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Der Orient · 1842-07-23 · Heft 30 (23.7.1842) · p. Seite 237

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Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 30 (23.7.1842)
Date
1842-07-23
Page
Seite 237 (sequence 9)
Language
German
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237 Reformen mit Energie zu betreiben, und das alberne Geschwätz des dummen Pöbels ist eben so wenig im Stande sie einzuschüchtern, als das Zetergeschrei der reichen Orthodoxen. Seit ihrem Amtsantritte bekamen die Dinge eine neue Gestalt. An die Stelle der frühem Verwirrung trat eine nie gekannte Ordnung, und fast jeder Verwaltungszweig der Gemeindegeschafte erlitt eine ihm nöthige Reform, die dem Zeitgeiste eben so angepaßt, als der Gemeinde nützlich ist. Der faule Fleck, der auf unserer Gemeinde haftete, nämlich die verdorbene und sinnlose Einrichtung der öffentlichen Lehranstalt, die Talmud-Tora genannt, durch ihre Zwecklosigkeit genugsam berüchtigt, ist ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen, und sie haben den Anfang ihres heilsamen Wirkens mit einer Reform derselben gemacht. Das Lokal dieser Anstalt, welches mit wahren Pestdampsen umgeben war, wurde mit einem reinen und bequemen vertauscht. An die Stelle der früheren Lehrer, Menschen von gemeinstem Schlag, welche die Zöglinge nur zum Betteln abrichteten , sind ordentliche und sachverständige Lehrer getreten. Die Zöglinge werden außer zu den zweckmäßigen und nützlichen Lehrgegenständen, auch zu einem sittlichen, moralischen und ordentlichen Leben überhaupt angehalten. Zugleich ist auch ein bedeutendes Nebel und wesentlicher Umstand der früheren Unordnung gehoben worden durch die neu getroffene Einrichtung -der täglichen Speisung jener Zöglinge dieser Anstalt, deren unbemittelte Eltern nicht im Stande sind, ihnen die nothwendigsten Nahrungsmittel zu reichen. Sie sahen sich daher sonst gezwungen, ihren Lebensunterhalt zu erbetteln. Konnten nun diese dem Hunger preisgegebenen Kinder für Studium Sinn haben? — Dank der einflußreichen Mitwirkung der durch ihren Edelmuth und ihre Gutherzigkeit hier allgemein beliebten und hochgeschätzten Madame E. Mises ch, die durch ihr wohlthatiges Bestreben das Meiste zu dieser menschenfreundlichen Einrichtung brigetragen hat 2). So herrscht jetzt in dieser Anstalt eine Ordnung, die um so bewundernswerther ist, wenn man zurückblickt, in welchem tiefen Schmutze sie sich vor wenigen Wochen noch befand! — Auch haben unsere neuen Vorsteher ein israelitisches Waisenhaus gegründet, worin vor der Hand zwölf elternlose Kinder -*) ausgenommen wurden, die früher, in Lumpen gehüllt, durch Mangel an Obdach und Kost, einen jämmerlichen und herzzerreißenden Anblick darboten. Doch wie sehen sie, jetzt vier Wochen kaum nach der 1) Sie ist eine der Vorsteherinnen des israelitischen Waisenhauses. 2) Die Zahl solcher armen Kinder, die diese Wohlthat jetzt genießen, belauft sich auf 50, die der Zöglinge dieser Anstalt überhaupt ans 150. 3) Die Kinder dürfen nicht jünger als 8 und nicht älter als 10 Jahre seinsonst sind sie zur Aufnahme rucht geeignet. Aufnahme, aus! Wie sauber, wie schön, wie gesundheitstrotzend! Es sind aus ihnen recht liebe Geschöpfe geworden. Wahrhaftig! man kann sich der Freudenthranen nicht erwehren, wenn man die zwölf Glücklichen betrachtet, die man den Klauen des schrecklichsten Elends entrissen hat. In dieser Anstalt, wo für die kleinsten Bedürfnisse der Kinder auf das Trefflichste gesorgt ist, bleiben sie 3 Jahre 1 2 3 4), in welcher Zeit sie einen zweckmäßigen Unterricht genießen. Nach beendigter Zeit werden sie zu einem Gewerbe bestimmt. Es steht jedoch ihnen frei, sich ein Gewerbe nach Lust zu wählen. Wer wird nicht vom stärksten Dankgefühl gegen die jetzigen Vorsteher durchdrungen, die dieses herrliche Werk wie durch Zauber aus dem Nichts ins Dasein gerufen! Und was laßt sich nicht erst von ihrem humanen Wirken für die Zukunft erwarten! Es ist fast überflüssig zu bemerken, daß die hiesige löbl. Obrigkeit ihren Schutz zu allen diesen Maaßregeln, die zum Heile unserer Gemeinde führen, angedeihen laßt und sie bei jeder Gelegenheit nach Kräften unterstützt. Wer den humanen Geist und den guten Willen unserer Regierung kennt, dem wird das von selbst einleuchtend sein. Aber auch zur Ehre unserer Gemeinde sei es gesagt, daß ein großer Theil derselben, der besserdenkende nemlich, durch den thatigsten Antheil der Förderung dieser guten Werke den größten Vorschub leistet. Jeder trägt begeistert sein Scherflein bei. Freilich ist es auch zu bedauern, daß der andere Theil, die Orthodoxen nämlich, die eine sehr bedeutende Geldmacht bilden, diesen segensreichen Reformationen ihre Unterstützung versagen. Aber trotz ihren ohnmächtigen Anstrengungen, diesen Maßregeln hindernd in den Wege zu treten, gedeihen letztere immer schöner. Ihre Geldsackel können sie verschlossen halten, aber außerhalb dieser Sphäre hört ihre Macht auf und sie sinken in ihr Nichts zurück. Gott sei Dank! der aufgeklärte Theil besitzt Mittel genug, um das einmal Begonnene zur Ausführung zu bringen! — Um dem Waisenhause Dauer und Bestand zu verleihen, bildeten die israelitischen Frauen einen Verein, dessen Mitglieder sowohl Beitrage an Geld als auch an Handarbeiten oder sonstigen Geschenken zweimal des Jahres liefern. Die Veräußerung dieser Handarbeiten und Geschenke wird zweimal des Jahres stattfinden und der Ertrag ist zum Besten dieser Anstalt bestimmt. Edle Frauen! bei dieser Gelegenheit habt Ihr Euecn Wohlthatigkeitssinn bewahrt, fahrt nur fort in Euerm edelmüthigen Eifer. Das süße Bewußtsein, das Glück so vieler Menschen begründet zu haben, ist für Euere zartfühlenden Herzen gewiß der köstlichste Lohn; und diese Glücklichen werden stets zu Euch wie zu rettenden Engeln aufschauen! — 4) Nach, dem Austritte dieser 12 Kinder, werden andere 12 ausgenommen.

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