Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1842)
- Date
- 1842-07-30
- Page
- Seite 246 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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246 Herrnaber ein Uebersetzer und Bearbeiter des Jesaias braucht nicht zu Lhun, als ob er ihn kenne). Ich werde noch mehr thun; ich werde den alten Mann ganz unkenntlich machen, ich werde ihm den langen Bart abscheeren, ihm den Höcker von der Nase wegschneiden; den Talar ausziehen, kurz in Physiognomie und Tracht solche Veränderungen mit ihm vornehmen, daß Niemand ihn wiedererkennen und selbst das Frankfurter Casino keinen Anstand nehmen soll, ihm seine Pforte zu öffnen. Die schönsten, bilderreichen Stellen nehme ich heraus, säubere sie, wo nöthig, von localen und Lemporellen Flecken, gebe ihnen eine andere Wendung und Beziehung, lasse sie mit Ueberschriften als einzelne Gedichte auftreten (wie z. B. die obige Stelle, als „Gottes Klage über seine Kinder") und trete mit dem Ganzen unter dem anlockenden Titel „Prophetenstimmen an das Geschlecht dieser Zeit" öffentlich hervor. Sollte die Stimme eines Propheten nicht die Stimme eines „Nachtwächters" aufwiegen? Wird nicht mein Jesaias, das ist, die Quintessenz, der Geist, das ewig Anwendbare, ewig Lebendige aus den Gesängen dieses erhaltenen Geistes in modernster Fassung und Wendung die „Gedichte eines Lebendigen" überflügeln? Dies Alles lesen wir aus der Vorrede und aus der Iesaias-Bearbeitung des Herrn Haupt heraus. Er hat keinen Begriff davon, daß er die Betise begangen hat, sich mit den Leuten, „die sich gebildet nennen" in eine Klaffe zu stellen; denn es sind eben diese Leute, die seine Prophetenstimmen lesen und rühmen werden; Leute, die ein erhabenes dichterisches Ganze in der vollen Harmonie seiner Theile, seiner Züge und Bezüge nicht verstehen, genießen können,-auch nicht merken, wenn man diese Harmonie zerstört, und zufrieden sind, durch einzelne Schönheiten unbestimmt angeregt und erbauet zu werden. Herr Haupt versichert freilich, nicht von der Bibel ab-, sondern vielmehr in dieselbe recht hineinsiihren zu wollen; aber er wählt dazu einen seltsamen Weg. Hätte er eine dichterisch schöne und treue Uebersetzung des Jesaias geliefert, wir würden ihn mit Lobsprüchen überschüttet haben. Freilich halten wir nicht viel von dem poetischen Geist eines Lesers, der das Erhabenste, was je (ohne Ausnahme) ein sterblicher Mund ausgesprochen hat, nicht schon in Luthers zwar veralteter, unvollkommener, aber doch sprachgenialer Uebersetzung nachempsinden könnte. Das müßte schon eine hornhäutige, wider das Wesen des höheren Geistes unempfängliche Natur lein. Dennoch wollen wir es nicht nur entschuldigen, sondern rechtfertigen und preisen, daß ein Berufener uns den Jesaias und andere alttestamentalische Dichtungen in modernster Sprachweise enthülle und nahe lege. Aber mit allem Ernst wollen wir den eitlen und willkührlichen Bearbeitungen begegnen, und uns durch keinen Vorwand und kein schimmerndes Sprachgewand bestechen lassen, sie gut zu heißen. 4 Ein merkwürdiges Beispiel von der Art, wie der Verfasser, möglichste Treue der Uebersetzung übt und mit dem Verwischen und A n d e r s w e n d e n bestimmter historischer Beziehungen verbindet, gewährt das 4»ste Capitel im Jesaias. Der Prophet spricht von Cores oder Cyrus und der Erlösung der Juden aus der Babylonischen Gefangenschaft, er läßt Jehova in ein besonderes Gnadenverhältniß zu diesem Fürsten treten und den Juden, die darüber murren möchten, den Text lesen: „So spricht der Herr zu seinem Gesalbten, dem Cores, dm ich bei seiner rechten Hand ergreife, daß ich die Heiden vor ihm unterwerfe und den Königen das Schwerdt abgürte, auf daß vor ihm die Thüren geöffnet ^werden rmd die Thore nicht verschlossen bleiben." „Ich will vor dir hergehen und die Höcker eben machen, ich..will die ehernen Thüren zerschlagen und die eisernen Riegel zerbrechen." „Und will dir geben die heimlichen Schätze und die verborgenen Kleinode, auf das du erkennest, daß ich der Herr, der Gott Israel, dich bei deinem Namen genannt habe." „Träufelt ihr Himmel von oben und die Wolken regnen Gerechtigkeit, die Erde thue sich auf und bringe Heil, und Gerechtigkeit wachse mir zu. Ich, der Herr schaffe es." „Wehe dem der mit seinem Schöpfer hadert, nämlich der Scherben mit dem Töpfer des Thons. Spricht auch, der Thon zu seinem Töpfer: was machest du?" „Wehe dem der zum Barer sagt: warum hast du mich gezeuget? Und zum Weibe, warum gebierst du?" „So spricht der Herr, der heilige, in Israel: Fordert von mir ein Zeichen, weiset meine Kinder und das Werk meiner Hände zu mir." „Ich habe die Erde gemacht und den Menschen drauf geschaffen. Ich bin's, deß Hände den Himmel ausgebreitet haben und habe all' seinem Heer geboten." „Ich habe ihn (Cyrus) erweckt in Gerechtigkeit und alle seine Wege will ich eben machen. Er soll meine Stadt bauen und meine Gefangenen loslaffen, nicht um Geld noch um Geschenke, spricht der Herr Zebaoth." „Aber die Götzenmacher müssen allesammt mit Schanden und Hohn bestehen und mit einander, schaamroth hingehen." „Denn so spricht der Herr ..... ich bin der Herr und ist keiner mehr" u. s. w. Der Jesaias des Herrn Haupt, die Prophetenstimmen an das Geschlecht dieser Zeit, parodirt in einem „Gottes Wort an die Fürsten und Völker" überschriebenen Gedicht die obigen Worte auf folgende loyale Weise: So spricht der Ew'ge zu den Fürsten, die er gesalbt und eingesetzt: Ich schütze euch in eurem Rechte, von keinem Bürger sei's verletzt. Ihr sollt das Scepter milder Gnade, das Schwert der Macht, das PurpurAeid Der höchsten Erdenwürde tragen, zu Hirten eures Volks geweiht. Vor euch eröffnen sich die Pforten, verschlossen bleibet euch kein Thor,