Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1842)
- Date
- 1842-07-30
- Page
- Seite 244 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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244 Bevlin, 20. Juli. Morgen findet hier dieLoosung von zwei und dreißig Gemeindemitgliedern zu Wahlmännern eines Rabbiners statt, und wie verlautet, sind Dr. S. Holdheim, Rabbiner in Meklenb. Schwerin, Dr. I. Frankel, Rabbiner in Dresden und der Rabbiner Stein in Burgkunstadt als Candidaten vorgeschlagen. — Ein Mehreres hierüber in nächster Woche. Galizien. Lemberg, 7. Juli. Ein großes Unglück hat die Stade Rzeszow heimgesucht. In der Nacht vom 26. auf den 27. Juni hat eine schreckliche Feuersbrunst 160 Hauser-in Asche gelegt. 3000 Menschen irren zwischen eingeäscherten Häuserreihen obdachlos und von jedem Bedürsniß entblößt umher, und sind einem namenlosen Elend Preis gegeben. Das Jammergeschrei dieser Unglücklichen fand hier Wiederhall in der Brust eines jeden Fühlenden. Aber die lebhafteste Theilncrhme an diesem unglücklichen Ereigniß bezeigten zwei edle wackere Männer, nemlich der Herr Gubernialroch und hiesige Polizeidirector Ritter von Sacher-Mahsoch und der Herr Gubernialsekretar von Festen bürg, provisorischer Bürgermeister. Gleich als diese traurige Kunde zu ihren Ohren drang, faßten sie den menschenfreundlichen Entschluß, durch eine mildthatige Sammlung den Unglücklichen beizustehen. Und sie sparten auch keine Mühe, in den außeramtlichen Stunden diese Sammlung in eigener Person zu bewerkstelligen. Das hohe Ansehen, in welches diese hohen Beamten durch ihr bekanntes liebreiches Betragen bei jeder Klasse von Menschen stehen, verzehnfachte die Gaben, die das Mitleid sonst dm Gebern abgedrungen hatte. Bedenkt man ferner, daß der größte Theil der Verunglückten aus Israeliten bestehet, so erscheint ihre edle Handlung in dem reinsten und ungetrübtesten Lichte der Unparteilichkeit, der wir noch mehr Bewunderung gezollt hatten, wenn uns nicht diese edelmüthigen und toleranten Männer bei verschiedenen Gelegenheiten schon Proben diefer ihrer unparteiischen Denkungsart geliefert hätten. O! Ihr edlen Männer von hohem und edlem Sinn, wenn Ihr auch diese hochherzige Handlung aus reinem Herzenstriebe und nicht um Dank zu ernten vollbracht, so kann ich doch nicht umhin, das Dankgefühl auszusprechen, von dem unsere Gemeinde wie Ein Mann beseelt ist. Wir schätzen uns wahrhaft unglücklich, den Dank an diese edlen Männer, für den keine Sprache Worte besitzt, nicht verdientermaßen ausdrücken zu können. In stiller Herzensandacht wünschen wir für sie den vollsten Segen herab, denn nur Gott und kein Mensch hat Dank für solche edle Thcit! — Großen Dank verdient auch das Bemühen des Herrn Oberfeldkriegskommissärs Schießler, Gründer zweier hiesigen Kleinkinderbewahranstalten, der auf dem 10. d. M. ein Volksfest, verbunden mit Theater und Feuerwerk veranstalten läßt, dessen Ertrag zum Besten der Abgebrannten bestimmt ist. Wo es sich handelt, den Menschen nützlich zu sein, da ist unser edler Schießler, dem das Menschenwohl so sehr am Herzen liegt, der Letzte nicht. * H. Italien. Aus Mantua ist die für jeden Menschenfreund gewiß betrübende Nachricht eingegangen, daß es daselbst zwischen den Christen und Israeliten zu einem Conflicte gekommen ist, der leider einige Menschenleben gekostet hat. Ich erzähle das Factum mit den Worten eines vor mir liegenden italienischen Briefs. „Schon seit einiger Zeit hatten sich mehre junge Leure, durch polemische Predigten aufgereizt, zur Verfolgung der Israeliten verbunden und warteten nur der Gelegenheit, um ihr Vorhaben auszuführen. In einem Kaffeehause gab einer derselben am 30..Juni ohne die geringste Veranlassung einem Israeliten einen Fußtritt, und als dieser sich darüber beschwerte, eine Ohrfeige, worauf zwischen den andern anwesenden Israeliten und Christen ein heftiger Streit sich entspann. Dies war das Signal zu weitern Tätlichkeiten, welche sich mehre Christen auch gegen die Juden im Ghetto erlaubten. Der Platzoberst eilte herbei, um den Streit beizulegen, allein einer der Unruhestifter stieß ihn zurück und riß ihm den Oroen voll der Brust. Das mittlerweile herbeigekommene Militair sah sich endlich genöthigt, Feuer zu geben, einige der Aufwiegler wurden getodret, andere verwundet. Jetzt kam es zu einer völligen Emeute, die um so bedrohlicher wurde, als der Pöbel, der sich bis dahin ruhig verhalten hatte, mit den Soldaten ins Handgemenge gerieth. Unglücklicherweise liegt in der Festung während der heißen Jahreszeit nur eine schwache Besatzung, die zur Herstellung des Friedens nicht hinreichte, der in der That auch drei Tage lang gestört blieb. Das der israelitischen Familie Finzi gehörige Landhaus wurde geschleift, sämmtliche Häuser, wo die Israeliten wohnten, mußten drei Lage lang verschlossen bleiben, und keiner durfte es wagen, sich auf der Straße blicken zu lassen. Am 2. Juli langte endlich eine bedeutende Mlitairvcrstärkung aus Verona an, und man lebt jetzt der Hoffnung, daß es gelingen werde, die Ruhe völlig wieder herzusrellen." Ueberaus rühmlich wird in obigem Schreiben der energischen und menschenfreundlichen Maßnahmen des Delegaten gedacht. (A. A.) Wir erhalten aus Mantua nachstehende Einzelheiten als Ergänzung unserer srühern Mirthcilung, die nur insofern zu berichtigen ist, als die darin erwähnte Ohrfeige von dem jungen Israeliren Namens Loria in Erwiederung des erhaltenen Fußtrittes gegeben wurde. Beide Urheber des Conflicrs sind in Gewahrsam, und zwar hat sich Loria ans freien Stücken der Obrigkeit gestellt. Am 6. Juli, also acht Tage nach dem ersten Auflaufe, waren die jüdischen Kaufläden noch geschlossen; die Behörde hat aber bekannt.gemacht, daß dieselben sich unter ihrem unmittelbaren Schutze befinden und die Inhaber nicht das Geringste zu besorgen haben. Von dem Pöbel waren die Bewohner der umliegenden Ortschaften Herbeigerusen worden, um die jüdischen Häuser plündern zu helfen. Die Obrigkeit, hiervon unterrichtet, ließ die Brücken aufziehen, die Thore sperren, und als die Landlcute so ihr Vorhaben vereitelt sahen, ließen sie ihre Wuth an den außerhalb der Stadt Liegenden jüdischen Landhäusern aus, die sie niederrissen. Die bedeutendsten jüdischen Familien haben sich nach Venedig geflüchtet, und wahrscheinlich werden andere ihnen folgen. Dies wäre ein unberechenbarer Verlust für