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Der Orient · 1842-07-09 · 28 (9.7.1842) · p. Spalte 437-438

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Journal
Der Orient
Volume
1842
Issue
28 (9.7.1842)
Date
1842-07-09
Page
Spalte 437-438 (sequence 3)
Language
German
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437 Die Religion des Geistes, von Dr. Formstecher. Beurtheilt v. Dr. Sam. Hirsch. 4L8 ein Jeder weiß schon von selbst, was Religion ist und was nicht; von dem Geistlichen haben sie nichts mehr zu lernen. Aber für die Kinder, d. h. für die Schuljugend soll ein Geistlicher angestellt werden! In der Erziehung der Jugend nämlich zeigt sich bald, daß sie mangelhaft bleiben muß, sobald sie nicht von der Religion ausgehet und zu ihr zurückkehrt; denn die wahre Erziehung ist nur da möglich, wo das ganze Familienleben durch einen Grundton von Religiosität geweiht ist. Das will man aber nicht; da von den Erwachsenen Jeder seine Religion schon fix und fertig hat, so ist es auch nicht möglich, das Familienleben unter dem Bilde der Religiosität erscheinen zu lassen. So soll denn der Geistliche diesem Mangel abhelfen; die paar Stunden Religionsunterricht sollen Alles wieder gut machen, was das Haus verdorben hat und noch verdirbt. Da dieses nicht gehet, so wird der Geistliche bald Allen als überflüssig erscheinen und man behält ihn nur bei und unterstützt ihn nur noch, um sich vor den Gegnern seiner Anstellung keine Blöße zu geben. Dafür soll er sich auch seinen Freunden dankbar erweisen; er soll in All und Jedem ihrem Rath folgen rc. Natürlich, da der Geistliche für die Erwachsenen überflüssig ist, so soll er nun nicht der Rath Gebende, sondern der Rath Empfangende sein. Wir ersparen es uns, dieses traurige Bild unserer Zustände weiter zu verfolgen. Wie soll es aber besser werden? Allerdings es wäre uns mit einem Male geholfen, wenn der Staat sich unseres Cultus annähme, wenn der jüdische Geistliche eben so unabhängig von diesen Formfrommen und von diesen Aufgeklärten da stände, als der christliche Geistliche; wenn die Leitung unseres Cultus sachverständigen und mit dem rechten Willen begabten Männern, statt nur bezahlenden Kaufleuten anvertraut würde. Allein können wir hoffen, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen sich der Staat unseres Cultus annehmen wird? Schwerlich. Es zeugt allerdings von der ewigen Lebenskraft des Iudenthums, daß es auch unter solchen traurigen Umständen noch fortbestehet. Jede andere Kirche Härte gewiß, gleichen Verhältnissen preis gegeben, längst zu eristiren aufgehört. Aber wir können dem unsere Religion nicht kennenden Staat nicht zumuthen, von dieser ewigen Lebenskraft derselben überzeugt zu sein. Aus den Erscheinungen schließt er nothwendig auf das Princip. Das, was wir ihm täglich über uns selbst berichten, die Lieblosigkeit, mit der wir. unsere Synagoge behandeln, die Geringschätzung, mit der wir unseren Geistlichen begegnen, die Scham, die wir noch immer — eine traurige Erbschaft der Voltair'schen Bildung — zeigen, als Juden zu leben, muß den Staat glauben machen, daß das Iudenthum seiner Sterbestunde nahe sei, und das, was sich in sich zerfallen zeigt, was seiner Auflösung immer mehr entgegengehet, kann der Staat niemals unterstützen wollen. Nur wenn wir uns selbst Helsen, kann und wird uns auch der Staat beistehen; nur wenn wir das wahre Iudenthum wieder gewinnen und lieben wollen, wenn statt Herrschsucht nach Innen und Scham nach Außen ein edles Selbstgefühl, das eben so bescheiden nach dem Wahren strebt, als selbstständig in dem Wahren lebt, uns durchdringt, vermag sich auch der Staat unserer anzunehmen. Es dahin wieder zu bringen, die wahre Aufklärung, die Eins ist mit dem wahren Iudenthum, unter uns herrschend zu machen, ist Aufgabe der Wissenschaft. Daher muß auch um des Iudenthums willen ein jeder mit wissenschaftlicher Redlichkeit herbeigeschaffte Baustein zu diesem herrlichen Gottestempel mit Freuden begrüßt werden. Aber darin liegt auch eine dritte, streng mahnende Pflicht für die Kritik. Sie darf nichts für Iudenthum gelten lassen, was nicht wirkliches Iudenthum ist, und sie darf nicht schweigen, wo ein antijüdischer Standpunkt als ein jüdischer ausgegeben wird. Der Haß und das stolze Vornehmthun ist wie sonst im Leben, jetzt in der Wissenschaft herrschend geworden. Alles, was wissenschaftlich unhaltbar ist, wird jetzt dem Iudenthum in die Schuhe geschoben. Marh ei necke schreibt noch 1842: „Es ist nicht der christliche, sondern der altjüdische Standpunkt, der nur eine historische Religion und Theologie hat und ertragen kann, eine Religion der Reminiscenz und Memorie, in der der Geist nicht mehr präsent, sondern nur der vergangene ist. Eben darum und so durch sich selbst schon ist der alte Judaismus zu Grunde gegangen (Daubs Werke Band VI. Vorrede Seite IX.). Wird nun solchem Vornehmthun ein Werk über Iudenthum geboten, das wissenschaftlich unhaltbar ist, so wird es hierin eines Beweises seiner Behauptung sich erfreuen wollen. Bisher nämlich wurde zwar dem Iudenthum in der Wissenschaft Schmach und Schande genug angethan; man sprach von dem abstrak- : ten, ungeistigen Gott der Juden, von dem Fluche des Gesetzes, von der Knechtschaft, die allein aus jüdischem Standpunkte möglich wäre, allein es waren nur christliche Gelehrte, die so sprachen. Die Juden mußten schweigen; denn sie mußten erst die Bedeutung jener Terminologien und Ehrennamen verstehen.lernen, ehe sie selbstständig die richtige Antwort zu geben vermocht hätten. Es stand daher zu befürchten, daß wenn die Juden einmal ihre Lehr- und Schuljahre bei der modernen Weltanschauung zurückgelegt hätten, sie sich diese Classification ihrer Religion unter und neben die heidnischen Religionen nicht gefallen lassen würden. Wird nun diesen wissenschaftlichen Feinden des Iudenthums ein Werk geboten, das den Geist und den Standpunkt des Iudenthums wiedergeben will, das aber an vielen wissenschaftlichen Mängeln leidet, so wird man dieses — so sehr der Verfasser auch vom Gegentheil überzeugt zu sein versichert — nicht der Subjectivität des Verfassers, sondern dem behandelten Stoffe zur Last legen. Man wird hierin den Beweis finden wollen, daß das Iudenthum sich nicht mit den Resultaten der absoluten Wissenschaftlichkeit vereinigen läßt, nicht aber glauben wollen, daß nur ein einzelner Jude ftcfy nicht zu dem reichen Gedankeninhalt des Iudenthums wissenschaftlich hat erheben können. Die Kritik muß also streng sein, will sie dem Iudenthum nichts vergeben; sie muß die wissenschaftlichen Mängel emer- 28*

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