Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1842)
- Date
- 1842-07-09
- Page
- Seite 219 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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219 auch in wissenschaftlicher Beziehung Geiger weit überstrahlen) hoch und heilig gehalten worden, ein solches System bedarf einem Dr. Geiger gegenüber keine Vertheidigung, kann von einem Dr. Geiger eben so wenig erschüttert werden, als eine Felsenmauer von dem Stoße eines ohnmächtigen Knaben. Zudem enthalten ja die Geigerschen Satze bei Lichte besehen nichts Neues, sind sie doch eigentlich nichts anders, als die Wiederkauung langst aufgetischter karaitischer Gerichte, mit einer der jetzigen Zeit zusagenden Mode-Wissenschastlichkeits-Brühe übergossen. Diese karaitischen Ansichten aber sind schon in den Jahren der Vergangenheit häufig und zur Genüge widerlegt worden, und es hat schon die Geschichte die Erbärmlichkeit derselben, durch die Winzigkeit und das kümmerliche Bestehen der Anhänger des K.naismus, auf das Schlagendste dargethan. Schön sagen die Talmudisten „Wahrheit bestehet, Lüge bestehet nicht". Unsere Absicht geht nur dahin, zuvörderst die Geigerschen Sätze durch eine offen ausgesprochene Mißbilligung von uns zurückzuweisen, um einer Vorschrift unserer Weisen, rein vor Gott und Israel dazustehen, zu genügen, da es leicht das Ansehen gewinnen könnte, als sei das Stillschweigen aller Rabbiner Schlesiens Zugeständniß, oder rühre von Feigheit oder Jndiffecentismus her. Nächstem erlauben wir uns in aller Bescheidenheit die ehcenwerthen Repräsentanten der Breslauer Gemeinde auf die Jnconsequenzen, welche in Folge der destructiven Bestrebungen Geigers besagter Gemeinde zur Last fallen, aufmerksam zu machen; denn bei Partheiungen, wo die Gemüthec befangen und erbittert sind, wird oft die einfachste Wahrheit von den hellsten Blicken nicht gesehen. Breslau, jener Wohnsitz altjüdischer Frömmigkeit, fortwährender Wohnsitz jüdischer Großherzigkeit und Milde, Breslau ist ja noch heur zu Tage keine Gemeinde von Karaiten. Selbst diejenigen, die sich über das jüdische Ceremoniell hinweggesetzt, machen keinen Unterschied zwischen mündlichen und. schriftlichen Geboten, und wenn diese irgend ein Ceremonial-Gesetz ausüben, so geschieht es nach talmudisch traditioneller Vorschrift. Ist dies aber wahr, so ist es auch unbezweifelt, daß die Breslauer Gemeinde nur einen Seelsorger in ihrem Sinne verlangen konnte, einen Seelsorger, der ihre religiösen Ansichten theilt. Ist dies aber Geiger, nachdem er. (wie oben gezeigt worden) den Kreis des talmudisch-traditionellen Judenthums verlassen, um sich entschieden dem Karaismus anzunähern? Entspricht er. den Bedingungen, welche die jüdische Religionsgenossenschaft Breslau's nothwend.ig an ihn stellen mußte, und ist er demnach befähigt, ihr Seelsorger zu sein? Oder wäre es etwa consequent, wenn eine katholische Gemeinde einen Geistlichen anderer Conftssion zu ihrem Seelsorger wählen wollte? — Breslau hat ferner einen Rabbiner, einen Dajan gewünscht. Die amtlichen Funktionen eines Dajan sind ausdrücklich als vorherrschend bezeichnet worden, die des Predigers als untergeordnet (Siehe Z. d. Jud.). Nun gehört zu den amtlichen Funktionen eines Dajan unbestreitbar die Entscheidung über casuistische Fragen im Judenthum (nnm no'N rus'lin); wie soll aber ein Mann wie Geiger über solche Fragen entscheiden, der die Autorität talmudischec Ueberlieferungen in Abrede stellend, die ganze Theorie dieser Entscheidungen über den Haufen wirft. Wie soll er z. B. über ■niü'W, r&m, und hundert andere Dinge jüdischer Casuistik entscheiden, von denen im natürlichen Schriftsinn sich kaum eine leise Spur aufsinden läßt? Gesetzt auch, er könnte und wollte bei solchen Entscheidungen wider seine Ueberzeugung, sich streng an das Herkommen halten, wer birgt dafür dem, der sich bei ihm Raths erholen will, und dem seine Frage ein heiliger Skrupel.ist, und wie kann elfterem zugemuthet werden, sein religiöses Gewissen bei der Entscheidung desjenigen Mannes zu beruhigen, der solchen Skrupel für unwichtig ja für albern hält! — Kann aber Herr- Geiger den Anforderungen eines Dajan nicht entsprechen, ist es da billig, daß er ein solches Amt bekleidet, ist es bieder, daß er es übernommen, ist es recht, daß er sich Rabbiner nennt? er nenne sich immerhin Doctor, Gelehrter, Prediger, wer kann etwas dagegen haben, aber wie so Rabbiner? — — Breslau hat auch einen Mann von umfassender talmudisch er Gelehrsamkeit gesucht, sollte denn dies keine andere Absicht gehabt haben, als daß ein solcher es besser im Stande sei, den Talmud anzufeinden und zu erniedrigen?-Jedoch die hauptsächlichste Triebfeder zu unserm gegenwärtigen Schritte, können wir Einem Wohllöbl. Obervorsteher-Collegium betheuern, ist keine andre, als die Besorgniß um die Erhaltung des Friedens und der Eintracht der jüdischen Gemeinden, jenes Friedens, jener Eintracht, welche von jeher Israel mit Liebesbanden umschlungen, und durch alle Stürme erhalten haben. Denn fürwahr ein Streben wie das des Dr. Geiger muß nothwendig Sectirerei und verderbliche Spaltungen in den Gemeinden Hervorrufen; den deutlichsten Beweis liefert leider Breslau selbst. Früher ein Asyl der friedlichsten einträchtigsten Lebensweise ist es, seit dem Erscheinen und Wirken Geigers, zum Tummelplatz erbitterter Kämpfe, wilder Leidenschaften geworden, und der Pesthauch der Geigerschen Meinungen wird endlich aus der Hauptstadt in die Provinz dringen, wird auch diese, anstecken und in zwei, erbitterte Parteien spalten. Oder könnte man glauben, daß die Altgläubigen (wie man sie zu nennen beliebt) da eher die Verletzung der heiligsten Interessen mit gleichgiltigen Augen ansehm werden? Unsre Vorfahren haben Schmach und Elend willig erduldet, ja, haben oft ihr Blut in Strömen vergossen, um dieser Religion willen, und ihren Nachkommen allen sollte sie gleichgiltiggeworden, sollte sie nichts mehr sein? Fern sei dieser Gedanke! Wir als die geistlichen Vertreter unserer Gemeinden erklären 28 *