Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1842
- Issue
- 26 (25.6.1842)
- Date
- 1842-06-25
- Page
- Spalte 413-414 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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413 Der Geist der talmud. Auslegung der Bibel, von Hirschfeld. Beurcheilt v. Cassel. 414 neuer getreten war. Und unter diesen Unglücklichen waren die Juden, ihrer politischen Existenz nach, die Unglücklichsten, von allen Seiten Verfolgten, überall Zurückgestoßenen, Knechte der Knechte. Aber sie hatten aus dem ungeheuren Schiffbruche der Zeit etwas gerettet, was kein Volk. Ihr Gott war ihnen geblieben; in der Mitte der zahllosen Trümmer gestürzter Götterstatuen stand der Gott aufrecht , dem nie eine Statue geweiht worden; seine Macht, seine Erhabenheit, seine Einzigkeit war Lief überzeugend durch die Noch der Zeiten gelehrt werden. „Cs hatte sich bei den Juden also um dise Zeit eine Richtung des Geistes hcrausgestellt, welche der der Provinzbewohner gerade, entgegengesetzt war. Der Glaube 'diese,r sank, der der Juden stieg, und hatte alle Wahrheiten in sich ausgenommen und vereint; jener vergrößerte das allgemeine Elend, und brach um so mehr zusammen, dieser tröstete mit einer Zukunft und befestigte sich darum um so mehr. Während die -Menschheit der Heidenwelt den innern Seelenadel durch den Bruch des Glaubens eingebüßt, errang das jüdische Volk, im Vertrauen auf die Größe und Bedeutung seiner That, das Selbstgefühl einer unendlichen Erhabenheit." (S. 35.) Daher also die für die Folge so sehr wichtige, in ihrer Erscheinung einzige Geistesrichtung dieser Leit. Das väterliche Gesetz, bewahrt durch so viele Drangsale und Noth, mußte immer mehr der Mittelpunkt einer jeden geistigen Thätigkeit werden; die Beschäftigung mit demselben die Krone aller Mühe. Schon hierdurch allein mußten die andern Wissenschaften in den Hintergrund treten, hätte auch die Barbarei und der Druck der Feinde zu einer fruchtbaren Beschäftigung damit Zeit gelassen. „Selbstständig würde in keinem Gebiete des Wissens geforscht, des Wissens wegen. -Im Gebiete der Religionsphilosophie wurden zwar Studien gemacht, doch nur um die gewonnenen Wahrheiten mit dem Glauben zu vereinen, was mit dem Glauben nicht vereinbarlich schien, wurde verworfen und durste nicht betrieben werden. Das Wissen und Forschen lieferte darum kein anderes Resultat, als was mit dem Glauben harmonirte; wiederum hatte man über den Glauben kein strenges, vollgültiges Urtheil, da Alles in denselben hineingetragen wurde, was wahr erschien." 33) (S. 41.) — Aus dieser Geistesrichtung 33) Was wir hierbei vermissen, ist die Einwirkung des Christenthums auf die damalige Zeitrichtung. Wenn es zwar die Höhe, von der herab es wesentlichen Einfluß üben konnte, erst am Schluß der talmudischen Epoche erlangte, so durste doch gerade in Südeuropa und Westasien das Zusammentreffen von christlichen und jüdischen Ideen mannigfache Bildungen erzeugen; wie auch manche Stelle im Talmud, wenn sie nicht von der Unkritik späterer Intoleranz getilgt worden, andeutet. Um so mehr wundert es uns, daß mit keiner Sylbe des Christenthums gedacht ist, obgleich mehre Male die Veranlassung sehr nahelag (S. '28. 32). — Nicht weniger befremden -Ausdrücke, wie „Nationalgott der Juden" (S. 31. 32. 83), da bekanntlich schon exilische Propheten die Idee eines solchen immer mehr zu bekämpfen suchen^, bei den späteren Juden aber auch in dem Sinne, den der Vers, diesem Ausdruck unterlegt, keine Spur davon zu finden ist. Für und aus diesen Zuständen der Intelligenz ergiebt sich das Bild der Schrift, wie es sich nach seinen innern Wesen, dem Inhalt, und nach seinem äußern der Sprache, erschloß. Die Bibel lehrt in den Halachastellen eine Menge Gesetze, deren Grund uns unbegreiflich ist, die also bei ihrem unbezweifelt göttlichen Ursprung in ein geheimnißvolles Verhältniß von Wirkung und Ursache zu setzen, und mit einem wunderbaren Nimbus (nicht Nymbus wie S. 48. 53) zu umhüllen sind; aber sie müssen auch „wie sie die Heiligkeit und Heiligung des Lebens beabsichtigen, selbst heilig sein". Der Mensch „darf nie wähnen, den eigentlichen Grund erfaßt zu haben, wenn gleich er scheinbare Gründe anzugeben berechtigt ist, und wohl solches auch vermag" (S. 48). Und diese Tendenz der Bibel wurde durch die Tradition derselben bekräftigt und bestätigt, oder lebte vielmehr in und durch die Tradition. Und zwar nicht die Tradition, wie sie jetzt der orthodoxe Volksglaube lehrt. Dieser unterscheidet sich , wie der Vers. S. 43—45 sehr stark hervorhebt, bedeutend von dem alten Glauben an Tradition. Dieser war „der unmittelbare Glaube, der keinen Unterschied zwischen der invividuellen Ueberzeugung und der zu vermittelnden Wahrheit ahnt oder weiß, der darum gläubig ausnimmt, weil es das einzige untrügliche Mittel der Wahrnehmung ihm dünkt" (S. 45). Dagegen ist der neueren Orthodoxie der Traditionsglaube ein „überkommenes Gut, von dessen Trefflichkeit sie Gelegenheit fand sich zu überzeugen" (S. 43). Oder deutlicher ausgedrückt: Die Alten (d. h. die Talmudisten) lebten in der Tradition mit fort, waren sich der Tradition als der fortschreitenden Entwickelung der Religion mehr oder minder bewußt, waren sich auch der Nothwendigkeit dieser Entwickelung bewußt, und fanden daher es nicht nur nicht nöthig, dieses nothwendig Begründete zu beweisen, sondern sie stellten die flüssige, sich an Zeit und Ort anschmiegende Lehre der Tradition in mancher Beziehung höher als den starren Buchstaben der Schrift. Dagegen ist in der späteren Schule die Tradition zu etwas Selbstständigem neben dem Gesetze Dastehendem geworden, welches das Letztere seit seinem Bestehen begleitet, und zu dessen Erklärung und Erweiterung dienen soll. Beide Schulen kommen in dem Resultate überein und vertheidigen esl, aber aus verschiedenem Grunde; jene weil es etwas aus ihrem Bewußtsein heraus Erwachsenes ist; diese, well sie von außen her sich von der Trefflichkeit desselben überzeugt hat. — Und durch diese Tradition wurde der großartige Gedanke, daß „sich Gott in der ganzen Fülle seines Wesens offenbart, dem Volke Gesetze und Gebräuche, die der Mensch zum Heile der Wett '(}TO TN DIND DftlN ntaw* "Hfito) üben solle, selbst gelehrt" durch das Mysteriöse und Wunderbare, das sie um ihn Ausdrücke/ wie „altes Testament" (S. 31) „alter Bund" (S. 77) hatte man andere gewünscht, obgleich es gerade auf das Wort nicht ankommt; auch begreift man nicht, warum die Erzählung von I. ben Gerim Sabb. 33b eine Parabel genannt wird (S. 39. Anm. 1) endlich ist S. 41. Anm. 1. X, 1 statt XI, 1 zu lesen..