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Der Orient · 1842-07-09 · Heft 28 (9.7.1842) · p. Seite 221

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Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 28 (9.7.1842)
Date
1842-07-09
Page
Seite 221 (sequence 9)
Language
German
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221 führung aber nichts beizutragen vermag, wenn es nun' einem solchen Schwindelgeiste einfällt uns zuzurufen, daß sich die von ihm angekündigte, weitverfchrieene Reform noch immer nicht im ganzen Cechenlande vorfinde, so wollen wir ihm in schlichter Einfachheit erst sagen, daß eine Reform des Judenthums eben so undenklich als unausführbar sei, denn Reform heißt Veränderung, Umgestaltung. Wer will nun aufstehen und die tausendjährigen, einfachen, wahren und heiligen Satzungen der mosaischen Lehre umgestalten oder verändern? — Purifizirung des Cultus, Hinführung desselben zu einer edlen schönen Einfachheit, dies wäre vielleicht ein besserer Ausdcuck, ein Ausdruck, der wahrscheinlich bei den noch jetzt in einem orthodoxen Dünkel lebenden Israeliten schon gleich im Vorhinein nicht so viele Gegner gefunden hätte. Wie rüstig schritten nicht in dieser Beziehung die Israeliten Böhmens sowohl in der Hauptstadt als in den vielen Kreisen des Landes vorwärts, und wie schmerzlich ist es nun zu bemerken, daß in dem königgratzer Kreise zu dieser Vorwartsschreitung so wenig, ich möchte sagen, so gar nichts geschehen. Acht mehr oder minder große Gemeinden befinden sich in diesem vechaltnißmäßig sehr bevölkerten Kreise Böhmens, und außer diesen Gemeinden leben noch viele israelitische Familien in Städten und Dörfern einzeln wohnend. Zum Lobe der letztem muß erwähnt werden, daß unter ihnen mehr und mehr die Verbesserung des Cultus vorschreitet, was aber haben die Gemeinden Daudleb, Dobruschka, Großbock, Nachod, Reichenau, Rokitnitz, Senftenberg und Skalka gethan zur Verbesserung des Cultus in ihren Synagogen. Nichts und abermals Nichts! Heißt dies ein Fortschreiten mit dem Aeitgeiste, wenn in der Synagoge nach Art der Neuern eine Tafel die beginnende Versammlungszeit zum Gebete angiebt, dabei aber noch immer das verpönte Schulklopfem stattfindet? — Heißt dies auch ein Fortfchreiten mit dem Aeitgeiste, wenn in einer Synagoge aller Singsang abgcfc^a^ , damit der Gottesdienst früher beendigt fei, um an dem geheiligten Tage der Ruhe desto eher seiner Alltagsbefchäftigung oder gar sinniichen Vergnügungen nachzukommen? — Heißt dies auch ein Fonschreiten mit dem Zeitgeiste, wenn von einer Gemeinde vier Individuen genährt und besoldet werden, vier Individuen, welche die ganze Woche unbeschäftigt sind, und welche keine andere Ausgabe zu lösen haben als am Sabbate bei der rwnp eine Polonaise zu singen oder das nrm mir einem Proch'- schen Liede zu begleiten? — Und wenn eine Gemeinde in schlichter Einfachheit fortlcbend nicht das geringste Streben nach zeitgemäßer innerer Synagogcneinrichtung kund gibt; und wenn eine andere Gemeinde ein Gesetz ergehen läßt, welches ledigen Männern an Sabbat- und Festtagen nicht gestattet eine rnirfr rfrlJM und wenn wieder eine andere Gemeinde es nicht gestatten will, daß in ihrer Synagoge ein zufällig anwesender Rabbinats- Candidat eine deutsche Predigt halte, heißt dies auch mit dem Zeitgeiste fortfchreiten? — Und nun die Mangel, in welche sich alle Gemeinden theilen. Die Auction der rnÄO, das allgemeine Mitschreien bei das Mitführen kleiner den Gottesdienst nur störenden Kinder, oder gar das Einführen kleiner Mädchen in die Männerfynagoge. Wahrhaftig! sie würden durch die Ausmerzung dieser Uebelstande sich und vielleicht auch dadurch der Welt mehr nützen, als durch das dünkelhafte eigensinnige Verharren bei hergebrachten alten, unzweckmäßigen, der Bildung der jetzigen Generation nicht mehrentsprechenden Formeln. Ein zweites, fast noch mehr unheilbringendes Hebet ist in diesen Gemeinden der beinahe überall vernachläßigte Elemcntar-Unterricht der Jugend; denn daß sich in einer Gemeinde zufällig ein Gymnasium befindet, und dort die Jugend zweckmäßiger unterrichtet wird, dazu hat doch die Gemeinde nichts beigetragen. Man darf also ungefcheut sagen, daß der fehlende zweckmäßige Unterricht sowohl in den Elaubensprincipien des Mosaismus als auch in den Grundlehren des menschlichen Wissens überhaupt allen Gemeinden zur Schande gereicht. Wohl dürste eS eine oder die andere Gemeinde geben, der es wirklich an Mitteln zur Erhaltung einer Elementarschule gebricht, doch läßt sich dies nicht auf alle anwenden. Die meisten waren wohlhabend genug, zur Gründung und Erhaltung einer Elementarwenigstens einer Religionsfchule. Sie beweisen es ja dadurch, daß sie sich selbst, und noch dazu ziemlich hoch besteuern, um Localrabbiner, Vorsänger'und Mitsinger, Schlächter, Synagogendiener U7 dergl. anständig zu erhalten; aber die Aristokratie der Reichen, und das wirkliche Elend der Armen konnte bis jetzt noch keine Schulen entstehen lassen. Es ist wohl wahr, daß der Privatunterricht im Hause wenigen Kindern ertheitt vortheilbringender für diese Kinder ist, als wenn sie den allgemeinen Unterricht genößen; doch daß eben diese Leute, die ihre Kinder durch einen Privatlehrer unterrichten lassen, zur Erhaltung einer Gemeindeschule nichts beitragen, ja daß sie sogar den minder bemittelten Gemeindemitgliedern, die über ihre Kräfte hinaus sich anstrengen, um eine Schule für ihre Kinder zu errichten, daß eben diese Reichen, die zur Errichtung einer solchen Schule gar nichts beizutragen haben, dieser Gründung noch Hindernisse in den Weg legen, und daß einige orthodox Gesinnte jetzt wo unsere Jugend in einem schwankenden Zeitalter lebt, daß diese eine dem Aeitgeiste entsprechende Religionsschule von allen Seiten anzufeinden suchen, ist ein Uebel, das wie ein krebsiges Geschwür erst die innere Kraft des Judenthums in ihren Gemeinden verzehren muß, ehe es zum Aufbruche kommt, und welches das Unglück mit allen Krebsgeschwüren theilt, daß es aufgebrochen auch unheilbar ist. Und wie, die Gemeinden allein sollten alle Schuld tragen? — Nein! ein großer The!! dieser Schuld muß

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