Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1842
- Issue
- 28 (9.7.1842)
- Date
- 1842-07-09
- Page
- Spalte 445-446 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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445 Der Geist der talmud. Auslegung der Bibel, von Hirschfeld. Beurcherlt v. Cassel. 44k nachzusetzen, so wird sich ein ähnliches Resultat aus der Betrachtung des 3. Abschnittes in Bezug aus die beiden ersten Abschnitte darstellen. Dieser dritte Abschnitt behandelt nämlich die Exegese des Talmuds (S. 100) d. h. „dm Nachweis des Inhalts der Bibel, wie ihn sich der Talmud dachte in den Worten der Bibel" (S. 23). Es steht dieser Abschnitt daher dem dritten Hauptmoment des exegetischen Aktes, wie er oben zerlegt worden, parallel. Nämlich wenn im ersten Moment der Gegenstand noch in seiner Objektivität noch unbegriffen daliegt, bildet sich im zweiten Moment „durch eine gewisse Unmittelbarkeit" in dem Exegeten eine Meinung darüber, und diese muß nun durch das dritte Moment nachgewiesen werden. Wir haben schon oben bemerkt, daß wir uns den wahrhaft exegetischen Akt durchaus nicht so denken, daß dagegen in der ralmudischen Exegese wohl ein besonderes Moment das Nachweisen des einmal vorgefaßten Inhalts in der Schrift seiaber eben deßwegen die talmudksche Exegese so sehr vom einfachen Wortsinn abweiche. — Um nun diese Bereinigung zu bewerkstelligen, müssen gewisse Versuche gemacht werden, die natürlich durch den Charakter einer jeden Exegese besonders bezeichnet werden; zuvor jedoch sei zu bestimmen, wie man die einzelnen Lheile durch das Ganze sich erklärt dachte, und wiederum, wie man den Inhalt durch die einzelnen Theile angedeutet und ausgesprochen glaubte; also ein Dreifaches: 1) die Ausdrucksweise der Bibel nach talmudischer Ansicht; 2) Die Art des Nachweisens, welche Mittel man anwendete, um den Inhalt zu begründen und nachzuweisen; 3) die Charakteristik im Allgemeinen, im Ganzen. Der Verf. gesteht hierbei selbst (S. 102), daß die ersten beiden Abtheilungen auf Eins hinauskämen, unterscheidet; jedoch die erste als Hermeneutik, die zweite als exegetische j Commentation. Ob hierin wesentlich mehr als eine ver-! schiedene Benennung liege, überlassen wir einmal" dem Urtheil ' des Lesers, dem wir hier die Ausführung der beiden genann- : ten Bestimmungen vorlegen. Ueber das 3. Kap. sprechen wir weiter unten. So giebt uns denn das 1. Kapitel die Ansichten des Talmud über die Ausdrucksweise der Bibel. Da Gott; selbst den Pentateuch dem Moses vyrdiktirt, so braucht die! Sprache desselben nicht immer die der natürlichen, menschj Lichen Ausdrucksweise zu sein» Er kann mit Einem Worte j Wehres bezeichnen; ein Umstand, den die Melden (samkeit der! hebräischen Sprache begünstigte. Er sagt nichts zweimal, kein Wort zu viel, widerspricht sich nicht, alle seine Bestimmungen haben allgemeine Anwendung. Außerdem stand die Art und Weise, wie nach dem Wortsüm der heil.! Schr. das jüdische Leben eingerichtet werden sollte, in man-; nigfachen Widersprüchen oder Differenzen mit dem, wie sich ' das Leben wirklich gestaltet hatte. Alles dies trug dazu bei,; einen Liefern, verborgenen Sinn ahnen zu lassen, und man : glaubte, das Wahre zu erreichen, wenn man eine ungewöhn-; Liche Ausdrucksweise substituirte. Zwar mußte consequent verfahren, die Bibel durchweg in einer solchen idealen Richtung so paraphrastisch interpretirt werden; indeß nicht eben „weil die Gewalt einer natürlichen Auffassung in unüberwachten Stunden" sondern besser „wenn michts an die ideale Ansicht und Richtung der Zeit mahnte, wenn kein besonderes Moment hemmend einer nüchternen Erkenntniß entgegentrat, drängte die Natürlichkeit in einer approximativ absolut e n Selbstständigkeit sich auf und das Recht entschloß sich zu einem Resultat, das objektiv betrachtet, der Wahrheit in abstracto, oder besser, der von unserem Standpunkt aus, wohl näher stand" (S. 106). Indeß mußte man sich an vielen Stellen begnügen, nur anerkannt zu haben, daß die Bibel sich hier ungewöhnlich ausgedrückt, „wenn man gleich das Wie dieser Ausdcucksweift nicht immer begriff, das Was nicht immer verstand" (S. 108). Aber häufig traten diese Fälle, wo man die Auflösung der schwierigen Stelle auf die Zeit des Erlösers verschob, gerade nicht ein, weil der Mittel eben zu viele waren, die man anwenden konnte, um den Text mit sich und mit dem Inhalt zu vereinigen^ Specialisirung des zu allgemeinen Gebotes, Aufsuchung von überflüssigen Wörtern, Buchstaben und Zeichen, Betrachtung, ob die Schrift bei der Wahl eines andern Ausdruckes nicht hätte etwas ersparen können, Hervorhebung eines ungewöhnlichen Ausdruckes, Assonanzen, Buchstabenverwandtschast u. dergl. sind die Mittel, deren Anwendung selten ohne Wirkung blieb 44). Näher in die Art und Weise der Auslegung, der exegetischen Commentation eingehend, hat man vorzüglich das festzuhalten, wie die Absicht des Talmuds nicht sowohl darauf hinauslief „die Bibel, die in ihrem mystischen Dunkel der Auslegung und'Erklärung nicht bedarf, auszulegen und zu erklären, als vielmehr den Inhalt, den man der Bibel zu vindiciren sich geneigt fühlte, dort nachzuweisen" (S. 113). „Der Inhalt, die Gesetze' und Gebräuche, wie sie im Leben herrschend waren, lagen vor und forderten ihre Begründung und Nachweisung in der Bibel" (Ebend.). Man sucht sie zuerst in ihrer natürlichen Erscheinung — immer vom talmudisch m Standpunkt aus — zu erklären topl „die 44) Man sehe, wie hastig der Vers, der Gefahr ausweicht, einen Glauben an Objectivität der Exegese zu verratherr, obgleich er nicht immer sich der Gefahr bewußt wurde, und z. B. kurz vorher (S. 103) in einer „unüberwachten Stunde" sagte: „Die Bibel in ihrer eigentümlichen (eigentlichen?) Beschaffenheit d. h. selbst, wie sie uns erscheint, kann ebenfalls nicht auf eine gewöhnliche Weise verstanden werden." (Wir setzen die ganze Stelle vollends heraus, weil der Vers, hier eine Ansicht über die Bibel ausspricht, die er schwerlich consequent vertheidigen würde.) „Sie enthält in der That, und zumal in den Gesetzesstellen, so viele Undeutlichkeiten, so viele Unwahrscheinlichkeiten und sogar Unbegreiflichkeiten, daß man leicht versucht werden dürfte, ihr einen andern als den gewöhnlichen Wortsinn, einen Liefern, besondern beizulegen. Ihre Ausdrucksweise konnte (könnte) demnach nur als eine ungewöhnliche erscheinen." Welchen unexegetischen Bestrebungen mit diesen Worten Thür und Thor geöffnet ist, ersparen wir uns aufzuführen, da wir ohnehin nicht auf solche vereinzelte Äußerungen näher emgehen wollen.