Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1842
- Issue
- 28 (9.7.1842)
- Date
- 1842-07-09
- Page
- Spalte 443-444 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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448 Die Religion des Geistes, von Dr. Formstecher. Beurtheilt von Dr. Sam. Hirsch. 444 der Welt auf das Iudenthum nur getrübte Erscheinung ist? Soll vielleicht das den Maaßstab abgeben, daß nur die Wahrheiten, worüber alle Zeiten gleich dachten, das Iudenthum der Idee wären, die aber, worüber sie nicht gleich dachten, das .der Erscheinung? So etwa hat Mendelssohn seiner Zeitbildung gemäß philosophirt; aber dieses Philosophien ist selbst nur eine Seiterscheinung gewesen, worüber die Wissenschaft längst hinaus ist. Die Wahrheiten, worüber alle Seiten gleich dachten, sind einerseits auch solche, worüber alle Menschen gleichdachten und sind gar nichts eigenthümlich Jüdisches; andrerseits sind sie solche oberflächliche, abstrakte Wahrheiten, daß kein Mensch Ln ihnen den Ausdruck derIdee irgend einer Religion wird finden wollen. Aber auch abgesehen hiervon, so würden wir vom jüdischen Standpunkte aus gerade das Gegentheil herausbringen, als durch diese Unterscheidung herausgebracht werden soll. Es soll diese Unterscheidung uns befähigen, wie sich der. Vers, ausdrückt, „zum frommen, aber ja nicht leichtfertigen Sichten des Genießbaren von den Kleien zu schreiten." Aber wie! Schlaget doch die Mischna auf und vergleicht damit die jüngste Schrift vor dem Eingreifen Mendelssohn's, ob nicht während dieser ganzen Periode ein Geist herrscht? Ob nicht in der Mischna so gut, wie in dem jüngsten Commentator des Schulchan Aruch es für sehr wichtig im Iudenthum gilt, daß die Ceremonien ja vorschriftsmäßig geübt werden? Der Schluß läge wahrlich mähe, nach der Voraussetzung, daßdas, worüber alle Zeiten übereinstimmen, die Idee des Iudenthums sei, daß die cer emo n Löse Werk Heiligkeit die ewige Idee des Iudenthu ms wäre. Oder findet sich diese ceremoniöse Werkheiligkeit in der vormischnaischen Periode, im Pentateuch, nicht auch? Und war die spanische, Periode über; sie erhaben? Gewiß nicht. Will aber unser Vers, dieses Kri- Lcrion desjenigen, was Idee und was Erscheinung heißen soll, -nicht gelten lassen, so hätte er uns, wornach wir im ganzen Werk vergebens suchten, ein anderes angeben sollen. Das - scheint der Vers, aber vergessen zu haben, wodurch dann diese Unterscheidung, so oft von ihr Gebrauch gemacht werden soll, dem bloßen Belieben, der Willkühr, dem subjektiven Meinen anheimsällt. Allerdings waren die Juden niemals unabhängig von der Atmosphäre, in der sie lebten, so wenig wie dies die Christen je waren. Verfasser hat ganz recht — und leider, daß dieses noch zu sagen nöthig — daß auch ein jüdischer Eisenmenger, falls er ge ist- und gemüthlos genug wäre, ein entdecktes Christen LH um schreiben könnte; aber dieses berechtigt noch gar nicht zu der willkürlichen Unterscheidung von Idee und Erscheinung. ' Eine Idee ist gar nicht vorhanden ohne ihre Erscheinung. Weder die Idee des Iudenthums noch die des Christenthums war je als das vorhanden, was man die reine Idee nennt, —- eine solche Abstraktion ist etwas sich selbst Widersprechendes — sondern immer nur Ln der von ihr gesetzten, daher ihr angemelse'Asn Erscheinung,. nämlich im Cultu s. Der Cultus, wie er von der Idee ganz allein gesetzt ist, hier z. B. der von Moses vorgcschriebene Opfercultus, ist die reine Erscheinung derIdee selbst*). Aber weil die Idee die absolute Wahrheit sein will, so will sie nicht btos im Cultus sich ihre adäquate Erscheinung geben, sondern sie will auch alles Weltliche zu ihrer adäquaten Erscheinung umgestalten; sie will nicht bloß die Wahrheit, sondern alle Wahrheit sein. So tritt sie gegen das von der Idee noch nicht durchdrungene Weltliche auf. Das Weltliche ist nun aber selbst eine Macht und. macht diese im Kampfe mit der Idee geltend. Was herauskommt, ist daher zunächst eine Vermischung der Idee und der Weltlichkeit, d. h. die Unwahrheit. Die Macht der Weltlichkeit muß sich aber der Idee gegenüber als Ohnmacht früher oder später zeigen, denn die Idee ist die alleinige Wahrheit. Und so kommt die Idee, die sich im Cultus längst die ihr ange- ' messene Erscheinung gegeben hatte nun auch dazu, die Weltlichkeit, die sie umgeformt hat, nun auch als die ihr angemessene Erscheinung zu erkennen. Es darf also nicht von vornherein die Unterscheidung , von Idee und Erscheinung gemacht werden, sondern die Ideei ist in ihrer Nothwendigkeit zu erfassen und es 'ist zu l>e- - greiftn, wie sich diese Idee nothwendig eine ihr angemessene j Erscheinung giebt; wie ferner diese Idee nothwendig in CoLlision mit der Weltlichkeit tritt, wodurch sie neben ihrer an-j gemessenen auch nothwendig eine ihr unangemessene Erscheinung bekommt; wie sie aber mit Nothwendigkeit diese unan- \ gemessene Erscheinung überwältigt und so sich die einzig an-; gemessene Erscheinung auch Ln der Weltlichkeit giebt, was? freilich ein anderes Werk, als der Verfasser beabsichtigte, gegeben hätte. Methodik des Talmuds. Der Geist der talmudischen Auslegung der Bibel von Dr. H. S. Hirschfeld. Auch unter dem Titel: WTD flHD nrtnn. Halachische Exegese. Ein Beitrag zur Geschichte der Exegese und zur Methodologie des Talmuds. Verlag von M. Simion. Athenäum in Berlin. 1840. 8. (X und 479 S.) (Fortsetzung.) Sehen wir nach dem Gesagten durch die Unklarheit, die im 3. Kapitel herrscht, uns veranlaßt, dasselbe den beiden ersten desselben Abschnittes an innerem Werrhe bei weitem *) Diese Betrachtung kann hier natürlich nicht weiter geführt werden, obgleich es Lm Interesse der Zeit liegt, sie auszusiihren, besonders des Gebetbuchstreits wegen. Diejenigen, welche alle Hoffnung auf einen wiederherzustellenden Opfercultus aus dem Gebetbuche gestrichen sehen möchten, möchte ich vorläufig auf Bähr's Symbolik des mos. Cultus hingewiesen haben.