Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1842)
- Date
- 1842-07-09
- Page
- Seite 223 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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223 Wohl gemerkt!' Es handelt sich nicht um die Emancipation der Juden, nicht um ihre Zulassung zum Staatsdienst: nur um eine „Emaneipationsreform," wie sich der Herr Verfasser ausdrückt, um eine Milderung des materiellen und moralischen Druckes, der auf acht Lausend böhmischen Familien jüdischen Glaubens lastet, nur um eine Erleichterung der gewöhnlichsten Lebensbedingungcn; um das Recht, zu heirathen und sein Vermögen mit Sicherheit zu vererben; um die Vergünstigung, sein Hab und Gut nicht verheimlichen und zu diesem Zweck einen jährlichen Meineid schwören und ewig vor dem Denuncianten zittern zu müssen. Ich brauchte nur anzuführen, daß die Aufhebung der Iudensteuer von der östreichischen -Regierung so gut wie beschlossen ist; und man sollte denken, wenn das vorsichtige, langsame Oestreich eine alte Gefängnißmauer einreißt, so muß es die höchste Zeit gewesen sein. Aber nein, dem Schulknaben ist die Großmutter zu leichtsinnig; und er schüttelt sehr bedenklich den Kopf zu ihren Sprüngen. Cordelius muß gegen die unbedingte Aufhebung her Iudensteuer sprechen und zwar „vom Standpunkt des Christenthums und der allgemeinen Steuerverhältniffe Oestreichs." Diesen Standpunkt verficht er mit einem Feuereifer und einem Scharfsinn, der sowohl für das Christenthum, wie für den gesunden Menschenverstand ganz neue Principien aufstellt. Er suhlt keinen Religionskeinen Nationalhaß, Gott bewahre, aber vom Standpunkt des Christenrhums aus hält er die Juden in Böhmen für aufgedrungene Fremdlinge, so daß Jude und Ei ngeborner (!) bei ihm ein gerader Gegensatz ist. Indessen hat Cordelius in einer Art Recht/ wenn er die böhmischen Juden aufgezwungene Fremdlinge nennt; denn eigentlich sollten sie unter Maria Theresia, die bekanntlich sehr fromm war, aus dem Lande gejagt werden. Da zahlten sie jährlich 25 Proc. ihres Vermögens und durften bleiben, folglich hatten sie sich gewissermaßen selost aufgezwungen. Da die Erhebung dieses Leibzolles mit unsäglichen Quälereien und Schrecknissen, plötzlichen Haussuchungen und erzwungenen Eiden zur Ermittelung des Vermögensstandes verbunden war, so trat im Jahre 1808 eine Gesellschaft zusammen, die der Negierung jährlich 220,000 Fl. C.-M. zahlt und dafür die Steuer selbst eintreibt. Dies wäre also die historische Ehrwürdigkeit, die rechtliche Begründung der Iudensteuer. Aber Cordelius hat ausgerechnrt, daß 220,000 Fl. auf 8000 Familien nicht mehr als Ti\ Fl. auf eine machen und ruft: Welch ein Lärm um nichts! Allerdings, wenn sich die Last so hübsch gleichmäßig vertheilen ließe. Ja, sie scheint noch kleiner, wenn man sie auf die 70,000 (?) Juden,die Böhmen ungefähr zählt, vertheilt und annimmt, daß jeder Säugling, jedes Bettelweib, jeder Lastträger seine lumpigen 3y Fl. jährlich außer den andern-Steuern zahlen kann. Da dies nicht der Fall ist, da es vielmehr als Gegensatz zu den wenigen Diminutivrothschilds eine große arme Mittelklasse und eine noch größere, elende, niedere Klasse unter den böhmischen Juden giebt, so muß wohl jene Gesellschaft 25 Procent vom Vermögen jedes Einzelnen einzutreiben suchen. Doch wir wollen uns in keinen finanziellen Streit verlieren; lassen wir Herrn Cordelius die 220,000 Fl. jährlich, vielleicht kann sie der Staat nicht entbehren. Wir haben es hier mit seinen Gründen für die Iudensteuer zu thun, mit dem „Standpunkt des iChristenthums" überhaupt, von welchem er die Lage seiner jüdischen Landsleute betrachtet. Und hier, um es nur zu gestehen, entfällt uns der Muth. Denn es gilt ton unnützen Kampf mit einer instinctartigen Leidenschaft, die keine Vernunft annimmt, mit dem lächerlichsten Judenhaß, der uns noch vorgekommen ist. Woher könnte man sich sonst die Hartnäckigkeit erklären, mit welcher der Verfasser tausendmal widerlegte Anklagen und sinnlose Beleidigungen in Einem fort von Neuem herstottert? Man weiß nicht, ist das Beschränktheit, Bosheit oder Satyre, sind diese Raisonements aus dem Kalmückischen übersetzt, oder eine Uebeclieferung des vorvorigen Jahrhunderts? Soll man auflachcn oder verstummen? Und dabei ist der Unsinn auch materiell so groß, jede Zeile bringt eine neue Überraschung; es ist ein ganzes Naturalienkabinet von logischen Monstrositäten. Die deutsche Presse hat seit vielen Jahren dergleichen nicht ans Licht gefördert. Zum Beweise, daß wir nicht übertreiben, möchten wir gern, wenn es nicht an Raum fehlte, das ganze Meisterstück hierhersetzen, ohne Commentar, ohne Erwiederung; denn der Verstand-und die Erfahrung eines Schulkindes reichen hin, solche Verkehrtheiten zu durchschauen. Wir beschränken uns aus einige Proben, obgleich die Wahl uns schwer fällt. Zuerst weist der Verfasser eine Vergleichung der jüdischen Zustände in Böhmen mit denen in Preußen zurück: denn in Preußen hätten sich die Juden dem Staatsverband genähert, indem sie Bürger geworden seien, in Böhmen also dürften die Juden keine Bürger werden, weil sie (um) sich dem Staatsverbänd nicht (zu) nähern. Ja, er beruft sich auf des Königsvon Peeußen noch zweifelhafte Entschließung, die Juden vom Müitairdienst zu entfernen, als einen Beweis, „daß man auch in Preußen an der Meinung festhalte, der Jude müsse sich seine Freiheit zu verdienen suchen. " O Cordelius, gerechter Richter! Der Militairdienst ist keine Freiheit, aber-eine ehrenvolle Pflicht. Haben die jüdischen Soldaten, die bei Lützen und Waterloo gefallen sind, diese Freiheit sich vielleicht schon verdient? — „Was hat das Judenthüm:füt* Böhmen gethan?" fragt der Verfasser. Nichts als Handel und Wandel zur Blüthe gebracht, antwortet er sich selbst, Geld zu Staatsanleihen gegeben und Fabriken gebaut. Aber den Fabrikherrn fessele an den christlichen Arbeiter nur sein Vortheil und umgekehrt, folglich seien Beide, Herr und Arbeiter, einander fremd, folglich der Jude ein Fremder im Lande!!! — Der Jude aber LhuL, glauben wir, genug für Böhmen, wenn er dieselben Lasten und noch etwas mehr trägt, als jeder andere Unterthan, wenn er 14 Jahre gemeiner Soldat ist und außerdem Herrn Cordelius in keinem herrschaftlichen, Stadt- oder . Staatsdienst in den Weg tritt. Uebrigens malt hier der Verfasser den jüdischen Handel in Böhmen zu. einer Art von polnischer Wirtschaft! aus.- Diese Darstellung ist falsch. Man