Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1842)
- Date
- 1842-07-23
- Page
- Seite 236 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2360092-2360201-2360232--2558-3529504- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
236 ein donnerndes: was willst du? entgegen rufen. Ja was willst du, die du selbst zwar nur ein Leichdorn am fortschreitenden Fuß des Judenthums bist, aber doch immer ein Produkt unsrer Zeit; was willst du, die du selbst in deinen vier Pfählen über alle Schranken der Tradition und des Talmuds leicht hinwegspringst, ja sogar aus der Verletzung gewisser unbestreitbar-biblischer Moralgesetze dir keine Scrupel machst; wie kommst du dazu, die du selbst den „vergänglichen Jrrgebilden" des Zeitgeistes huldigst, seine „unadweislicyen Forderungen" zu verdächtigen, und von ihm wie von dem Gottseibeiuns zu sprechen „der die traurigsten Streitigkeiten und Zerwürfnisse herbeiführt," oder wie von einem Demagogen „der die Gemeinden Deutschlands aufregt und sie in schroff gegenüberstehende Religions-Partheien spaltet.*). Just so sprechen die Bauern im Lu>rspiel vom Zeitgeist, den sie im Walde einfangen und pflichtgemäß der hohen Dorsobrigkeit überliefern — der Zeitgeist war aber nur ein gewöhnlicher Hanswurst und wahrlich — „du gleichst dem Geist den du begreifst!" Doch ein solcher Trabanr ist seines Herrn würdig. Man höre nur wie ironisch die altehrwürdige Traditions - Gläubigkeit selbst ist. Sie preist die alten Rabbiner, ihre gehorsamen Cavaliere; gut! sie sagt: „zwar giebt es deren noch jetzt, welche die riesenmäßigen Fortschritte in Wissenschaft und Kunst anerkennend, dennoch das traditionelle Judenthum, worin sie geboren und erzogen wurden, und das sie vertreten, aus allen Kräften zu erhalten suchen" *). Wie man aber einen Fortschritt anerkennen kann, hinter dem man 2000 Jahre zurückgeblieben ist, dem man sich niemals thatig angeschlossm hat, noch jemals anschließen mag, begreifen wir nicht. So erkennt gewiß ein Verbrecher auch die Moral und die Gesetze an! Oder sollen wir es vielleicht der Gläubigkeit zum Verdienst anrechnen, daß sie schon anerkennt, die Erde drehe sich um die Sonne, oder daß sie der Theorie des Dampfes Glauben schenkt, und sich den Eisenbahnen anvertraut, trotzdem die Tradition sie zu beidem durchaus nicht ermäßigt? Sie fährt fort: „aber das moderne Judenthum verwirft ihr Streben, verfolgt ihre Principien, und achtet sie als Finsterlinge, als Beförderer des Stillstandes oder vielmehr des Rückschrittes, als Hintertreibec der Emancipation, als Ungeheuer, die am Mark der Civilisation nagen und jedes politische Emporkommen untergraben." Nun, das moderne Judenthum hat Recht, wenn es dies thut. Denn schon 6 Seiten weiter ist eine Predigt des Herrn Rabbiner Tiktin citirr, die auf die Emancipation den allerunterthanigsten Verzicht leistet, und die sogar dm Midrasch zum Zeugen anführt, daß das höchste Ziel ihrer Wünsche für die Juden sei: — „nicht getreten zu werden." Am Mack der Civilisation nagen in der That diejenigen, welche die Wissenschaft verfolgen, denn die Civilisation ist nur die Form, in der die Wissenschaft im allgemeinen Volksbewußtsein sich darstellt; Beförderer des Stillstandes und Rückschrittes sind die, welche eine tausendjährige Weisheits-Last vor sich her walzen, und so die Höhe der Zeit zu erklimmen sich einbilden; ihr Schick- 1) Siehe „Entgegnung auf den Bericht des Obcrvorsteher-Collegiums^ Seite 3. 2) Siehe: „Darstellung des Sachverhältniffes in seiner hiesigen Rabb.-Angel. von S. A. §Mn, Ober-Rabb. zu Breslau. Seite 4. sal. ist das. des Sisyphus, jeder Schritt aufwärts stoßt sie wieder zehn zurück; Finsterlinge endlich sind die, welche jeden, der ihnen von dieser Weisheit nur ein Jota rauben will, verketzern und verfolgen. Weiter heißt es: „zwar haben wir erst unlängst gesehen, was dieser alte Glaube in Damaskus für erstaunenswerlhe Wunder g'ethan." — Nun, welche Wunder hat ergethan? Der alte Glaube hat geblutet, (Heils aus materieller Ohnmacht, theils aus Martyrerthum; dem Märtyrer seine Glorie! aber ob er sie mehr seinem alten Glauben, als dem Glauben überhaupt, als seinem persönlichen Charakter verdankt, ist noch die Frage. Das Heidenchum hatte auch Märtyrer, der „neue" Glaube wird vielleicht auch die seinigm haben; vorläufig war er es, der in Damaskus gehandelt und gerettet hat, und der auch der sittlichen Verkommenheit dort durch wohllhatige Institute aufzuhelfen sich bestrebte. (Beschl. folgt) G a l i z i e n. Lernibevg, 26. Juni. Die Masse von interessanten Neuigkeiten, die sich in der letzten Zeit in unserer Gemeinde angehäuft haben, verdient auch von unseren Glaubensgenossen in Deutschland aufmerksam betrachtet und nach Verdienst gewürdigt zu werden. Der Fortschrittsgeist regt sich hier kräftig und gewaltig. Jene fähigen Männer unserer Gemeinde, die bisher, scheinbar indifferent für das allgemeine Wohl ihrer Brüder, blos ihren Berufsgeschäften lebten, haben angefangen, mit kräftiger Hand an den alten Mißbräuchen zu rütteln, und mit dem Schlendrian ist es so einmal zu Ende. Nie und zu keiner Zeit hat man in Lemberg daran gedacht, zweckmäßige . Institute zu gründen. Viele sahen wohl die wunden Stellen unserer Gemeinde, aber theils wußten sie nicht, wie den Mängeln abzuhelsen, größtentheils fürchteten sie Neuerungen zu machen, um es nicht mit den Orthodoxen und sogenannten Frommen unserer Stadt, die durch ihren Reichthum einen bedeutenden Einfluß auf die beschrankte Masse üben, zu verderben. So waren fast alle bisherigen Vorsteher, die, besonders in letztverflossener Zeit, liberale und aufgeklärte Männer, wie die Herren Joel Hescheles und S. S. Rappaport in ihren Reihen zahlten, von diesen Orthodoxen, zwischen denen sie lebten, und mit denen sie nicht in offenen Kampf gerathen wollten, abhängig. Nicht so die jetzigen Vorsteher, die glücklicherweise zur rechten Zeit, wo das Hebel drohete überhand zu nehmen, von der hiesigen löbl. Obrigkeit berufen wurden, an die Spitze der Gemeindegeschaste zu treten. Ihrer sind nur fünf an der Zahl, nämlich: die Advokaten Dr. Blumenfeld und Dr. Menkes, der Dr. Med. Barach, und die Hrn. M. D ubs und I. Rosen stein, Männer von Herz und Geist, die eine vielseitige Bildung besitzen. Der Standpunkt dieser Männer ist so zu sagen außerhalb der Gemeinde, d. h. ihr Beruf, besonders der drei Erstem, macht sie unabhängig von der Masse, sie sind daher nicht an Tausenden von Rücksichten gebunden, und ihre Stellung ist imponirend genug, um die notwendigen