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Der Orient · 1842-07-02 · 27 (2.7.1842) · p. Spalte 419-420

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Journal
Der Orient
Volume
1842
Issue
27 (2.7.1842)
Date
1842-07-02
Page
Spalte 419-420 (sequence 2)
Language
German
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419 Der Geist der talmud. Auslegung der Bibel, von Hirschfeld. Beurtheilt v. Cassel. 429 offenbart in seiner größtmöglichsten Vollkommenheit nav ivzQystav. Und dieß letzte ist das Gefühlsleben. „Der erste Mensch hatte daher, wie gesagt, Gebräuche" (d. b. sein Gefühlsleben äußerte sich auf unbeschränkte Weise) „und bic nachfolgenden Geschlechter schufen bei neu eintretenden Momenten sich nach diesem unmittelbaren Drang neue. Cie mögen sich, nach den Verhältnissen der Zeit, zufolge ihrer individuellen Vollkommenheit, in Beziehung auf das Gefühlsleben am bestimmtesten ausgeprägt und zu einem Ganzen vollendet haben. Sollten wir nicht den einfachen biblischen Erzählungen der ersten Bücher" (d.-h. Kapitel) „der Genesis folgen? Die ersten Menschenkinder opferten schon dem Gotte ihrer Seele, und des ersten Menschen Lhaten und Handlungen waren alle nicht nach einer innern Zweckmäßigkeit, sondern nach einem religiösen Gefühl bestimmt. So weit erstreckte sich in keinem Gebrauchssysteme' der Einfluß des religiösen Gemüthes. Nicht einmal alle Früchte der Erde durste er essen, und schwer wurde sein Gewissen verletzt, als er von dem Baume kostete, dessen Früchte ihm erst durch Erfahrung, nach einer Erkenntniß, genießbar erschienen" (S. 70). Im Verlaufe der Zeit stellten sich nach climatischen und historischen Einflüssen auf das Gefühlsleben auch eigentümliche Gebräuche heraus, und zwar erscheint der Complex der späteren Gebräuche dem Vers, nach den Klassen zu scheiden. Solche, die auch ohne Überlieferung durch die Gewalt historischer,, genetischer und elimatischer Bedingungen, oder psychischer und politischer Zustände (ist zum Lheil-schon in jenem enthalten) sich von selbst herausgestellt harten, andere, die sich als praktisch nützlich bewährten, endlich solche, die weder einen innern noch äußern Zweck hatten, weil „sie durch Gewohnheit und Accommodation, die sich bis ins Unveräußerliche steigern konnte, im Leben geblieben" (S. 72). — Eine zweite Stufe in der Geschichte erlangten die Gebräuche durch den Offenbarungsglauben. „Bis dcr Vorstand nöthige Kraft zum Angriff sich errang, hatten auch die Gebräuche sich inveterirt,.und durch die Gewalt der Gewohnheit, die fast die Richtung des Geistes bedingte, zu einer gewissen Zweckmäßigkeit auf der einen Seite, und zu einer gemüthlichen Innerlichkeit auf der andern sich gesteigert. Ein neues Moment wurde nun'gar aus der Geschichte der Religion, die den Gebräuchen ihrem innern Wesen nach ohnehin verwandt .ist, hinübergeholt und übertragen, nämlich: der Offenbarungsgtaube. Sein nothwendiges- Heraustreten in der Geschichte der Religion und des religiösen Gefühls mußte folgerechten Einfluß auf die Bethätigung desselben, auf die Gebräuche haben. Es geschieht aber keine geschichtliche Entwickelung und kein Fortsschritt gewaltsam; Alles ist in einem gradaten, stetigen Anderswerden begriffen. Wie die Idee der Offenbarung aus den herrschenden Ansichten hervorging, sich diesen anschloß, diese in sich aufnahm, befruchtete und weiter bildete; also mußten auch die Lhaten und Handlungen, die sie hervorrief und bedingte, hervorgehen aus der herrschenden Lebensweise und den überkommenen Gebräuchen, und sich diesen anschließen. Wohl mußte' der Offcnbarungsglaube nach einer gewissen Unmittelbarkeit und nach dem innern Drang zur Bethätigung der neuen Idee sich manche neue Institutionen setzen, manche alte ausmerzen; der Geist des Ganzen durste durch diese Veränderungen nicht innerlich ergriffen, nicht aufgegeben werden, oder besser: die Form, soweit sie durch die herrschende Lebensansi'cht getragen und bedingt wird, konnte nicht gewaltsam verletzt werden; sie behauptete sich in ihrer essentiellen Nothwendigkeit der neuen Entfaltung und Entwickelung gegenüber. .So wurden die alten Gebräuche, so weit sie vereinbar oder unabweisbar waren, in den neuen Idecnkreis ausgenommen, und erhielten dadurch eine Weihe" (S. 75). Um die Nothwendigkeit dieser Stufe behaupten zu können, braucht natürlich nicht bewiesen zu werden, daß eine Offenbarung stattgefunden — was der Verf. übrigens (S. 76) für historisch begründet anerkennt, dessen Beweis aber als nicht hierher gehörend abweist — sondern, daß der Glaube an eine solche existirt habe, und das ist ohne weitere Belege erwiesen 34). — Dem gläubigen Gemütss durch Wunder vermittelt , durch die erhabene Thätigkeit der Propheten in ihrer Reinheit und Nationalität geschirmt, erstieg der Complex der Gesetze und Gebräuche eine dritte Stufe in der Identisicirung derselben mit der innerlichen Natur und Bestimmung des Menschen, und in der Anerkennung ihres Zweckes als der einer absoluten Nothwendigkeit. „Sie wurden gelehrt, von Gott gegeben, durch Wunder beglaubigt, und doch in dem bestimmten Nationalcharakter dergestalt bedingt, daß sie sich wie in einer Unmittelbarkeit durch sich selbst herauszustellen schienen, und daß sie in positiver Ueberzeugung als allgemein nothwendig betrachtet werden mußten.' Sie bekamen einen selbstständigen Werth" (S. 84). Daß die Zeiten-selbst Einfluß darauf hatten, braucht nicht erst weiter auseinandergesetzt zu werden (vgl. S. 85, unten). Wenn nun auch sämmtliche Gebrauche und Gesetze, sowohl die niedergeschriebenen als auch die tradirten auf einer Stufe standen, und mit gleich gläubiger Ueberzeugung geübt wurden, so hatten doch die in der Schrift deutlich verzeichneten jene mystische Heiligkeit voraus, die sich durch die Gewalt des Buchstaben überhaupt und durch die hebräische Sprache besonders (vgl. S. 00 oben) herausstellte, auch waren sie nicht für den Einzelfall gegeben, sondern allgemeine Regeln, neue erzeugend. Daher war es. auch, wie bekannt, untersagt, die sich später herausstellenden Additamente, welche im Gegensatz zu dem schriftlichen Gesetz das mündliche genannt wurden, aufzuzeichnen^ Einzelne Gesetze waren deßwegen doch schon ausgezeichnet, ja sogar größere Mschnasammlungen 3S) schon da, als R. Iehuda Hanast (nicht Hanassi S. 89) 600 Seda- 34) Desto eher hätten wir gewünscht, zu erfahren, woher die fast als Schriftstelle (vergl. S. 26 unten) citirte Phrase: „Feuer und Blitze flammten in dunkler Wolke, in des furchtbaren Donners Getöse erdröhnte die Erde, und der Ewige gab das heilige Gesetzbuch" (<S. 78) entnommen sei. 35) Vgl. Zunz G. V. S. 45 unten. S..46. Anm. a.

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