Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1842)
- Date
- 1842-07-09
- Page
- Seite 218 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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218 nigen, ein Mann, der schon früher in seinen Schriften, so zu sagen das Aerschmetterungssystem talmudisch-rabbinischer Institutionen sich zur höchsten Lebensaufgabe gestellt; so konnte der Unbefangene, im Vertrauen zur Gewissenhaftigkeit des damaligen Vorstandes bei so heiligen Interessen, nur annehmen, derselbe habe sich von der sichern Ueberzeugung leiten lassen, daß der Neugewählte, seine frühern religiösen Gesinnungen als Jrrthum und jugendliche Uebereilung erkennend, von denselben nun zurückgekommen sei, wie dies auch wirklich verlautete und Geigers praktisches Leben bei seiner ersten Anwesenheit in Breslau zu bestätigen schien. Um so unerwarteter, und daher tief die innerste Seele verwundend, hat das Erscheinen des ersten Heftes vom 5. Bande der Geigerschen wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie uns neulich berührt. Hier wagt es Geiger, die mehr als anderthalb Jahrtausende von der gesummten Judenheit als Wahrer der göttlichen Tradition, heilig gehaltenen Lehrer der Mischna und Gemara und mit ihnen diese Tradition selbst rücksichts- und schonungslos anzufallen und zu beschimpfen. Tradition überhaupt will er gar nicht kennen, ignorirt, oder deutlicher, leugnet er ganz. Traditionelle Erklärung und Vervollständigung der Tora, traditionelles Gebot, ist ihm eitel Erdichtung und Menschenfatzung, er bezeichnet sie (nach Anleitung der sich jetzt breitmachenden Wissenschaftlichkeit, diefür Alles schwankende Ausdrücke hat) als Ausgeburten der religiösen Anschauungsweise damaliger Zeit (stehe Z. f. jüd. Theol. S. 57. 58. 59.), die Traditionskette der Lebensregeln als gebrochen, tio, eine von jenen eigenthümlichen logischen Regeln des Talmuds (der sogenannten NNO a'), deren Autorität sich nach der Lehre des bestehenden Judenthums auf Tradition gründet (Siehe Maim. Einleitung zu Mischna Seder Seraim, Anfang; Albo Jkkarim Abschn. 3. Cap. 23) behauptet er ausdrücklich, sei ein gefährliches Verfahren, das erst den spätem Zeiten der Mischna- Lehrer sein Entstehen verdanke (S. Z. f. jüd. Theol. Seite 66. 67), und damit hat er natürlich sammtlichen NNO b den Todesstoß gegeben, wie auch späterhin Seite 73 des NOTIM bp und Erwähnung geschieht. Ueber alles empörend aber ist es, wie Geiger die ehrwürdigen, weisen Lehrer grauer Vorzeit beschimpft und der gröbsten Unwissenheit beschuldigt, indem er mit an Wahnwitz grenzender Keckheit als unbezweifelt annimmt, die bei den Talmudisten übliche Deutungsweise der Bibel „ntcm" zur Begründung religiöser Vorschriften, sei ihnen nicht ein un eigentlicher Sinn der Schrift ein Erinnerungs-Beleg und dergleichen gewesen (siehe Maimon. Einleitung zu Mischna Seraim; Kusari, Abschn. HI. §. 73. Mendelsohns Einleitung zu nbnp u. a. m.), sondern ihr höchst getrübter exegetischer Sinn habe diese Weise, als für die einzig richtige Exegese gehalten, neben welcherkeine andere hergehe, und zwar, weil in ihrer Beschränktheit das exegetisch? Gewissen von einem liefen Schlummer befangen, das Bestehen eines natürlichen Schriftsinnes, entweder durchaus gar nicht, oder doch nur sehr dunkel geahnt (siehe Z. für jüd. Theol. Seite 67. 68. 71. 77. 80 und 81) wurde. O, über die hellsehende Wissenschaftlichkeit der Jetztzeit! Männer, denen natürlichen Verstand und Scharfsinn in hohem Grade Niemand absprechen kann, denen Bibelstudium bekanntlich, so zu sagen, recht eigentlich Lebenslust gewesen, , und die der Bibel und ihrer Sprache an zwei Jahrtausende naher gestanden als wir, sollen das nicht einmal geahnt haben, was heut zu Tage jeder Schuljunge weiß? — In Wahrheit, Dr. Geiger vermeint, in seinem Aufsatze die Getrübtheit des exegetischen Sinnes der Talmudisten auf das Ueberzeugendste dargethan zu haben, uns aber scheint eher aus demselben bis zur Evidenz klar hervorzugehen, daß dessen Abfasser einen durch und durch getrübten religiösen Sinn habe, und daß in seinem Innern kaum eine dunkle Ahnung irgend einer Ehrfurcht und heilige Scheu vor dem überkommenen Glauben der Väter sich regen könne. Traurig ist es, daß ein Mann, ausgestattet mit Gelehrsamkeit, der zum Bau des Hauses Israel beitragen könnte, nur niederreißen will bis auf den Grund. Traurig ist es, aber wahr, und darum wollen wir es unumwunden aussprechen, daß solch ein Mann aus dem Kreise des Judenthums hinaus, und zu dem Kreise der nyn% und D\snp hinübergetreten ist; denn wer wie der Dajan Breslau's die jüdischen Gesetziehrer keck beschimpft, versündigt sich überaus schwer (siehe Maim. Hilch. Teschuba, Abschn. Hl. §. 14), wer gar wie er, die göttliche Tradition der talmudischen Gesetzlehren leugnet, heißt nach der Lehre des gegenwärtig bestehenden Judenthums ein Tora-Leugner, und hat sich demnach diesem Judenthume entfremdet (Maim. ebend. §. 8. HD biow rnm ntht “ddh. Siehe besonders ppO iWB, der zur Begründung anführt pirüD 99, 1). 'dt h rw rnuo, it spO m pnpO y)n 'dt TOtt. Siehe noch Maim. Erkl. zur Mischna nrn/Wi Traktat Sanhedrin in ppJfun p2.) Wenn wir uns jedoch bewogen fühlen, diese Wahrheit Einem Wohllöbl. Obecvorsteher- Collegium ans Herz zu legen, so ist unsre Absicht keinesweges, die Erniedrigung der Talmudisten, durch die Erniedrigung ihres Beschimpfers zu rächen oder etwa auf eine Widerlegung oder Polemik gegen die Satze des Dr. Geiger einzugehen, denn abgesehen davon, daß jene Talmudisten eine solche Polemik mißbilligen. (pinto, 381)) und auch diese überall eher, als hier, am rechten Orte wäre, so ist sie auch überdies unseres Dafürhaltens, ganz und gar überflüssig. Ein Glaubenssystem, das auf die wunderbarste Weise, beinahe durch 2000 Jahre hindurch, den stärksten Ungewittern trotz geboten, daß von tausend und tausend Gelehrten, worunter sehr viele noch jetzt unbestritten als Sterne erster Größe am Himmel jüdischer Gelehrsamkeit leuchten (und daher sicherlich