Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1842
- Issue
- 28 (9.7.1842)
- Date
- 1842-07-09
- Page
- Spalte 441-442 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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441 Die Religion des Geistes, von De. Formstecher. Beurtheilt v. Dr. Sam. Hirsch. 442 Iudenthum noch Menschheit, noch ein Höheres als beide, sondern eben nur das mechanische Verha'ltniß der Wechselwirkung zwischen beiden ist. l Wir sehen also von vorne herein, mit welchem Geistes- ^kinde wir es hier zu thun haben, nämlich mit einem Eklekti- ^zismus der allerschlechtesten Art. Indem der Verfasser seine ^Aufgabe theils a la Fichte, theils k Ja Heget faßt — er will fja die absolute Nothwendigkeit des Iudenthums beweisen — sinerkt er den Widerspruch nicht einmal, der zwischen beiden Auffassungswcisen liegt und die- Lösung der Aufgabe ist von vorne herein unmöglich gemacht. Einen neuen Beleg der philosophischen Unklarheit, an der das Ganze zu leiden scheint, glauben wir auch in folgender Stelle S.,12 zu finden: ,,Die hier zur Lösung gesetzte Aufgabe, daß das Iudenthum als eine absolut nothwendige Erscheinung in der Menschheit zu betrachten sei, fordert, daß diese Lösung einen doppelten Zweck erziele und zwar zuerst eine Beleuchtung des Iudenthums an und für sich, und dann dessen Verhättniß zur Menschheit. Da der Ausdruck Iudenthum so verschiedenartig gedeutet wird und oft die widersprechendsten Definitionen aufweist, so ist cs nothig, einen Unterschied hervorzuheben zwischen dem Judenthum in der Erscheinung und dem in der Idee und in ersterem relative und absolute Wahrheiten, einheimische und eingewanderte Elemente zu bezeichnen, um Letzteres in seiner Reinheit kennen zu lernen. In der Darstellung des Iudenthums nach seiner Idee, wird ein normgebender Maßstab geliefert, nach welchem das JudenLhum in seiner Erscheinung auf einem jeden Stadium seines Entwickelungsganges beurtheilt werden muß. Es soll der Bekenner des Iudenthums durch diese Untersuchung sich von der Wahrheit überzeugen, daß seine von den Vätern geerbte Religion zwar nicht dem Wesen, aber der Erscheinung nach, einen Entwickelungsgang fordert, daß das JudenLhum der Gegenwart nicht mehr dasselbe Gewand seiner Vorzeit tragt und daß cs das jetzige auch für die Zukunft ändern wird. Diese Ueberzeugung möge ihn zum Unterscheiden zwischen Wesen und Erscheinung, zwischen Schale und Kern führen und ihn veranlassen, zum frommen, aber ja nicht leichtsinnigen Sichten des Genießbaren von den Kleien zu schreiten." Ferner S. 13. „Die Unterscheidung zwischen dem JudenLhum nach seiner Idee und dem nach seiner Erscheinung soll aber auch den, welcher außerhalb seinem Gebiete sich befindet, zur Ueberzeugung führen, daß das Judenthum auf jedem Stadium seines Entwickelungsganges als ein Glied der Menschheit betrachtet sein will, das wegen seiner ununterbrochenen Lheil- - nähme an dem regen Leben des menschheitlichen Organismus diejenigen Bewegungen zeigen muß, welche es im Laufe der Weltgeschichte darstellt. Das JudenLhum mit der Menschheit vor- und rückwärts geschritten u. s. w." Wir haben diese Stelle ganz ausgeschrieben, weil sie wahrscheinlich dem Verfasser viel Lob und viel Dank eintragen wird; denn wenn uns nicht Alles täuscht, so. drückt sie das theologische Bewußtsein vieler jetzigen Stimmführer unter den Rabbmen aus. Und doch scheint uns diese ganze Ansicht vom Judenthum eine schiefe. Messen wir den Verfasser zunächst an seinen eigenen Worten. Das JudenLhum soll einerseits als eine absolut nothwendige Erscheinung in der Menschheit hingestellt werden; andrerseits ist zu unterscheiden zwischen dem Iudenthum der Idee und dem der Erscheinung. j Welches Iudenthum ist nun eine absolut nothwendige Er- 1 scheinung in der Menschheit? Das der Erscheinung doch nicht;! denn dieses ist als ein wechselndes, also nicht nothwendiges! hingestellt; also das Iudenthum der Idee soll eine absolut; nothwendige Erscheinung sein? Hierin liegt schon ein t willkürlicher, sich selbst verwirrender Gedanke. Ist die Idee Erscheinung, so ist sie nicht Idee und umgekehrt, besonders wenn wir den Standpunkt des Vers, fest im Auge behalten, nach welchem das JudenLhum der Idee ja etwas ganz Anderes ist, als das der Erscheinung und nur neben diesem Platz findet. Der Vers, unterscheidet zwischen dem Iudenthum der Idee und dem der Erscheinung und diese Unterscheidung ist dem Ve.f. schon vielfach vorgesprochen und wird ihm vielleicht noch vielfach nachgesprochen werden. Hat er sich auch klargedacht, was Idee und was Erscheinung heißt? Diese Unterscheidung ist in unserer Zeit und auch beim Vers, sehrwichtig; sie wird die offen gelassene Hinterthüre sein, durch welche der Vers, uns bei jeder-Schwierigkeit entschlüpfen wird; sie soll immer und überall einen bequemen - Rückzug offen lassen, wenn die Anforderungen des Iudenthums mit denen des modernen Lebens in Eollision zu gerathen drohen. Was sich dem modernen Leben nicht fügen will, das wird der Erscheinung einer frühern Phase aufgebürdet. Verfasser ist nicht so.unklar, um nicht zuzugeben, daß das moderne Leben selbst wiederum Erscheinung ist, er sagt dies vielmehr ausdrücklich; nichts desto weniger hat die moderne Erscheinung vor den frühern schon deshalb den Vorzug, weil wir eben Kinder unserer und nicht die einer frühern Zeit sind. Das Iudenthum unserer Zeit muß nun auch nach dem Vers, an dem normgebenden Maaßstab des Iudenthums der Idee gemessen werden. Wie ist aber dieses möglich-? Vers, stellt sich die Sache sehr bequem vor. Einerseits scheint ihm das ewige Iudenthum, das Iudenthum der Idee zu. sein; andrerseits das Iudenthum der. Erscheinung. Ganz entspricht nun das Iudenthum der Erscheinung dem der Idee nicht, denn sonst wäre alles Messen überflüssig. Woher nun die Ungleichheit zwischen beiden? Einzig und allein daher,, weit die Idee zu allen Zeiten — Vers, findet folgerichtig auch in den heil. Schriften nur Iudenthum der Erscheinung neben dem der Idee, Zeitvorstellungen neben ewigen Wahrheiten — in Collision, in Wechselwirkung mit der Welt,, mit dem Nichtjudenthum gerathen ist; diese Collision trübte überall die Erscheinung der Idee. Welches ist nun. ab er der Maaßstab dieses no rm ge b enden Maaßstab es? Woher können wir wissen, daß das, was wir für die reine Idee halten, nicht selbst nur eine durch die Wechselwirkung