es. für die Opposition, zu zeigen, daß sie nicht blos den Vortheil der Ihrigen, sondern das Recht für Alle will. Nicht von der Gnade der Fürsten, die — wie oft schon! — uns geboten ward, von dem engen Zusammenhang mit dem Volke, 'als dessen Glieder wir zu stehen und zu fallen haben,., von dem Vertrauen auf die energische Gerechtigkeit der Stimmführer der Volksrechte erwarten wir unser Heil! — Und wirklich haben die geistigen Fortschritte der jüngsten Epoche sich nicht ungünstig gestaltet. Die extremsten Organe des theoretischen Liberalismus und der practischen Nationalität, die „Rheinische" und die „Oberdeutsche Zeitung" haben sich für uns erklärt. Aber was dazwischen liegt, die Halben aller Art sind gefährlich : die Teutonen, welche für ihr Vaterland keinen industriellen Aufschwung, sondern die exclusive Rohheit der Urwälder herbeiwünschen, die Liberalen, welche den Brod- und Handelsneid von Schuster, Schneider und Apotheker caressirm,die Regierungsmänner, welche-nicht den kühnen materiellen Fortschritt, sondern das ängstliche Erhalten längst veralteter Zustände und Privilegien bezwecken, sind gegen uns! — Kein vernünftiger Mensch wird mehr behaupten, daß die Juden weniger deutsch sind, als die eingewanderten Hugenotten auch, oder als jeder Fremde überhaupt, der sich in zehn Jahren naturalistrt; vielmehr könnte man behaupten, daß die Anwesenheitder Juden in Deutschland nach ebenso viel Jahrhunderten zu berechnen ist, als die der Gothen sogar. Es ist also die Frage von der Berechtigung der Juden keine nationale, keine historische mehr, insofern man nicht aus altem Unrecht ein neues Recht deduziren wollte; — und es kann schließlich nur behauptet werden, daß die Juden deshalb vom Staatsbürgerthum ausgeschlossen werden, weil sie eben — keine Christen sind; — das ist-der Kern der Sache, der nicht verhüllt und nicht umgangen werden darf. — Konsequent kann nur eine Partei diesen Punkt sesthalten, die Partes des f. g. christlichen Staates, welche seit Adam Müller vom Berliner politischen Wochenblatt, jetzt von der Literarischen Zeitung daselbst, und von einer gewissen reactionairen Clique eben daselbst vertreten, wird. Eine Partei, welche den Staat auf ein strenges Dogma basirt, hat allerdings Recht, die Juden auszuschließen. Wer würde dem Pabst die Emanzipation zumuthen? — Solche Annahmen aber heben überhaupt das Wesen des Staates auf, das eines freien Staates gewiß, denn das ist gar kein Staat, der auf eine streng kirchliche Ansicht gegründet sein soll, so wenig, als im früheren Mittelalter wahrhaftes SLaatsleben bestanden hat. Das Christenthum, welches den Blick gen Himmel gewendet hat und aussprach: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt," hat die alten Staaten aufgelöst, ohne neue zu gründen. Sein erstes Produkt war die Kirche, welche die Staatsidee in Fesseln hielt. Wie wenig Segen, wie schlimme Früchte brachte doch die unfriedliche Ehe der weltlichen mit der geistlichen Macht! — Hat die Reformation nun den Staat aus solchen Banden erlöst, so konnte sie das nur, indem sie das Gewissen der Individuen freisprach, und durch das Prinzip ungehemmter Forschung an diese selbst appellirte. Wer aber die Forschung und den Gedanken befreit, der kann ihren Resultaten, wie sie auch ausfallen mögen, nicht zum Voraus Schranken ziehen; daß dieß doch geschah, war eine heillose Abirrung vom Prinzip. Denn unglücklicherweise schlug die Wirkung der Reformation in eine ,, Staat srelrgion" um. Der Satz: krineep« Episcopüs, zu Deutsch: daß der Fürst eine unbeschränkte geistliche Gewalt über die Gewissen seiner Un- Lerthanen besitzen solle, war der praktische Inhalt der neuen Erfindung, die um so weniger religiös zu nennen war, je kirchlicher sie erschien. — Wer in Süddeutschland möchte diese Theorie behaupten oder zurückwünschen? Wer strebt nicht vielmehr eifrig der ferneren Entwickelung religiöser Gemeindefreiheit zu? — (Fortsetzung folgt.)