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Der Orient · 1842-07-09 · 28 (9.7.1842) · p. Spalte 435-436

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Journal
Der Orient
Volume
1842
Issue
28 (9.7.1842)
Date
1842-07-09
Page
Spalte 435-436 (sequence 2)
Language
German
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435 Die Religion des Geistes, von Dr. Formstecher. Beurtheilt von Dr. Sam. Hirsch. 436 für Gott gebärdet, obgleich sie keine Insinuation bei der hohen und höchsten Behörde — nach dem Talmud würde sie daher auch unter die Kategorie der nwbo unb d*HD1D fallen — scheut, obgleich ihr auch die geringste Aenderung in den herkömmlichen Gebräuchen und Mißbräuchen ein Entsetzen erregender Gräuel ist, sie nichts desto weniger sich, höchstens mit einem Äugten verdrehenden Seufzer., darin sehr bald zu finden weiß, daß die eigenen Angehörigen, die eigenen Kinder alles speziell Jüdische verlachen. Die andere nennt sich die aufgeklärteaber von ihrer Aufklärung giebt wohl ihr seichtes Räsonnement über alles religiöse Leben, noch mehr aber ihr Eifer zur Unterstützung geistiger Unternehmungen und wissenschaftlicher Werke das beste Jeugniß. Wahrlich es ist weder Frömmigkeit noch Ausl l är un g, w as b e i d e b e w e g t, sondern n u r b a a r e Herrschsucht. Der Rabbiner kann daher auch leicht mit beiden fertig werden, sie leicht beide zu Freunden behalten, wird ihm nur eins leicht, nämlich — ein Schuft zu sein. Ist ihm dieses aber unmöglich, so hat er nothwendig es mit beiden verdorben. Die Juden des vorigen Jahrhunderts und die Rabbiner, die als noch lebende Zeugen jener Zeit in die unsrige versetzt sind, kannten den Zwiespalt gar nicht, der unser heutiges Leben bewegt. Sie hielten zwar sireng auf die Form und die Formen des. Iudenthums, aber * in und mit dieser Form hatten sie ungetrennt das Wesen. Der Gedanke konnte bei ihnen gar nicht erwachen, daß es möglich sei, Gott im Herzen zu leugnen und ihn dennoch mit den Lippen und mit dem Munde zu verehren. Dagegen ist unsere Zeit durch und durch von diesem Zwiespalt durchdrungen. - Ist nun der Rabbiner zu einer Versöhnung desselben gelangt, so muß er es nothwendig mit beiden verderben. Mit den Frommen verdirbt er es; denn er kennt keine bloße Form- J frömmigkeit; er verlangt, daß die Form das Wesen aus-! drücke, daß die Form Zeugniß vom Geiste gebe. Mit den Aufgeklärten verdirbt er es; denn indem er die Abstraktion eines sogenannten reinen Iudenthums in ihrer Hohlheit zum Bewußtsein bringt, indem er zeigt, daß das Wesen jeder bestimmten Religion nur in se i n e r ihm angemessenen Form.da sein könne, daß da, wo das Wesen entweder völlig ohne Form, oder in einer modernen, d. h. in einer andern Form, als es sich selbst historisch und aus eigener Nothwendigkeit gegeben hat, erscheinen soll, das Wesen selbst abhanden gekommen ist, rnuthet er den Aufgeklärten zu, erst sich dadurch als Aufgeklärte zu erweisen, daß sie als Juden leben, und das ist Etwas, was dem Geistlichen nicht verziehen werden kann. Unter den alten Rabbinen war die Aufklärung besser daran und auch die äußerliche Frömmigkeit; jene konnte den Rabbiner sich ereifern lassen über das unjüdische Leben und doch vor wie nach sich über alles Jüdische hinwegsetzen — der Rabbiner war ja nicht aufgeklärt; . diese vermochte Alles bei dem Rabbiner, denn jene wahrhaft frommen Rabbiner ahnten die Möglichkeit nicht, nur zum Schein fromm sein zu können. Letzt verlangt aber der aufgeklärte jübische Rabbi ein jüdisches Leben und das ist für die Aufgeklärten zu arg. Und er verlangtemgesinnungsv'olles jüdisches Leben und das ärgert die gesinnungslosen Frommen. Ist er aber ein Schuft, so wird er Beide bald zu Freunden haben; denn er lebt Beiden zu Gefallen. Er hat nur zu thun wie dieFrommen, und zu reden wie die Aufgeklärten, und Beide.sind mit ihm zufrieden. Die Frommen begnügen sich gern mit seinem bloßen Thun; denn' ihre Frömmigkeit ist ja auch nur bloßes Thun ohne Geist und Gesinnung. Die Aufgeklärten sind mit seinem bloßen Reden zufrieden; denn sein Thun genirt ja nur ihn und nicht sie. Wäre er nicht Rabbi, d. h. wäre er nicht bezahlt, so würde er handeln wie sie. Dieses ist der Zustand unserer Gemeinden; denn die Zahl der wahrhaft gesinnungsvollen Juden ist klein, und aus diesem Zustande sind alle Erscheinungen erklärlich. Viele unserer Gemeinden sind ganz ohne Geistlichen und fühlen sich dabei gar nicht unbehaglich; denn ein Geistlicher wird wahrlich überflüssig, sobald bloß äußerliches Thun Religiosität heißen soll, oder seichtes Räsonnement mit ungenirtem Thun Aufklärung. Und da, wo man eines Geistlichen benöthigt zu sein glaubt, so ist das nicht für sich, um von ihm belehrt und in einer Wohnung Gottes im Geiste erbaut zu werden, sondern wie dieses Ernst in seinem schönen Gedicht „die D r e i u n e i n i g k e it " treffend sagt: Stimme der Orthodoxen (S. 22.). „Doch fürwahr, nicht unsertwegen „Treten heut' wir euch entgegen „Mit des Eifers Flammenschwert — „Aber soll die Jugend eben „So wie wir im Kampfe leben „Opfer fader Schwärmerei?" — Stimme der Ind ifferenten (S. 37.) „Glaubet ja nicht, unsertwegen „Ist's uns wichtig, angelegen; „Daß uns drob ein Laut entfährt! „Wir — wir haben bald geendet, „Haben uns den Pfad gewendet, „Der uns heilsam sich bewährt." „Aber um die armen Kinder, „Denen so wie uns nicht minder, „Steht der große Kampf bevor, „Muß zur Zeit ein Wort gesprochen „Werden, und die Bahn gebrochen, „Zu des Heiles offnem Thor! Stimme der Aufgeklärten (S. 59.) „Aber nicht um uns, die Alten „Iffs zu thun uns, die wir Falten „Tragen schon und Iahreslast; „Wir, wir haben's überkommen „Und den Lebensstrom durchschwommen „Kehren heim bald — heim zur Rast. „Aber ach die arme Jugend u. s. w." Die Erwachsenen alle sammt und sonders, sie seien die Formfrommen, oder die Aufgeklärten, brauchen keinen Geistlichen für sich; ein Jeder von ihnen ist gottrsgelahrt,

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